Überblick

Sieben neue Livealben von Bruce Springsteen bis Adel Tawil

Stefan Rother, Stefan Franzen, Alfred Rogoll, Andreas Collet

Von Stefan Rother, Stefan Franzen, Alfred Rogoll & Andreas Collet

Do, 10. Januar 2019 um 19:20 Uhr

Rock & Pop

Rock, Weltmusik, Jazz oder Pop; Bruce Springsteen, das Rudolstadt-Festival, Grant Green oder Adel Tawil – ein Überblick über sieben neue Live-Alben.

STEVEN WILSON

Zweifellos makellos

Ob als Frontmann von Porcupine Tree, als Solo-Künstler, in diversen Kollaborationen oder als Klangzauberer, der alten Aufnahmen von Progressive-Rock-Helden wie Jethro Tull oder Marillion eine Frischzellenkur verpasst: Steven Wilson steht eigentlich immer für Qualität. So sind auch Ton und Bild des in zahlreichen Formaten und Kombinationen erhältlichen Konzertmitschnitts "Home Invasion: Live at Royal Albert Hall" über jeden Zweifel erhaben. Und auch die Musik kann überzeugen – vermutlich selbst die Skeptiker, denen einige Stücke des letzten Studioalbums "To the Bone" zu poppig waren. In die Playlist mit Titeln aus zahlreichen Karrierephasen fügen sie sich überraschend gut ein. Auf DVD und Blu-Ray finden sich noch drei zusätzliche "Rehearsal Tracks" sowie ein Interview. Auch die aufwändige optische Inszenierung mit Lasershow, Projektionen und sogar Bollywood-Tänzerinnen spricht dafür, sich eines der Videoformate zuzulegen. Und dass auch der Surround-Sound gelungen ist, versteht sich bei dem 51 Jahre alten britischen Klangfetischisten ja fast von selbst.
Steven Wilson: Home Invasion: Live at Royal Albert Hall (Universal Music).

ADEL TAWIL

Schwungvolle Gäste

Adel Tawil ist schon ganz schön lange eine feste Größe im deutschen Musikgeschäft. Auf das frühe Boyband-Dasein als Mitglied der wenig originell betitelten The Boyz folgten haufenweise Hits als Duo Ich+Ich mit Anette Humpe, solo und in Kooperation mit vielen anderen Musikern. Eine große Auswahl davon gab es im Sommer 2018 in Tawils Heimatstadt Berlin zu hören. Um den 17 000 Fans etwas Neues zu bieten, lud der Sänger kurz vor seinem 40. Geburtstag reichlich Gäste ein. Die Rapper Sido, SDP, KC Rebell und Summer Cem verleihen den teils doch recht braven Tawil-Songs durchaus mehr Schwung, was auch von den Fans hörbar gefeiert wird. Dazwischen verfällt der Präsident der ZNS – Hannelore-Kohl-Stiftung aber bei Stücken wie "Ich bin wie ich bin" oder "Gott steh mir bei" etwas arg ins Predigen. Schön ist dagegen "Stadt", ein Duett mit Backgroundsängerin Maria – im Original war Tawil vor neun Jahren selbst Gastsänger bei Cassandra Steen. Für einen geringen Aufpreis gibt es die Doppel-CD auch mit DVD oder Blu-Ray.
Adel Tawil & Friends: Live aus der Wuhlheide Berlin (BMG/Warner).

VOLBEAT

Dänemarks Größte

So viele Zuschauer konnte zuvor noch nie ein einheimischer Künstler vor die Bühne locken: Im Beisein von knapp 50 000 Fans zementierten Volbeat im Sommer 2017 eindrucksvoll ihren Status als Dänemarks erfolgreichste Hardrock-Band. Klar, dass der Auftritt im Telia Stadion in Kopenhagen auch den übrigen Fans nicht vorenthalten werden sollte und jetzt auf Doppel-CD, wahlweise mit DVD oder Blu-Ray, veröffentlicht wird. In 26 Songs geht es quer durch die Karriere der 2001 gegründeten Band, ein solider neuer Titel, "The Everlasting" inklusive. Hymnische Melodien sind die Stärke der Gruppe, die in Kopenhagen prominent verstärkt wurde: So setzte sich ihr Landsmann Lars Ulrich von Metallica für zwei Songs ans Schlagzeug – darunter ist der Hit seiner Stammband, "Enter Sandman". Und an die Death-Metal-Wurzeln von Volbeat erinnern Beiträge von Mille Petrozza (Kreator) und Mark Greenway (Napalm Death).
Volbeat: Let's Boogie! Live from Telia Parken (Vertigo/Universal).

RUDOLSTADT

Riesige Bandbreite

Als eines der spannendsten europäischen Sommer-Events ist das Rudolstadt-Festival seit 1991 ein Mekka für Weltmusik, Folk und Songwriting. Jedes Jahr zeichnet eine Doppel-CD die unvergleichliche Stimmung in der thüringischen Kleinstadt während der vier Konzerttage nach. Die riesige Bandbreite reicht von Diego El Cigalas feuriger Kreuzung zwischen Flamenco und Kuba bis zur betörend exotischen Musik der Usbekin Munadjat Yulchieva, vom zupackenden Orientrock von Mashrou’ Leila bis zur afro-karibischen Fiesta der Venezolanerin Betsayda Machado. CD Nummer zwei widmet sich ausschließlich dem Länderschwerpunkt Estland, das seinen Reichtum mit baltischem Bluegrass von den Curly Strings, elektrisierendem Runenfolk von Maarja Nuut oder dem Vokalensemble E Studio Noortekoor ausbreitet. Als DVD-Bonus gibt es das TV-Spezial "Ein irrer Hauch von Welt" und einer Dokumentation des "Songposiums" obendrauf.
Verschiedene: Rudolstadt-Festival 2018 (Heideck/Galileo).

BRUCE SPRINGSTEEN

Intime Atmosphäre

Den Ruf als großer Geschichtenerzähler hat sich Bruce Springsteen hart erarbeitet – über viele Jahre in seinen wortgewaltigen Songs, zuletzt auch in einer eindringlichen Autobiographie. Im Herbst 2017 begann der "Boss", beide Formate in einem Soloprogramm zu verbinden: Er trug zentrale Titel seiner Karriere vor, bei denen er sich auf der Gitarre oder am Klavier begleitete. Dazwischen erzählte er Stationen aus seinem Leben und die Entstehungsgeschichten der Songs. Als einziger Gast kam bei einigen Stücken seine Gattin Patti Scialfa auf die Bühne. Springsteen wollte nur einige Wochen im New Yorker Walter Kerr Theatre auftreten – am Ende wurden 236 Vorstellungen daraus. Die Aufzeichnung eines Abends gibt es nun auf Netflix zu sehen und auf einer Doppel-CD zu hören. Schnell wird klar, dass Springsteen dafür völlig verdient mit dem renommierten "Tony"-Award ausgezeichnet wurde: In einer sehr intimen Atmosphäre lässt er das Publikum den unbändigen Aufbruchswillen seiner Jugendjahre nacherleben. Und viele Songs bekommen durch das reduzierte Gewand eine ganz eigene Note. Das gilt besonders für "Born in the U.S.A.". Zuvor erzählt der Musiker, wie ihn ein Treffen mit Vietnam-Veteranen zu dem Text inspirierte. Danach wird den Song niemand mehr als simples Patriotismus-Statement missverstehen…
Bruce Springsteen: On Broadway (Sony).

NEIL YOUNG

Allein trotz Band

Neil Young unterwandert mit seinen Alben seit je die Erwartungen des Publikums. Das gilt auch für "Songs For Judy", eine Zusammenstellung von Aufnahmen seiner ’76er-Tour mit der Rockband Crazy Horse. Diese Konzerte zählen zu den besten in Youngs Karriere. Doch "Songs for Judy" versammelt nur seine Soloauftritte, mit denen die Vorstellungen damals begannen. "Heart Of Gold" klingt durchaus kraftvoll, aber schlicht, ein purer Song mit brauchbarer Gitarre. " After The Gold Rush" trägt Young prägnant vor, als Pianist glänzt er dagegen weniger. Ab und an greift er auch zur Mundharmonika. Sicher keine schlechte Kollektion. Und das Album wurde mit rund 80 Minuten Spieldauer randvoll auf maximale CD-Länge gepackt. Liebhaber sind damit bestens bedient. Was einst inoffiziell als "Joel Bernstein Tapes" kursierte, liegt nun, mit anderer Titelfolge und in tontechnisch ordentlicher Qualität vor.
Neil Young: Songs for Judy (Warner).

GRANT GREEN

Fließende Single Notes

In der ersten Hälfte der 1960er war der Gitarrist Grant Green der am häufigsten aufgenommene Musiker des Labels Blue Note, ob als gruppendienlich genialer Sideman von Sonny Clark, Joe Henderson und Hank Mobley oder auf eigenen Klassikern wie "Idle Moments" und "Street Of Dreams". Stets waren es die fließenden Single-Note-Linien, die mit einer unglaublichen Eleganz und Leichtigkeit die Sessions prägten. Nun huldigt Resonance Records dieser Legende. "Funk in France" beinhaltet die bisher unveröffentlichte Aufnahme "Recorded at la maison de la radio, studio 104", im Trio 1969 in Paris entstanden, und den Quartett-Auftritt beim Antibes Jazz Festival 1970. Das Album ist eine wunderbare Reise durch das musikalische Spektrum dieses Giganten. Mit unglaublicher Funkyness drücken er und seine Musiker Stücken von Sonny Rollins, James Brown und Charles Trenet ihren Stempel auf.
Grant Green: Funk in France (Resonance Records).