Musik ist seine Konstante im Leben

Theo Weber

Von Theo Weber

Fr, 10. August 2018

Seelbach

LAND UND LEUTE: Christian Immo Schneider hat einen Teil seiner Jugend in Seelbach und Lahr verbracht – nun musizierte er hier.

SEELBACH. Er ist in Dresden geboren, hat zwei Lahrer Gymnasien besucht, kennt den Seelbacher Tretenhof und lebt heute in den USA. Kindheit und Jugend Christian Immo Schneiders sind geprägt von Brüchen und Umbrüchen, der Suche nach Beruf und Berufung. Eine Konstante ist die Musik. Am Wochenende ist er zurückgekehrt, hat mit seinen früheren Klassenkameraden auf der Dammenmühle gefeiert und am Sonntag ein Orgelkonzert in der Sulzer Kirche St. Peter und Paul gegeben.

Eine Konstante in Schneiders Leben ist die Musik. Als Schüler war er Organist an der Stiftskirche in Lahr, als Professor kam er von 1978 bis 2014 jährlich nach Europa und gab Konzerte in Deutschland – unter anderem auch in der Seelbacher Kirche St. Nikolaus, zu der er seit seiner Zeit auf dem Tretenhof eine besondere Beziehung hatte – in der Schweiz, in Frankreich und in England. "Wir Professoren wurden nur zehn Monate im Jahr bezahlt, in den Semesterferien gab’s kein Geld", erzählt der 83-Jährige. Schneider konnte seine Freunde und Verwandten besuchen und gleichzeitig mit den Konzerten die Haushaltskasse aufbessern.

1935 in Dresden geboren, zeigt sich Christian Immo Schneiders musikalisches Talent früh. Er besteht die Aufnahmeprüfung für den Dresdener Kreuzchor. Und er erlebt die Bombardierung im Februar 1945. Sein Vater bringt ihn zu Verwandten nach Leipzig. Der Vater, Bibliothekar von Beruf, wird zum Volkssturm eingezogen und kommt ums Leben. Schneiders Mutter war bei seiner Geburt gestorben. In Leipzig wird er in den Thomanerchor aufgenommen. "Es war eine schöne Zeit, streng zwar und mit einem straffen Zeitplan. Freizeit hatten wir fast keine", erinnert er sich. 1948 bringt ihn seine Tante nach Frankfurt zu Verwandten. Von dort geht es nach Oberbayern und in die Schweiz. "Eigentlich war vorgesehen, dass ich nach Salem ins Internat gehen soll, aber das Geld hat dafür nicht gereicht", erzählt Immo Schneider. Stattdessen steht er in Lahr am Bahnhof. Der Sohn des Heimleiterehepaars holt ihn ab auf den Tretenhof. "Jetzt lernst du das normale Volk kennen, Elite hast du im Thomanerchor genug kennengelernt, hat meine Tante zu mir gesagt", erinnert er sich lachend.

Die Zeit auf dem Tretenhof ist für ihn eine glückliche Zeit. Ausflüge mit dem ältesten Sohn des Heimleiterehepaars, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbunden hat, Bubenstreiche, das Schwimmen lernen in der Schutter, Ausflüge auf die Geroldseck oder auf den Geisberg, erste Annäherungen ans weibliche Geschlecht. All das schildert Immo Schneider in seinem 2016 erschienenen Buch "Aus Talhofzeiten". Die Namen und Orte hat er verändert, der ältere Seelbacher entdeckt dahinter schnell vertraute Personen.

"Die Gottesdienste von Pfarrer Klatt im Schuttertal habe ich oft auf dem Harmonium begleitet. Pfarrer Morgenthaler hat mir, dem evangelischen Buben, erlaubt, auf der Orgel in der katholischen Kirche zu üben", ist er ihm heute noch dankbar. Gern erinnert er sich, dass er an Ostern das Postludium gespielt hat. "Das haben zu dieser Zeit nicht alle Katholiken gutgeheißen", erzählt er.

Die Idylle ist vorbei, als das Heimleiterehepaar plötzlich den Tretenhof verlassen muss. Immo Schneider nimmt ebenfalls Abschied und kommt zu Pflegeeltern nach Lahr. Er besucht das Max-Planck-Gymnasium, wechselt aber in die Oberstufe aufs Scheffel-Gymnasium. "Fürs Studium hat man das große Latinum gebraucht, außerdem habe ich mit Mathe rein gar nichts anfangen können." 1958 macht er das Abitur. Er nimmt Klavier- und Orgelunterricht und ist Organist an der Stiftskirche.

"Jetzt lernst du das
normale Volk kennen."

Immo Schneiders Tante, als er in den Tretenhof in Seelbach kommt
Auch die Studienzeit ist eine Zeit des Suchens für Immo Schneider. Psychologie, Philosophie, Germanistik, Geschichte, Anglistik und Musikwissenschaft hat er von 1958 bis 1964 in Freiburg, Heidelberg, München und Tübingen studiert. "Psychologie hat mir Spaß gemacht. Der Parapsychologe Hans Bender hat mir dazu geraten. Aber dazu gehören auch zwei Semester Statistik, Mathe ist immer wieder die Crux gewesen." München war ihm zu überlaufen. In Heidelberg schreibt er sich am kirchenmusikalischen Institut ein. "Ich habe mich mit der Zeit verzweifelt gefragt, was aus mir werden soll. Ich habe mir ernsthaft überlegt, ob ich ins Kloster gehen soll", erinnert er sich. In Tübingen lernt er Sylvia Lambert kennen. Der Kontakt reißt nicht ab, als sie in die USA zurückkehrt. Sie vermittelt ihm ein Stipendium in Ohio.

"Als ich in den USA war, hat sich plötzlich alles gelichtet, ich meine Zukunft vor mir gesehen", sagt er. 1968 schließt Immo Schneider sein Studium ab mit der Promotion über den Todesbegriff bei Hermann Hesse. Bis zu seiner Emeritierung ist er Professor of German an der Universität in Ellensburg im Staat Washington. Nebenher setzt er sein Musikstudium fort, insbesondere Komposition, und schließt es 1978 ab. Durch die Gesamtaufführung von Bachs Orgelmesse und eine musikwissenschaftliche Arbeit darüber erhält er die Konzertreife. Nach seiner Emeritierung 2002 hält er bis 2014 literarische Vorträge und gibt Orgelkonzerte.

Eine Reihe literarischer Beiträge, schwerpunktmäßig zu Hesse, schreibt der Wissenschaftler Schneider, dazu Gedichte, neben seiner Dissertation ein weiteres Buch über Hermann Hesse und eben sein Buch über die Zeit auf dem Tretenhof. Umfangreich ist sein musikalisches Schaffen, das zum Teil noch unveröffentlicht ist. Mehr als 700 Klavierlieder komponiert er, darunter gut 100 nach Gedichten von Hermann Hesse. Sein "Dresdner Requiem" schreibt er in zwei Fassungen – eine für gemischten Chor und Orgel, die andere für Orchester, gemischter Chor und Orgel.

Auch mit 83 Jahren hat Immo Schneider noch große Pläne. Er plant die Herausgabe der Schriften seines Vaters R. Helmut Schneider, der neben seiner Arbeit als Bibliothekar Novellen, eine Komödie und zwei Romane geschrieben hat. Dazu hat er über viele Jahre Tagebuch geführt. Und schließlich plant er, ein weiteres Requiem zu komponieren.

Das Konzert für seine Klassenkameraden des Max-Planck-Gymnasiums in der Sulzer Kirche hat Immo Schneider dem kürzlich gestorbenen Lahrer Kirchenmusiker Ernst Wacker gewidmet. Ob es sein letztes Konzert in Europa war oder ob noch weitere folgen, lässt er offen. "Das Reisen wird immer beschwerlicher."