Ministerposten in der neuen Bundesregierung

Sigmar Gabriels Spiel auf der Weltbühne ist vorbei

Thomas Maron

Von Thomas Maron

Do, 08. März 2018 um 20:30 Uhr

Deutschland

Das neue starke Duo an der Spitze der SPD, Olaf Scholz und Andrea Nahles, hat Sigmar Gabriel wissen lassen, dass er der neuen Bundesregierung nicht angehören wird.

Um kurz nach neun Uhr morgens verkündete Gabriel auf Twitter und anderen Kanälen seinen erzwungenen Abstieg aus der ersten Liga der Politik, weil ihm am Ende dann doch die Lizenz entzogen wurde: "Andrea Nahles und Olaf Scholz haben mich heute darüber unterrichtet, dass ich der nächsten Bundesregierung nicht mehr angehöre", schreibt er lapidar. Und weil er weiß, dass es in seiner Partei nicht mehr viele gibt, die bereit sind, ein Loblied auf ihn zu singen, übernimmt er das gleich selbst.

Als seine größten Erfolge nennt er in der persönlichen Erklärung "die Rettung von mehr als 10 000 Arbeitsplätzen" bei der Übernahme der Einzelhandelskette Kaiser’s Tengelmann, die "erfolgreiche Entwicklung von Vorschlägen zur Wahl zweier Bundespräsidenten" – Joachim Gauck und Frank-Walter Steinmeier – und die "Befreiung deutscher Staatsangehöriger aus ungerechtfertigter Haft im Ausland" – womit er auf den Journalisten Deniz Yücel anspielt, den er nach über einem Jahr Haft aus dem Gefängnis frei bekam.

Es hätte angesichts dieser Positivliste ganz anders kommen können und er ahnt ganz sicher, dass er es im Grunde selbst verbockt hat – wieder einmal. Seine Beliebtheitswerte sind, gerade für einen Sozialdemokraten, bestechend, seine Bilanz als Außenminister ist tatsächlich vorzeigbar und über ein weiteres Schwergewicht von internationalem Format verfügte die SPD für den Posten nicht. Heiko Maas, sein designierter Nachfolger ist international unerfahren.

Aber dann kam es über ihn, wieder einmal, jenes cholerische Verlangen, es anderen heimzuzahlen, von denen er sich schlecht behandelt fühlt. Jene Charakterschwäche, die ihm, dem Talenttitan der deutschen Politik, schon so oft den Aufstieg nach ganz oben, womöglich sogar ins Kanzleramt, verhagelt hat.

Martin Schulz hatte nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen durch die Ankündigung, selbst Außenminister werden zu wollen, Gabriel ausbooten wollen. Schulz hatte dabei aber den Zorn der Basis völlig unterschätzt, die sich nur zu gut an das Versprechen des gescheiterten Kanzlerkandidaten erinnerte, unter gar keinen Umständen als Minister Merkel zu dienen. Gabriel hätte nur ein paar Stunden länger stillhalten müssen, denn schon bald war klar, dass der Protesttsunami aus den Untergliederungen der SPD Schulz endgültig den Job kosten würde.

Aber wenn Gabriel eins nicht kann, dann warten. Und so diktierte er seiner Heimatzeitung jene garstigen Worte, die ihn am Ende einer so beeindruckenden Karriere zu Fall bringen sollten. Er schob seine Tochter Marie vor, um Schulz, den "Mann mit den Haaren im Gesicht", zu verhöhnen. Und lieferte damit Nahles und Scholz, die beide in unterschiedlichen Rollen lange unter Gabriels Attitüde eines Schulhofrüpels gelitten hatten, den Knüppel, mit dem sie ihn endgültig zu Fall bringen konnten. Hätte er geschwiegen, bliebe er nun wohl Außenminister. Aber er hat’s vergeigt.

Es ist ihm schnell klar geworden, wie sehr er sich selbst geschadet hatte, also ließ er streuen, wie sehr er seine Worte bereue – es nutzte nichts mehr. In einem seiner letzten Interviews als geschäftsführender Außenminister sagte er, dass ihn der Zuspruch berühre, den er zuletzt erfahren habe. Unternehmer, alte sozialdemokratische Fahrensleute und sogar der Philosoph Jürgen Habermas hatten sich für ihn als Außenminister ausgesprochen. Aber es war ihm da auch schon die Resignation anzumerken, die jene befällt, die unvollendet abtreten müssen. Denn Gabriel dürfte selbst am besten wissen, dass er als niedersächsischer Ministerpräsident, SPD-Chef, Vizekanzler, Umwelt-, Wirtschafts- und Außenminister viel erreicht hat. Aber lange nicht alles, was er hätte erreichen können.