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30. Januar 2009
Selbst melken leicht gemacht!
Ku(h)linarischer Milchgenuss beim Melkseminar in Kirchzarten
Es schneit, stinkt und muht bei der Ankunft auf dem Hof in Kirchzarten: Keine Lichter weit und breit, dafür Kühe, Hunde, Katzen, Wiesen, Wälder und ein über 150 Jahre alter Stall. Hier also können kleine und große Städter in einem Seminar das Melken lernen – und ihre Klischees über das Landleben ablegen. Denn da tritt auch schon Frau Mayer, die Bäuerin, aus der Tür: groß, jung, schlank plaudert sie in nahezu dialektfreiem Hochdeutsch mit den Teilnehmern und verteilt Gummistiefel und Stallkittel.
Die 34-jährige Ergotherapeutin und Landwirtin aus Leidenschaft führt vier Männer und eine Frau in den Melkraum. Die gucken sich skeptisch um in der kleinen Zelle voller Gestänge, gekachelt, tiefer gelegt und mit dem Charme eines alten Schwimmbads. Wie soll man auf so engem Raum einen Melkschemel neben der Kuh platzieren? fragen sich die Jungbauern auf Probe. Dorothea Mayer lacht. Denn in Wirklichkeit werden Kühe schon seit den 30er Jahren mit der Melkmaschine gemolken, erklärt sie und schreitet zur Tat. "Zuerst einmal müsst ihr den Euter kräftig mit Holzwolle säubern. Aber nicht zu sanft, sonst ist es für die Kühe kitzelig. Schaut, die Berta hier ist besonders kitzelig. Wenn ihr etwas falsch macht, zeigt die Kuh euch das sehr deutlich", sagt Frau Mayer, lächelt wieder und macht es absichtlich falsch. Daraufhin wackelt Kuh Berta energisch mit dem Hinterteil und schlägt mit dem Schwanz. "Einfach mal probieren", ermuntert Frau Mayer ihre Teilnehmer, die 23 melkbereite Kühe vor sich haben.
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Robert und Christian sitzen im warmen Melksaal auf einer Bierbank und beobachten ihre Freunde aufmerksam, wenn sie nicht gerade von liebestollen Katzen abgelenkt sind, die maunzend und schnurrend um ihre Beine streichen – oder ihnen gleich auf den Schoß springen. Immer zwei bis drei Teilnehmer können gleichzeitig acht Kühe melken. Saubermachen, vormelken mit der Hand und dann die Melkmaschine mit ihren Pumpstöpseln an die Zitzen hängen. Als endlich alle Kühe angestöpselt sind, betrachten die jungen Männer und Frauen stolz und ein wenig liebevoll ihre mit der Melkmaschine dekorierten Kühe.
Der Besuch auf dem Bauernhof ist ein Geburtstagsgeschenk an den ehemaligen Biologiestudenten Christian. Sein Freund Roland hatte die Idee mit dem Melkseminar. Schließlich soll ein Akademiker auch praktische Erfahrungen sammeln. "Ich finde, das ist genau das Richtige für ihn. Das ist cool. Wer macht das schon mal? Die meisten Stadtkinder wissen ja nicht einmal, wie ’ne Kuh aussieht." Während des Seminars stellt sich jedoch heraus, dass auch Landkinder einigen Trugschlüssen erliegen. So bedeutet beispielsweise ein großer Euter nicht, dass die Kuh viel Milch gibt, wie zwei vermuteten, die auf dem Dorf aufgewachsen sind.
Fast schon routiniert verläuft die Prozedur in der zweiten Runde und die Teilnehmer sind ganz in ihrem Element. Zwischen Melkmaschinen und Stallgeruch amüsieren sie sich über Frau Mayers Erzählungen von kitzeligen, zickigen und liebenswerten Kühen. Ein polyphoner Klingelton durchbricht das Geklapper der Melkmaschine: Das
Handy von
Christian klingelt
und schallendes Gelächter bricht aus, denn beim Kühemelken hat er wohl noch nie telefoniert.
Nach getaner Arbeit schlägt Frau Mayer vor, dass die neuen Landwirte nun die noch euterwarme Milch probieren. Die kommt dieses Mal tatsächlich von Hand gemolken in den Becher. Todesmutig wagt Roland den ersten Versuch. Die anderen beobachten ihn neugierig. "Superlecker", so sein Urteil und überzeugt damit alle. Während jeder einen Schluck von der selbst gemolkenen Milch nimmt, stöhnt Roland über die anstrengende Handarbeit. "Eine ganze Kuh mit der Hand zu melken, das hätte ich nie geschafft... einen Becher an einer Zitze vielleicht. Höchstens."
Dass Kühe nicht lila sind, wussten alle Teilnehmer durchaus. Doch vieles andere lernen sie an diesem Abend. "Krass Christian! Wusstest du, dass ein Euter in vier Kammern unterteilt ist?" schallt es durch den Stall. Frau Mayer gibt ihr Bestes, den Wissensdurst zu befriedigen und beantwortet geduldig alle Fragen zu Kühen, der aktuellen Agrarpolitik und ihrem Hof. Im Hintergrund ertönen nebenbei Sätze auf Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch. Denn das Seminar ist mit einem Franzosen und einer Spanierin international besetzt – und alle Kuh-Fakten müssen übersetzt werden.
Als alle Kühe zurück im Stall sind, wird ihr Abendmahl vorbereitet: Die Teilnehmer steigen eine schmale Treppe hoch, wo in einem Schober Berge von Heu lagern. Schließlich vertilgt jede Kuh pro Tag 15 Kilo frisches Gras, das durch ihre vier Mägen wandert. Zurück im Kuhstall, werden die Teilnehmer bereits erwartet: Viele hungrige Kuhaugen blicken ihnen sehnsüchtig entgegen. Am lautesten brüllen die kleinen Kälber. Frau Mayer zeigt, wie es geht und macht die Teilnehmer auf allerlei Besonderheiten aufmerksam: "Achtung! Die Blesse ist unsere kleine Zicke. Schau, wenn du die anderen streichelst, freuen sie sich, aber die Blesse bockt." Und schon sind alle unterwegs mit Heugabeln und Schubkarren, um die hungrigen Mäuler zu stopfen.
Nachdem die Kühe satt sind, lädt Frau Mayer die hungrigen Teilnehmer in ihre warme Stube ein und bietet Milch vom Hof, Apfelsaft und heißen Tee an. Und Christian resümiert, die Tasse in der Hand: "Es war ein super Geburtstagsgeschenk! Auch wenn ich nichts in der Hand habe, sondern im Magen, kann ich lange davon zehren."
Autor: Miriam Strauss


