"Auf der Obstweise kann man Natur pur erleben"

Markus Zimmermann

Von Markus Zimmermann

Fr, 20. Oktober 2017

Sexau

BZ-INTERVIEWmit Brigitte Schindzielorz von der Umweltakademie des Landes zum 8. Süddeutschen Obstwiesenkongress, der am Samstag in Sexau stattfindet.

SEXAU. Zum 8. Süddeutschen Obstwiesenkongress lädt am Samstag die Umweltakademie des Landes mit örtlichen Kooperationspartnern nach Sexau ein. Nach Fachvorträgen am Vormittag steht nachmittags ein Besuch des Streuobstmodellprojekts auf der Hochburg an. Brigitte Schindzielorz von der Stuttgarter Akademie beantwortete unserem Mitarbeiter Markus Zimmermann im Vorfeld ein paar Fragen.

BZ: An wen richtet sich der Kongress, dürfen auch Laien kommen?

Schindzielorz: Es sind vor allem die zahlreichen "Stücklesbesitzer", Pächter und Mitglieder der Obst- und Gartenbauvereine, die die ökologisch bedeutsamen Obstwiesen in ihrer Freizeit mit viel Mühe, Herzblut und Einsatz pflegen. Vor diesem Hintergrund sind uns interessierte Laien, künftige Obstwiesenbewirtschafter und solche, die fachlich fit werden wollen, besonders willkommen. Die Veranstaltung bietet zugleich für hauptamtliche Fachberater, Vertreter von Kommunen, Behörden sowie Umwelt- und Naturschutzverbänden jede Menge Interessantes.

BZ: Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?

Schindzielorz: Wir erhalten täglich neue Anmeldungen. Ich denke wir könnten die 100 toppen.

BZ: Im Programm ist von den Streuobstwiesen als Trendsetter die Rede. Dabei sind die doch schon lange ein wichtiges Element der Landschaft. Was für einen neuen Trend verbinden Sie mit den Wiesen?

Schindzielorz: Wir beobachten seit einiger Zeit eine tiefe Sehnsucht der Menschen nach einem ursprünglichen, natürlichen Leben. Diese Sehnsucht äußert sich in einer neuen "Landlust" und lässt uns die Obstwiesen aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Auf der Obstwiese kann man Natur pur erleben, sich körperlich betätigen und kann seinen Kindern zeigen, wie der Apfel in die Flasche kommt. Obstwiesen sind der ideale Ort für entspannten Generationendialog und jede Obstwiese kann auch der eigene Bioladen sein. Der Trend geht hin in Richtung sinnvoller Einsatz in und für die Natur. Durch die Pflege einer Obstwiese ist es also möglich, seinen eigenen Beitrag zum Erhalt eines bedeutenden Natur- und Kulturgutes in unserer Naturerlebnislandschaft zu leisten.

BZ: Eine Fragestellung befasst sich auch mit der Thematik der Motivation der Bewirtschafter der Streuobstwiesen. Warum ist die gefährdet?

Schindzielorz: Viele Bewirtschafter von Obstgärten sind heute 70 Jahre und älter. Wenn sie einmal nicht mehr da sein sollten, kommt der Erbengeneration eine besondere Verantwortung zu. Diese muss bewusstgemacht und gleichzeitig das Image der Obstwiesenpflege verändert werden. Natürlich bedeutet der Erhalt einer Obstwiese Arbeit; wenn ich aber beim Schneiden der Bäume symbolisch meinem Vater, Großvater oder Urgroßvater die Hand gebe, weil sie die Bäume einst gepflanzt haben, und meinen Kindern, Enkeln und Urenkel durch die Baumpflege die Hand in die Zukunft reiche, bekommt diese Arbeit eine andere Dimension. Wer sich statt in einem Fitnesstudio auf der Obstwiese körperlich betätigt, verbessert seine Gesundheit und leistet gleichzeitig etwas für die Natur.

BZ: Gen-Reservoir ist ein weiteres Stichwort. Wie wichtig sind diesbezüglich die Streuobstbestände und wie gefährdet durch Beeinflussung von außen?

Schindzielorz: Die größte Gefährdung heimischer Obstwiesen sind sicherlich zunehmende Brache, Vernachlässigung oder der Siedlungsdruck und damit einhergehend Flächenverluste, obwohl Baden-Württemberg hinsichtlich der Anzahl von Obstwiesenbeständen an der Spitze aller Bundesländer liegt. Immens sind auch die genetischen Ressourcen in Form unterschiedlicher Obstsorten, die auf den Obstwiesen so umfassend sind, wie in keinem anderen Ökosystem sonst, in Deutschland. Es wird von einem Genreservoir von circa 3000 Obstsorten in Deutschland ausgegangen.

Brigitte Schindzielorz (55 Jahre) stammt aus Darmstadt. Die studierte Diplom-Geologin ist seit 1990 bei der Akademie für Natur- und Umweltschutz des Landes beschäftigt und dort in der ökologischen Bildungsarbeit tätig.