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23. Dezember 2010 08:05 Uhr

Alltag unter Beobachtung

Sicherungsverwahrung: Wie leben die Ex-Häftlinge in Freiburg?

In Freiburg sind fünf Männer auf freiem Fuß, die auf Schritt und Tritt bewacht werden. Wir haben ehemalige Häftlinge aus der Sicherungsverwahrung getroffen, die grotesken Szenen der Polizeibewachung beobachtet – und ihre Nachbarn befragt.

Wenn man weiß, was hier gespielt wird, erkennt man sie sofort. Auch Ekkehard Kiesswetter ahnt, was ihn erwartet. Eben ist der Rechtsanwalt aus Stuttgart mit dem Zug am Freiburger Hauptbahnhof angekommen. Die Rolltreppe trägt ihn herauf in die Bahnhofshalle. Seine Mandanten erwarten ihn; es sind drei – und ihre elf Begleiter. Die tragen Winterjacken, Rucksäcke, Mützen; nichts am Outfit verrät die Polizisten. Es fällt aber auf, dass sie einen Ring um die Männer bilden. Ihre Augen weichen nicht von den Dreien.

Kiesswetter, langer dunkler Mantel, schwerer Lederkoffer, ignoriert den Kordon. Entschlossen geht er auf seine Mandanten zu, schüttelt Hände. Nach kurzer Unterredung bricht er mit ihnen auf. Augenblicklich setzt sich auch die Kulisse in Bewegung. Kiesswetter steuert durch die Bahnhofshalle, neben ihm seine Mandanten, dahinter die elf Bewacher. Wie eine Schulklasse im Gänsemarsch. Der Mann ganz am Ende erstattet per Handy einem unsichtbaren Gegenüber Bericht. "Ein Mann um die 60", gibt er durch. "Die gehen jetzt durch den Seitenausgang hinaus. Wird das eine Beschäftigungstherapie?", fragt er leicht genervt. Dann legt er auf und beeilt sich, Anschluss zu halten.

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Eine absurde Lage für alle Beteiligten, auch die Bewacher

Die Gruppe passiert eine Fußgängerampel. Es ist gleich Mittag. Kiesswetter sucht ein Restaurant für ein Gespräch. Vor einer Pizzeria bleibt er kurz stehen, dann tritt er ein mit seinem Tross. Drei Bewacher folgen auf dem Fuße. Bei den anderen Acht wird es nun hektisch. "Vielleicht gibt es einen Hintereingang", ruft einer. Sofort ist ein zweiter bei ihm, beide laufen am Haus entlang, wollen sichergehen, dass keiner entwischt. Ein Dritter winkt einen weißen Kombi in eine Parklücke – ein Begleitfahrzeug.

Anwalt und Mandanten haben sich an einen Tisch in der Ecke gesetzt. Die Bewacher warten in einer Nische an einem Stehtisch, den Blick auf die Ecke gerichtet. Dort dreht sich das Gespräch um – sie, die Schatten. Der Anwalt plant mehrere Klagen, er will sich noch einmal mit seinen Mandanten beraten. Sie sind frühere Schwerverbrecher, die nach ihrer Strafhaft, weil man sie noch für gemeingefährlich hielt, jahrelang in Sicherungsverwahrung gehalten wurden und vor wenigen Wochen freikamen.

Ihre groteske Lage seither, die ständige Bewachung durch bis zu fünf Zivilpolizisten pro Entlassenem – eine absurde Lage für alle Beteiligten, auch die Bewacher – sie verstößt nach Überzeugung des Anwalts gegen das Recht auf Freiheit.

"Sie wie tickende Zeitbomben zu behandeln, halte ich für gefährlicher als den Versuch einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft." Rechtsanwalt Kiesswetter
Kiesswetter will daneben auch auf Schadensersatz klagen. Die Bedingungen, unter denen seine Mandanten in Freiburg in Sicherungsverwahrung gesessen haben, sie hätten sich nicht wirklich unterschieden von der Haft eines Strafgefangenen.

"Sicherungsverwahrung", als das Wort fällt, werden am Nachbartisch zwei Männer und eine Frau hellhörig. Ihr Mittagspausenpalaver verstummt. Verstohlen lauschen sie Rechtsanwalt Kiesswetters Ausführungen. Ganz ungeniert dagegen verfolgt ein Mann Ende 50 das Gespräch. Er hat sich an den Nebentisch gesetzt, Spaghetti und Apfelschorle bestellt. In der Nische geht es derweil zu wie im Taubenschlag. Ständiger Schichtwechsel, zum Aufwärmen offensichtlich. Draußen hat es Frost.

Nach eineinhalb Stunden sind der Anwalt und seine Mandanten durch mit ihrer Beratung. Mit den elf Begleitern im Schlepptau wandert die äußerst seltsame Gruppe zurück zum Bahnhof. Im Foyer verabschiedet sich der Anwalt und betritt einen Zeitungsladen. Die Beamten interessieren sich nicht mehr für ihn.

Den Polizisten am Nachbartisch habe er nicht bemerkt, gesteht Kiesswetter jetzt, da man ihn ansprechen kann. Auch das zeige, dass er nirgendwo ein vertrauliches Gespräch mit seinen Mandanten führen könne. Nach Stuttgart, in Kiesswetters Kanzlei, dürfen seine Mandanten nicht reisen, weil sie Freiburg nicht verlassen dürfen. Und deren Quartier dürfe wiederum er nicht betreten.

Kiesswetter ist seit fast 40 Jahren Anwalt, Vorsitzender des Anwaltsvereins Stuttgart, von 1992 bis 2001 saß er für die FDP im Landtag. Er sei schon immer gegen die Praxis der Sicherungsverwahrung gewesen, betont der 66-Jährige. Jetzt, am Ende seiner Anwaltslaufbahn, gönne er sich den Luxus dagegen anzugehen. "Sie wie tickende Zeitbomben zu behandeln, halte ich für gefährlicher als den Versuch einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft." Mit fünf Polizisten im Gefolge, wie solle man da eine Wohnung finden, einen Arbeitsplatz, soziale Kontakte?

Wer sind die Leute im Auto vorm Haus?

An der Freiburger Polizei liegt es nicht. Die Gefängnismauern, das erkennt man auch dort, ersetze man hier nur durch "menschliche Mauern". "Die Bewachung von ehemals Schwerkriminellen, denen eine sehr hohe Rückfallgefahr attestiert wird, ist eine Belastung, die für die Polizisten rund um die Uhr bedrückend ist", versichert Polizeichef Heiner Amann. Keiner seiner Kollegen habe sich so etwas bei der Berufswahl träumen lassen.
Dass diese Leute irgendwo in Freiburg wohnen, davon hatte Frau B. in der Zeitung gelesen, sich aber nichts weiter gedacht. Drei Tage später fiel ihr auf, dass auf dem Parkplatz vor dem Haus dauernd ein Auto stand, darin zwei Männer. Sie saßen da von morgens bis abends, jedes Mal, wenn Frau B. hinunter schaute, waren sie da. Irgendwann ging ihr Mann hinunter und sprach sie an. Es waren Polizeibeamte in Zivil, die das Nachbarhaus im Auge behielten. Das Problem, das Familie B. aus der Zeitung kannte, war plötzlich das Ihre geworden: Nebenan wohnt einer der Entlassenen, bewacht von fünf Polizisten, zwei im Auto, drei im Haus, in drei Schichten, rund um die Uhr.

"Mama, der Mann hat mich beobachtet"

"Anfangs waren wir befremdet", sagt Frau B. Ein Mann, der im Gefängnis saß, man weiß nicht weswegen. Dann sind da die beiden Töchter, eine 13, die andere 16, die Familie wohnt in einer ruhigen Gegend im Süden Freiburgs, fast schon isoliert – "das war schon beängstigend". Einmal kam die ältere Tochter vom Federballspielen im Garten, "Mama, der Mann hat mich beobachtet", da stand er am Fenster und schaute zu. Er hatte die Wohnung wechseln müssen, weil er bei einem anderen Haus in die Küche schauen konnte, jetzt blickt er auf den Garten von Familie B.

Die Eltern und die Kinder haben sich in der Küche zusammengesetzt und die Situation besprochen. Sie eifern nicht, aber sie sorgen sich. Sie versuchen, das Ganze rational zu sehen: Die Polizisten sind immer da, die Nachbarn informiert, wir passen aufeinander auf, da kann eigentlich nichts passieren. Keinesfalls soll Angst ihr Leben bestimmen, keinesfalls soll die Stimmung sich unnötig aufheizen wie in Opfingen, als das Gerücht durchs Dorf ging, dort wohne einer der Entlassenen, wo es eine anonyme Plakataktion gab und Schmierereien auf der Straße: "Hau ab du Drecksau" und "Kinderschänder". Familie B. möchte die Situation mit Anstand und Umsicht in den Griff kriegen.

Der Wunsch zum Fest: Einfach nur Ruhe

Aber dann gibt es diese Momente. Wenn der Mann hinten im Garten seines Hauses erscheint, Mülltüten in der Hand. Die Polizisten springen auf und hinterher. Will er zur Mülltonne oder entwischen? "Unheimlich", findet Frau B. Wenigstens ist die Nachbarschaft intakt und einer Meinung. Beim Nachbarn weiter hinten hat die Bild-Zeitung angerufen und Geld geboten: Er solle Fotos auf dem Handy machen und an Bild schicken; "Nein, danke", habe er gesagt, erzählt Frau B. Und alle haben einen Brief an den Sozialbürgermeister geschrieben, in dem sie ihre Bedenken geäußert haben wegen der Situation, mit der sie sich nun tagtäglich auseinandersetzen müssen. Den Mann, um den es geht, sieht Familie B. fast nie, er geht praktisch niemals aus dem Haus. Polizisten dagegen sieht sie dauernd. "Aber das", sagt Frau B., "ist gut, dann fühlen wir uns sicher. Die passen ja auf."

"Mein Bewährungshelfer versucht, mich einzugliedern, die Polizei, mich einzulochen." Ex-Sicherungsverwahrter
"Ich bin nicht Tarzan, der aus dem Dschungel in die Zivilisation kommt", sagt der beleibte Mann mit den angegrauten Haaren. "Ich bin aus der Informationsisolation in eine ganz andere Welt gekommen, in der ich jetzt selbst entscheiden kann, wann ich aufstehe, wann ich ins Bett gehe, welche Kleidung ich trage." Herbert Michels redet vom 10. September 2010. An jenem Tag, einem Freitag, wird er aus der JVA Freiburg entlassen. Nach vier Jahren Strafhaft. Und 21 Jahren Sicherungsverwahrung. Endlich in Freiheit. Freiheit? "Nein, ich fühle mich auf keinen Fall frei." Denn da sind die Polizisten, die ihn rund um die Uhr bewachen. Wenn Michels (Name geändert) in der Stadt, die er nicht verlassen darf, unterwegs ist, geht einer direkt rechts neben ihm. Einer direkt hinter ihm. Zwei folgen im Abstand von gut zehn Metern. Der fünfte fährt im Auto hinterher, dem Auto, in dem nachts drei Beamte vor der städtischen Unterkunft wachen. Während die beiden anderen im Zimmer neben Herbert Michels einquartiert sind. "Eigentlich bin ich isoliert." Beim Skat mit Mitbewohnern, beim Arzt – stets ist er hautnah bewacht. "Mein Bewährungshelfer", bemerkt er gallig, "versucht, mich einzugliedern, die Polizei, mich einzulochen."

Rein, raus, zurück: Freiburger "Totenstation"

Und vom "Loch" hat er eigentlich genug. Die Hälfte seines Lebens saß der 51-Jährige im Gefängnis. Seit 1985. Damals wurde er, der zwei Frauen vergewaltigt hatte, zu fünf Jahren Haft verurteilt – wegen Wiederholungsgefahr mit anschließender zehnjähriger Sicherungsverwahrung. Und dann erzählt der untersetzte Mann mit den weichen Gesichtszügen beredt von diesen 25 Jahren.

Drei Jahre lang macht er auf dem Hohenasperg eine Sozialtherapie, auf Lockerungen hoffend, die immer wieder abgelehnt werden. Dann fertigt der gelernte Stahlbauschlosser in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal "Türen für den Knast". 1989 wird er in die Sicherungsverwahrung der Freiburger JVA verlegt. In die "Totenstation", wie er sie nennt. Hier holt er den Realschulabschluss nach, fängt an, sich übers Telekolleg eine Fachhochschulreife zu erarbeiten. Immer das Ziel vor Augen, spätestens 1999 freigelassen zu werden.

Der Traum zerplatzt 1993, als Michels beschuldigt wird, eine Geiselnahme geplant zu haben. Er wird erneut nach Bruchsal verlegt, wo er beim Hofgang mit dem als Terroristen verurteilten Christian Klar ins Gespräch kommt. Seinem Freispruch in Sachen Geiselnahme folgt 1997 die Rückverlegung nach Freiburg, wieder in die Sicherungsverwahrung. Hier versucht er noch einmal, das Telekolleg zu beenden, was ihm, sagt er, aber nicht erlaubt wird – weil er ja ohnehin möglicherweise 1999 entlassen werde.

Just da beschließt die rot-grüne Bundesregierung 1998 ein Gesetz: Menschen mit Sicherungsverwahrung sollen "für immer weggesperrt" werden können, wie Kanzler Schröder schnörkellos vorgibt. Sogar rückwirkend.

Für eine Vorbereitung auf die Freiheit blieb keine Zeit

"Bis dahin hatte ich immer gehofft, 1999 raus zu kommen – alle hatten mir Hoffnungen gemacht, aber es ist nichts passiert." Also weigert Michels sich zu arbeiten. "Erstens wollte ich mein Humankapital nicht verschwenden." Und zweitens: "Ich war einfach gefrustet, weil ich mich verarscht gefühlt hab’." Dennoch arbeitet er unermüdlich – in eigener Sache. Schreibt Beschwerdebriefe gegen seine Sicherungsverwahrung. Er kennt sich gut aus mit Gesetzen, Paragrafen, Gutachten.

Im Mai 2010 weist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eine Beschwerde der Bundesrepublik Deutschland zurück: Das nachträgliche Verhängen der Sicherungsverwahrung sei menschenrechtswidrig. Michels ergreift die Gelegenheit – "Jetzt muss ich raus" – und beantragt seine Entlassung. Für eine Vorbereitung bleibt da keine Zeit mehr. Dennoch: "Diese Ad-hoc-Entlassung war das Beste, was mir passieren konnte." Dass er monatlich nur 337 Euro habe, mache natürlich Probleme. "Man hat ja so viel Leben nachzuholen." Dennoch komme er ganz gut zurecht. Auch mit dem kalten Winter. "Im Knast war’s kälter."

Sicherungsverwahrung? Sie hat für ihn grundsätzlich keinen Sinn. "Lieber die Strafhaft verlängern, dann hat man ein festes Ende im Blick." Denn: Wer keine Aussicht auf ein Ende im Gefängnis hat, hat auch keine Motivation, sich auf eine Entlassung vorzubereiten, etwa durch eine Therapie. Jetzt muss Michels sich beim Bewährungshelfer und bei der Forensischen Ambulanz einmal pro Woche melden. "Ich mach’ alle Bemühungen", versichert der Mann, der kein Gefangener mehr ist, aber auch nicht frei. Er hat eine Therapie angefangen. In einem ist sich Michels allerdings ganz sicher: "Diese Gefährlichkeit, die uns Leute unterstellen, die uns nicht kennen, ist nicht nachvollziehbar." Auch Sicherungsverwahrte, sagt er, sollten sich bewähren können.

Wie Herbert Michels die Festtage verbringen wird, weiß er noch nicht. Ein Mitbewohner hat ihn zu einem gemeinsamen Abend eingeladen. "Aber am liebsten möchte ich allein und die ständige Bewachung los sein." Das ist in diesen Tagen ohnehin der größte Wunsch des Mannes, der frei und doch nicht frei ist: "Mich einfach in Ruhe lassen."

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Autor: Arne Bensiek, Simone Lutz und Gerhard M. Kirk