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01. Juni 2011 10:12 Uhr

Landgericht Freiburg

Skandalprothesen: Betroffene kämpfen um Schmerzensgeld

770 Patienten haben im Freiburger Loretto-Krankenhaus potenziell fehlerhafte Hüftgelenke eingebaut bekommen. Nun klagt die erste Betroffene auf Entschädigung.

  1. Wir wollen Gerechtigkeit: Patientenproteste vorm Landgericht Foto: mich

FREIBURG. Fast zwei Jahre ist es her, dass das Freiburger Loretto-Krankenhaus bekannt gab, 770 Patienten potenziell schadhafte künstliche Hüftgelenke eingebaut zu haben – bei bislang 170 Betroffenen musste deshalb die Prothese ausgetauscht werden. Seit Dienstag versucht die erste Betroffene vor dem Freiburger Landgericht vom Hersteller eine Entschädigung einzuklagen.

"Wir sind die Opfer, wer trägt die Verantwortung?" "Wann bekommen wir unser Recht?" Mit selbstgebastelten Schildern verabschiedeten die Mitglieder der Selbsthilfegruppe der Betroffenen im Freiburger Prothesenskandal die Zuhörer nach dem ersten Verhandlungstag. Vieles deutet darauf hin, dass sie entweder lange auf dieses Recht warten müssen, oder es nie gesprochen wird.

Der Richter will keine Illusionen wecken

Richter Frieder Büchler wollte bei den mehr als 150 Zuhörern in seinem vollen Gerichtssaal erst gar keine Illusionen wecken: Aus Erfahrung glaube er nicht, dass in dem Prozess je ein Urteil gefällt werde, ließ er die Prozessparteien gleich zu Anfang wissen. In solchen Verfahren könnten die Kosten für die immer wieder aufs Neue geforderten Gutachten leicht den Klagewert erreichen, sie seien oft endlos und es drohten mehrere Instanzen: "Ich frage deshalb alle Seiten: Muss das hier bis zum Ende durchgefochten werden."

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Wahrscheinlich muss es das. Die beklagte Firma Zimmer erklärte sich zwar grundsätzlich zu einem solchen Vergleich bereit. Der Anwalt der Klägerin wirft Zimmer vor, verantwortlich zu sein für die Schmerzen seiner Mandantin, Folge eines fehlerhaften Produktes, das vor fünf Jahren eingepflanzt wurde und später ausgetauscht werden musste. Zimmer stellte für die Zustimmung zu einem Vergleich jedoch eine Bedingung: Der Regionalverbund kirchlicher Krankenhäuser, in dessen Freiburger Loretto-Krankenhaus die Prothese eingesetzt wurde, soll einen Teil der Mitschuld und des Schmerzensgeldes übernehmen. Eine Bedingung, auf die sich der Krankenhausverbund, der als Streithelfer mit Geschäftsführer und zwei Anwälten gegen Zimmer angetreten ist, sich nicht einlassen will. Damit ist auch die Prozessstrategie der Klägerin vorerst gescheitert.

Wer trägt die Verantwortung – Hersteller oder Operateur?

Auch die nächsten Minuten sind nicht dazu angehalten, den der Frau und ihrem Anwalt Mut zu machen. Zimmer gibt sich in Gestalt seiner beiden Anwälte und des eigenen Justiziars unversöhnlich. Man streitet fast alles ab. Die Löcher im Knochen in Kunstgelenknähe, die bei vielen Betroffenen angeblich durch abgeschmirgelten Prothesenmetallstaub ausgelöst wurden – Zusammenhang zum eigenen Produkt nicht nachgewiesen. Die Schmerzen der Frischimplantierten nach der OP – entweder durch missgünstige Presseberichte oder den eigentlich wegoperierten Gelenkverschleiß ausgelöst. Ein verärgertes Murren zieht durch die Reihen des zumeist betagten Publikums.

Schuld sei, so die Firma, nicht der Hersteller, sondern der operierende Arzt, der sich nicht an die vorgegebene Gebrauchsanweisung gehalten habe. Tatsächlich hatte der Chirurg Marcel Rütschi einst eingeräumt, der "schwachsinnigen" Anleitung nie Folge geleistet zu haben.

Wer hat nun Recht? Der Richter sieht sich überfordert mit der Frage: "Wie soll das ein Jurist beantworten, der selber keine Ahnung hat." Bis zum 15. Juni müssen sich die Streitparteien nun auf Gutachter einigen, die dem Gericht diese Antworten abnehmen. Gutachter, die die Patientin und ihre Versicherung allein bezahlen müssen, weil Büchler eine Verbindung der Verfahren der zahlreichen klagenden Prothesenpatienten strikt ablehnt. Und auch für diesen laut Richter "teuren und langen Weg" macht der Jurist der Klägerin wenig Mut. Seines Wissens gebe es nur eine Handvoll geeigneter Gutachter, sagt er, und alle arbeiteten mit der Industrie zusammen und seien deshalb nicht ganz unabhängig. "Ob das zu einem guten Ende kommt – ich hab’ da so meine Zweifel" sagt die 70-jährige Klägerin. Erst in ein paar Jahren wird sie mehr wissen.

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Autor: Michael Brendler