Sie sind die Zukunft des Rock ’n’ Roll

Steffen Rüth

Von Steffen Rüth

Fr, 12. Oktober 2018

Rock & Pop

BZ-PORTRÄT der US-amerikanischen Band Greta Van Fleet, die viele Vorbilder aus den 70er Jahren haben.

Vor kurzem erst – die Band hatte zwei Wochen frei, was selten vorkommt, denn im Grunde sind Greta Van Fleet seit anderthalb Jahren ununterbrochen auf Tournee – besuchte Sam Kiszka seine Freunde daheim in Michigan. Sam ist 19, Bassist, genauso alt wie Schlagzeuger und Grundschulfreund Danny Wagner. Sams Brüder, die Zwillinge Josh (Sänger) und Jake (Gitarrist), sind drei Jahre älter. Jedenfalls: "Die anderen fangen jetzt gerade mit ihrem zweiten Jahr auf dem College an", erzählt Sam. "So ermüdend das Touren und der ewige Schlafmangel auch sind, ich hätte mich angekettet gefühlt, wenn ich immer nur an einem Ort wäre. Ich weiß nicht, ob ich als Musiker die wilderen Exzesse erlebe als meine Studentenkumpels, aber ich bin mir sicher, ich habe den allerbesten Job der Welt."

Das Treffen mit Sam Kiszka, einem langhaarigen, dünnen, und auf herzliche Weise selbstbewussten Burschen, findet in einem Hotel in West Hollywood statt. Inbrünstig erzählt er über die Anfänge der Band, im Zentrum seiner Ausführungen: Die "White’s Bar" in Saginaw, Michigan. "Ich war 15, als wir begannen, regelmäßig dort aufzutreten." Saginaw ist die nächst größere Stadt nach Frankenmuth, dem Kaff, in dem die Kiszkas und Wagner aufwuchsen, zwischen Detroit und der einstigen Industriemetropole Flint, deren Niedergang der Filmemacher Michael Moore in einer erschütternden Doku festhielt. Josh, Jake und Sam indes kommen nicht aus prekären Verhältnissen, die Mutter ist Lehrerin, der Vater Chemiker. "Natürlich waren unsere Eltern immer mit dabei, um auf uns aufzupassen."

Denn für vier Teenager aus der Provinz dürfte es wenig Faszinierenderes geben als einen Ort wie die "White’s Bar". "Das war, und ist immer noch, eine üble Spelunke in einer üblen Gegend. Eigentlich schlimm, aber total geil. Das Publikum bestand aus Bikern, Drogensüchtigen und Kriminellen. Dauernd haben sich die Typen geprügelt. Nur uns haben sie in Ruhe gelassen. Wir waren die Band. Uns haben sie respektiert."

Bis zu sechs Stunden am Abend spielten Greta Van Fleet, "anstatt ins Kino zu gehen oder uns mit Mädchen zu treffen." Da die Jungs noch nicht allzu viele Songs im Repertoire hatten, brachten sie sich quasi selbst das Improvisieren bei. Gern walzten sie Klassiker aus Rock, Blues und Soul aus, so konnte ihre Version von Creams "Crossroads" problemlos eine Viertelstunde dauern.

Die Bandgründung ging von Jake Kiszka aus. Sam war zwölf, als in der elterlichen Garage geprobt wurde. Was diese vier Jungs unter anderem einte, war ihr – für Teenager in den Zehnerjahren – außergewöhnlicher Musikgeschmack. "Wir tickten immer ein Stück anders, denn der Top-40-Mist, den die anderen hörten, hat uns nie interessiert. Crosby, Stills, Nash & Young, die Beatles, Eric Clapton, Muddy Waters, The Allman Brothers – damit sind wir groß geworden." Auch The Doors, The Who und Led Zeppelin waren und sind wichtige Einflüsse. Zeppelin-Sänger Robert Plant sagte neulich über Josh Kiszka: "Seine Stimme erinnert mich an jemanden, den ich sehr gut kenne." Er meint natürlich sich selbst. Da Greta Van Fleet auch in punkto Frisuren, Klamotten und Habitus auf der Bühne die eine oder andere Seite aus dem Led-Zeppelin-Handbuch gelesen haben, müssen sie sich immer wieder anhören, die junge Kopie der britischen Rock-Legenden zu sein. "An diesen Vergleich haben wir uns gewöhnt", stellt Sam Kiszka lakonisch fest. "Klar sind Led Zeppelin ein Einfluss, aber bei weitem nicht der einzige." Und für seine hohe Stimme könne Josh ja ohnehin nichts.

Klar ist freilich auch: Greta Van Fleet, benannt nach einer heute 86-jährigen Lady aus Frankenmuth mit Namen Gretna Van Fleet ("Sie ist stolz. Ihr Nummernschild am Auto lautet nun "GRETA".), überführen den Bluesrock der Siebziger in die heutige Zeit. Für den Rock ’n’ Roll ist dieses Quartett das Beste, was ihm seit Jahren passiert ist. Gleich mit der ersten Single "Highway Tune" löste die Band eine Begeisterung aus, die man in diesem Ausmaß sehr selten erlebt. Große Plattenfirma, große Konzertagentur, zuletzt Vorband von Guns ’N Roses und den Foo Fighters. Auch Elton John schwärmt von Greta Van Fleet und lud die Jungs Anfang des Jahres zum Konzert auf seiner traditionellen Oscar-Party ein. "Anthems Of The Peaceful Army", das Debütalbum, wird für einen weiteren Schub sorgen. Die zehn Songs reißen restlos mit, es gibt Melodien ("When The Curtain Falls"), Gitarrensoli, auch mal akustische Einschübe ("You’re The One") und ganz grundsätzlich eine vor Energie und Spiellust berstende junge Band. "Wir sind überzeugt, dass Rock ’n’ Roll nicht nur nicht totzukriegen ist", tönt Sam, "sondern vor einer großartigen Zukunft steht."

Greta Van Fleet: Anthem Of The Peaceful Army (Universal).