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05. März 2010

"Ohne Skiinternat ist der Skisport tot"

BZ-INTERVIEW mit SVS-Präsident Stefan Wirbser über den erneut akut gefährdeten Bestand der Nachwuchs-Kaderschmiede in Furtwangen.

  1. Er will zupacken statt drumherum reden: SVS-Präsident Stefan Wirbser Foto: Patrick Seeger

FURTWANGEN. Das Skiinternat Furtwangen (SKIF) gilt als herausragende Kaderschmiede. Die Olympiasieger Martin Schmitt und Sven Hannawald sowie Biathletin Simone Hauswald wurden hier ausgebildet. Ende Juli gibt der Salesianer-Orden als Betreiber des Don-Bosco-Heims das Skiinternat Furtwangen auf. Im Ringen um eine Nachfolge- regelung wurde im Dezember in Schonach die Bestandssicherung des SKIF vollmundig gefeiert. Drei Monate später droht plötzlich das Aus. BZ-Redakteur Johannes Bachmann unterhielt sich mit Stefan Wirbser, dem Präsidenten des Skiverbands Schwarzwald, über geplatzte Verträge, gebremste Tatkraft und die Sorgen um den Tod des nordischen Skisports.

BZ: Der Fortbestand des Skiinternats ist erneut akut gefährdet. Die drei baden-württembergischen Skiverbände stehen in Furtwangen vor einem Scherbenhaufen. Was ist passiert?

Wirbser: Die Landes-Stiftung Sport in der Schule und die Stadt Furtwangen sollten das Don-Bosco-Heim nach dem Rückzug der Salesianer erwerben. Die Reha- Südwest, die als weiterer Erwerber und Hauptträger und vor allem Betreiber des Don-Bosco-Heims zugesagt hatte, scheut sich, das wirtschaftliche Risiko zu tragen.

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"Wir haben ein

Riesenproblem an der Backe"

Wirbser zum Nein der Reha-Südwest
BZ: Die Salesianer haben ihren Rückzug bereits vor zwei Jahren angekündigt. Der Abschied kommt also nicht über Nacht. Dennoch ist es immer noch nicht gelungen, den Bestand des Skiinternats zu sichern. Ist das nicht ein Armutszeugnis?
Wirbser: Da gibt es nichts zu beschönigen. Allerdings ließ man uns bis vor vier Wochen in dem Glauben, dass mit der Reha-Südwest ein Folgepartner gefunden ist. Nun haben wir ein Riesenproblem an der Backe. Der Rückzug der Reha-Südwest ist ein gewaltiger Rückschlag, weil damit der Betrieb des Skiinternats schon wieder in Gefahr ist.

BZ: Was gilt es jetzt zu tun?

Wirbser: Dem Erwerb der Immobilie durch die Landesstiftung und die Stadt Furtwangen, die jetzt endlich aktives Interesse am SKIF zeigt, steht nach wie vor nichts im Wege. Das sollte zu regeln sein. Aber kompliziert ist die Aufgabe, das ganze Haus zu betreiben, weil wir da einen Personalaufbau mit geeigneten Kräften brauchen. Da fehlt die Reha-Südwest.

BZ: Wie viele Kräfte gilt es bei der Betreuung der SKIF-Schüler zu ersetzen?

Wirbser: Salesianer-Pater Siegmann und Daniel Schulze sorgen im Don-Bosco-Heim für die pädagogische Betreuung. Dazu kommen Hausmeister, Küchenpersonal und Verwaltung.

BZ: Was muss jetzt passieren, um das Skiinternat zu retten?

Wirbser: Wir müssen zuerst einmal mit den Schulen in Furtwangen die pädagogische Betreuung auch für das kommende Schuljahr sicherstellen. Ich hoffe, dass auch die Salesianer bereit sind, übergangsweise nochmals Partner der jungen Skisportler zu sein.

BZ: In der Außenwirkung ist die Strahlkraft des SKIF unübertroffen. Doch auf Investoren wirkt das Skiinternat so attraktiv wie sauer Bier. Wie passt das zusammen?

Wirbser: Das ist ja das Paradoxe. Die SKIF-Schüler Fabian Rießle, Janis Morweiser und Manuel Faißt haben jüngst bei der Junioren-WM in Hinterzarten für Furore gesorgt. Jeder freut sich über diese Erfolge.

BZ: Eine glänzende Vergangenheit und Gegenwart mit düsterer Zukunft?

Wirbser: Wir brauchen nicht drumherurum zu reden. Ohne Skiinternat Furtwangen ist der baden-württembergische Skisport tot.

BZ: Jetzt ist nicht die Zeit der Schaufensterreden. Wer muss sich bewegen, um den Tod des SKIF zu verhindern?

Wirbser: Was wir jetzt brauchen, sind Taten statt Worte. Alle müssen sich bemühen. Zuvorderst die drei Landesskiverbände, gemeinsam mit dem Land. Das SKIF ist ja kein Schwarzwälder Problemfall, sondern Aushängeschild eines ganzen Landes.

BZ: Gibt es ein Ultimatum, das Sie sich selber setzen? Bis wann muss die definitiv letzte Rettung des SKIF geschafft sein?

Wirbser: Wir müssen ohne Wenn und Aber eine Lösung für das kommende Schuljahr finden, auch wenn es womöglich nur eine Übergangslösung ist. Wir waren 25 Jahre lang in einer sehr glücklichen Lage. So lange waren die Salesianer als Betreiber des Skiinternats ein verlässlicher Partner. Dass sich der Salesianer-Orden jetzt aus wirtschaftlichen Gründen zurückziehen wird, muss man akzeptieren.

BZ: Gibt es, falls das Skiinternat in Furtwangen nicht zu halten ist, Standortalternativen? Wäre ein Umzug des SKIF etwa nach Hinterzarten denkbar?

Wirbser: So lange es eine Chance gibt, Furtwangen zu halten, ist ein Umzug für mich kein Thema. Jetzt eine Standortdiskussion zu führen, wäre völlig falsch. Der Standort Furtwangen hat sich mit seiner sportlichen und schulischen Situation bestens bewährt.

BZ: Um welche Summen geht es, um die Zukunft des Skiinternats zu sichern?

Wirbser: Das ist eine Zusammensetzung vieler Beträge. Was den Aufwand des Skiverbands Schwarzwald angeht, geht es unverändert weiter. Neben der Miete für das Don-Bosco-Heim gilt es die Personalkosten für den Sportbetrieb und die Trainer zu bezahlen. Dafür stehen Mittel des Landes bereit. Daran ändert sich nichts.

BZ: Konkret, was fehlt, um das SKIF zu retten?

Wirbser: Es fehlt eine tragfähige Wirtschaftlichkeit für die gesamte Immobilie des Don-Bosco-Heims. Neben dem SKIF ist dort ja auch ein Lehrlingswohnheim für die Berufsschulen in Furtwangen untergebracht. Der jährliche Fehlbetrag geht in eine sechsstellige Richtung.

BZ: Im Vergleich zu der Medaillenflut, die SKIF-Sportler bei Olympia und Weltmeisterschaften geholt haben und in deren Glanz sich zuvorderst Politiker sonnen, ist das doch ein Nasenwasser...

Wirbser: Im Vergleich mit anderen Sportinternaten in Deutschland ist Furtwangen in wirtschaftlicher Hinsicht ganz vorne. Wenn man den Aufwand pro Medaille rechnet, dann ist Furtwangen national betrachtet unschlagbar.

BZ: Wie viele Medaillengewinner kommen vom Skiinternat?

Wirbser: Seit 1988 mit Ausnahme von Dieter Thoma alle Olympiasieger, alle Weltmeister, alle Junioren-Weltmeister.

BZ: Damit sollte jedermann bewusst sein, was auf dem Spiel steht. Was werden Sie jetzt tun? Die Widerspenstigen wie ein Geißentreiber in die richtige Richtung lenken?

"Ohne Skiinternat

brauchen wir auch

keinen Geschäftsführer"

Wirbser zur Leistungssport-gGmbH
Wirbser: In der ganzen Diskussion hat es mich immer sehr verwundert und auch geärgert, dass die Sicherung des Skiinternats bei unseren Partnern und auch auf Landesebene lange Zeit nachrangig betrachtet wurde. Stattdessen wurden Neuorganisationen des Skisports bis hin zu einer gGmbH forciert, in der die Skiverbände Schwarzwald, Schwaben und Schwarzwald Nord zusammengefasst sind. Die gGmbH macht Sinn, wenn wir unseren Leistungssport in Furtwangen konzentrieren und das SKIF gesichert ist. Wir brauchen keine Leistungssport-gGmbH und keinen Geschäftsführer, wenn wir kein Skiinternat haben. Dann ist das Konstrukt ein zahnloser Tiger.

BZ: Was kostet die Geschäftsführung?

Wirbser: Alle Kosten zusammengerechnet, fast 100 000 Euro pro Jahr. Allerdings fielen diese größtenteils auch in der Vergangenheit bei den Verbänden an.

BZ: Weil also ein Aktenordner mehr installiert wird, stehen dann vielleicht am Skiinternat die Junioren-Weltmeister Rießle und Morweiser vor einer ungewissen Zukunft?

Wirbser: Eines ist klar. Bevor wir auch nur einen Euro in die Sportverwaltung und zusätzliche Personalkosten stecken, muss der operative Sport gestärkt werden. Ohne das Skiinternat Furtwangen brauchen wir im gemeinsamen leistungssportlichen Bereich in Baden-Württemberg nicht weiterzumachen.

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Autor: Johannes Bachmann