Zeuge auf der Flucht

Georg Voß

Von Georg Voß

Fr, 07. November 2014

Sexau

Zwei Jahre nach dem Streit in einer Sexauer Disco spricht das Amtsgericht einen Angeklagten frei.

EMMENDINGEN/SEXAU. Stress auf der Tanzfläche: Zwei Gruppen von Männern sind im September 2012 in der Sexauer Disco "Wagenrad" aneinandergeraten. Die Bilanz: drei Schwerverletzte, eine zum Teil verwüstete Disko und ein juristisches Nachspiel. Das Emmendinger Amtsgericht hat jetzt einen 37-jährigen Mann vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen – aus Mangel aus Beweisen.

Klar ist: Es war Alkohol im Spiel. Viel Alkohol. Ein Zeuge, der dabei war, brüstet sich vor Gericht damit, dass er schon mal 6,7 Promille Alkohol im Blut hatte. Nicht klar ist, wer angefangen hat – und worum es ging. Um eine Frau? War es ein Hahnenkampf, wie es Richter Thomas Ullenbruch formuliert? Was wirklich passiert ist am 23. September 2012 kann nicht rekonstruiert werden.

Flaschen, Gläser, Aschenbecher und Barhocker flogen durch die Diskothek, Messer wurden gezückt. Täter soll ein kleiner, stämmiger Mann gewesen sein – so wie der Angeklagte, der zudem noch vorbestraft war. Er kam wegen Verdunklungsgefahr drei Monate in Untersuchungshaft. Im Sommer 2013 begann ein Verfahren gegen ihn vor dem Freiburger Schwurgericht. Dort wurde er beschuldigt, einem Opfer eine Flasche auf die Stirn geschlagen und auf es eingestochen zu haben. Diese Vorwürfe konnten nicht erhärtet werden, der Prozess wurde zur weiteren Verhandlung an das Emmendinger Amtsgericht verwiesen.Gegenstand der Verhandlung: nur noch der Schlag mit der Bierflasche.

Nicht alle der elf geladenen Zeugen sind erschienen. Auch nicht der Nebenkläger – der ist wegen anderer Delikte zur Fahndung ausgeschrieben und untergetaucht. Richter Ullenbruch fragte einen der Zeugen, ob er sich an einen kleinen, stämmigen Mann erinnern kann, der mit einer sechs- bis siebenköpfigen Gruppe unterwegs war. "Ich weiß es nicht", sagt der Zeuge S. Die Bedienung sagt: "Den Angeklagten habe ich noch nie gesehen." Das sagt auch eine andere Besucherin der Disko. Nur eine einzige Aussage belastet den Angeklagten – die, die der untergetauchte Nebenkläger vor zwei Jahren bei der Polizei gemacht hat. Dieser, sagt der Hauptkommissar im Zeugenstand, habe erzählt, dass er böse angeschaut wurde – und später ein südländisch aussehender Mann auf ihn zugekommen sei. "Haben Sie ein Problem?", habe der Zeuge gefragt – unmittelbar darauf hätte der Angeklagte ein Messer hervorgeholt, in die Armbeuge gestochen und das Opfer mit der Flasche am Kopf verletzt. Für Richter Ullenbruch ein Logikproblem: Man könne nicht gleichzeitig zustechen und mit einer Flasche zuschlagen. Er will vom Kommissar wissen, ob beide Verletzungen vom selben Täter verursacht worden seien. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit", sagt der. Ullenbruchs Antwort: Die Beschreibung könne auch auf die anderen Gäste zutreffen.

Auch die Befragung anderer Zeugen bringt keine weiteren Erkenntnisse. Am Ende steht die Frage im Mittelpunkt, an welcher Stelle am Kopf das Opfer mit der Flasche getroffen wurde. Am Hinterkopf, wie ein Zeuge aussagt? Oder an der Stirn? Ulrike Schmidt, Ärztin und Sachverständige, verweist darauf, dass es drei Schnittverletzungen gegeben habe. "Was auffiel, war eine Schwellung am Hinterkopf – etwas das durch stumpfe Gewalt hervorgerufen wurde." Daher lasse sich der Anklagepunkt nicht aufrechterhalten, dass das Opfer an der Stirn mit einer Flasche verletzt wurde. "Es gab an der Stirn keine Kontaktstelle, auch keine Glassplitter", sagt Schmidt.

Staatsanwalt Christian Schmollinger plädiert nach siebeneinhalb Stunden Verhandlung für Freispruch, da nicht nachgewiesen werden kann, dass der Angeklagte der Täter war. "Es ist in erheblichem Maße fraglich, ob die Dinge so waren, wie es die Polizei geschildert hat", sagt Verteidiger Philipp Rinklin. Thomas Ullenbruch spricht den Angeklagten schließlich in allen Punkten frei. "Das Gericht ist alles andere als davon überzeugt, dass sich die Tat in Gestalt des Täters so zugetragen, so wie in der Anklageschrift stand", sagt er. Der Angeklagte soll jetzt für die Zeit in Untersuchungshaft entschädigt werden.