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12. Juli 2011
Seufzen, jauchzen, sprechen, schmeicheln
Die Freiburger ZMF-Gala bereitet dem 75-jährigen Giora Feidman eine späte Geburtstagsfeier.
Der Abend beginnt so wie jeder Giora-Feidman-Abend: mit einem Klarinettenton, der zunächst nicht zu orten ist. Der Meister zieht von hinten ins ausverkaufte Zirkuszelt ein und schreitet langsam zu seinen expressiven Klarinettentönen den Mittelgang vor. Das bekannte jüdische Hochzeitslied "Hava Nagila Hava" wird im langsamen Tempo von ihm vorgetragen. Und bereits hier animiert der Klarinettist das Publikum zum Mitsingen.
Im weiteren Verlauf der dreieinhalbstündigen ZMF-Gala wird immer wieder gesungen. Das überaus wohlwollende Publikum, das einer riesigen Fangemeinde gleicht, ist beseelt und glücklich – spürbar an den enthusiastischen Reaktionen. Es liegt viel Pathos in diesem Abend und wenig Spontaneität. Es ist viel menschliche Wärme zu spüren, aber auch viel Kalkül. Es gibt viel berührende Musik von hervorragenden Interpreten zu hören, aber auch einiges Verzichtbare.
Eine große Musikgala mit einem längeren Wortbeitrag zu starten, ist grundsätzlich problematisch. Der auf dem Programmzettel als "Kurzgeschichte" aufgeführte Punkt entpuppt sich als Lesung aus Giora Feidmans im März anlässlich seines 75. Geburtstages erschienener Autobiographie "Du gehst, du sprichst, du singst, du tanzt". Die Geschichten aus Feidmans Leben, die der Schauspieler Michael Mendl daraus vorträgt, sind natürlich auch Werbung für das Buch, das es im Vorraum des Zirkuszeltes zu kaufen gibt. Ein wenig wird hier das Geburtstagsfest zur PR-Veranstaltung. Glücklicherweise ist Giora Feidman in erster Linie Musiker – immer noch in ausgezeichneter Verfassung. Er seufzt mit seiner Klarinette und jauchzt, spricht und schreit, schmeichelt und meckert. Schmerz und Freude liegen in der jüdischen Klezmermusik, die Feidman mit zwei verschiedenen Ensembles präsentiert, nah beieinander. Bei den trompetenartigen, scharf geblasenen hohen Klarinettentönen weiß man manches Mal nicht, ob eher Jubel oder Klage herauszuhören ist. Mit dem Gershwin-Streichquartett hat Feidman spielfreudige Kollegen an seiner Seite, die die vielen Ausdruckswechsel reaktionsschnell umsetzen. Zum Höhepunkt des ersten Sets vor der Pause werden Astor Piazzollas innig gespielte Kompositionen "Libertango" und "Los parajos perdidos", die die Musiker ineinander fließen lassen. Feidmans Hommage an seine alte Heimat Buenos Aires berührt. Ob man beim zweiten Satz von Mozarts Klarinettenkonzert das Publikum zum Mitsingen animieren sollte, wie der Klarinettist es tut, mag eine Geschmacksfrage sein. Der innige Charakter des Satzes jedenfalls geht im kräftigen Publikumsgesang verloren.
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Nach dem angenehm schlicht vorgetragenen Chopin-Nocturne in H-Dur op. 32 Nr. 1 vom jungen ZMF Preisträger 2011 Moye Kolodin nach der Pause wird der Abend mit dem Giora Feidman Ensemble noch intensiver. Es ist immer wieder ein Erlebnis, den Freiburger Percussionisten Murat Coskun zu hören. Bei den von ihm selbst gesungenen Versen "Biz Dünyadan gider olduk" des Mystikers Yunus Emre versetzt er die Daf, eine große, im Innern mit Metallscheiben bestückte Rahmentrommel, in ungeahnte Schwingungen. Giora Feidmans symbolträchtige Verquickung von deutscher, israelischer und palästinensischer Nationalhymne ist auch musikalisch interessant. "Bulgar Freilach" wird zur vibrierenden Festmusik. Mit Vittorio Montis "Csárdás" (fulminant: Enrique Ugarte/Akkordeon und Avi Avital/Mandolin) und vor allem mit der brillanten Blockflötennummer des Bassklarinettisten Raúl Alvarellos kommen Humor und Leichtigkeit in den Abend. Der "Frühling" aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten" und "Uf dem Anger" aus Orffs "Carmina Burana" sprühen in der virtuos geflöteten Fassung vor Witz. Und so geht dieser gelegentlich zu inszeniert wirkende Abend mit einer von vielen Soli durchsetzten, tanzbaren Fassung von "Goldene Chassene" angenehm unprätentiös zu Ende.
Autor: Georg Rudiger
