Sehnsucht nach neuen Ufern

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Sa, 07. Juli 2018

Klassik

Freiburger Akkordeon Orchester in Kirchzarten.

Beim ersten von drei Konzerten mit dem Titel "Nostalghia" zum 90. Jubiläum ließ Volker Rausenberger, der Leiter des Freiburger Akkordeon Orchesters (FAO) in der vollbesetzten Rainhofscheunentenne in Kirchzarten keinen Zweifel: Das FAO sei nicht rückwärtsgewandt, der Titel bedeute vielmehr im Russischen und Italienischen Sehnsucht – nach Neuem, Grenzenlosem, nach Freiheit in der Musik.

Da lag es nahe, mit dem experimentellen Jazzmusiker Michel Godard und dem Freiburger Rahmentrommler Murat Coskun Gäste einzuladen, die eine ähnliche Haltung beseelt. Und die Melange funktionierte vorzüglich. Godards "Une folie de 1000 lumières" entzündete als Intro gleich funkelnde Klanglichter. Der Meister improvisierte eindrucksvoll auf dem Serpent, dem Vorläufer der heutigen Ventil-Basstuba, organisch aufgehoben in dem komplex-mehrstimmigen Klangteppich des Orchesters, vorangetrieben durch Coskuns einfühlsamen Groove.

In einer grandiosen Version von Stings "Mad about you" präsentierte Godard erneut die Eignung der Basstuba auch als Melodieinstrument und wurde in den Soli explosiv assistiert von Rausenberger am Akkordeon. Coskun setzte einen weiteren Höhepunkt. Seine Komposition "Rattlesnake" leitete er mit obertönigem Gesang ein, setzte mit Trommeln den Grundrhythmus, das Orchester folgte kongenial. Musikalisch wurden Bilder eines Kampfes zwischen Schlange und Beutetier gezeichnet, vom gegenseitigen Belauern über mehrfache Angriffe bis zum bitteren Ende. Godard griff bei seinem "Sonnet oublié" zunächst zur Bassgitarre und legte mit einem Loop-Generator die Basslinien als Fundament für die Orchesterbegleitung, in der sich die drei Solisten in ihren Höhenflügen abwechselten.

Einer schönen Tradition folgend bot das FAO der Freiburger Musikschule, mit der es in Kooperation verbunden ist, eine Bühne. Eine sechsköpfige Formation unternahm in erstaunlicher Qualität einen Ausflug in die Welten der Balkan-, Sinti- und Klezmer-Musik. Der Schlussteil, wieder dominiert vom Gesamtorchester, stand im Zeichen von weiteren Kompositionen von Godard, die dem FAO und den Solisten Gelegenheit gaben, ihre Vielseitigkeit zu zeigen. Fazit: Dem eingangs formulierten Anliegen wurde glänzend Rechnung getragen.

Weiteres Konzert: heute, Samstag, Müllheim, Martinskirche, 20 Uhr.