Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
08. Februar 2012 19:45 Uhr
Interview
Rucksacklauf: Tobias Bach will seinen Titel verteidigen
Tobias Bach hat 2010 den bis dahin letzten Rucksacklauf über 100 Kilometer von Schonach zum Belchen gewonnen. Nun will er seinen Titel verteidigen – trotz eines lädierten Auges und Eiseskälte. Ein Interview.
Mehr als 300 Extremsportler erwartet am Samstag beim Rucksacklauf über 100 Kilometer von Schonach zum Belchen ein ultimatives Abenteuer. Allein mit sich, Mut im Herzen und schmalen Latten unter den Füßen. Dabei sein ist für sie alles. Tobias Bach (36) will ein bisschen mehr. Gewinnen. So wie vor zwei Jahren. BZ-Redakteur Johannes Bachmann unterhielt sich mit dem Hufschmied aus Breitnau über blindes Vertrauen und eine elementare Überlegung. Was zieht man an, um bei Saukälte und bis zu zehn Stunden auf der Loipe nicht zu erfrieren?
BZ: Sie haben im Vorbereitungstraining beim 50 Kilometer langen König-Ludwig-Lauf in Oberammergau am vergangenen Wochenende Ihre Augen ramponiert. Was ist passiert?
Bach: Bei den Abfahrten in die Talsenken war’s minus 26 Grad kalt. Die kalte Luft und der Fahrtwind wirkten trotz Brille wie Schmiergelpapier auf der Hornhaut, die ist aufgebrochen wie ein Streuselkuchen. Der Arzt hat’s mir so erklärt: Frostbeulen auf den Augen.
Tobias Bach über seinen Rucksack-Packplan
Werbung
Bach: Nö, das nicht. Aber ich konnt’ nur noch schlecht sehen. Das wurde dann Stunde um Stunde immer schlechter, die Schmerzen nahmen zu. Das hat sich angefühlt, als hätte ich eine Schaufel Sand in den Augen. Am Montagmorgen konnte ich kein Auge mehr aufmachen. Aber seit Mittwoch geht’s wieder. Ich bin noch ein bisschen lichtempfindlich. Aber ich denk’ an den Rucksacklauf.
BZ: Was raten Ihnen die Ärzte?
Bach: Die raten zur Vorsicht. Wenn ich tatsächlich am Samstag um 7 Uhr in Schonach am Start stehe, wird das nur mit einer geschlossenen Brille funktionieren. Eine Taucherbrille kann ich ausschließen.
BZ: Die Augen sind Ihr Fenster zur Welt. Ist es das wert, dieses Risiko einzugehen? Ein guter Bergsteiger ist, wer zurückkommt vom Gipfel, hat Reinhold Messner mal gesagt.
Bach: Ein gutes Zitat. Vor 14 Tagen musste ich mich schon mal entscheiden. Eigentlich hatte ich mich auf den Marcialonga-Marathon gefreut. Aber dann hatte ich in der Woche davor eine Grippe, nix Schlimmes. Da hab’ ich auf den Start verzichtet, weil ich gedacht hab’, das ist jetzt nicht das Richtige vor einem 70-Kilometer-Marathon. Prinzipiell geht die Gesundheit vor. Es ist einfacher zu sagen, da lauf’ ich mit, als sich einzugestehen, dass die Gesundheit Vorrang hat.
BZ: Vor zwei Jahren haben Sie den Rucksacklauf in 6:30:41 Stunden gewonnen. 2011 fiel das Rennen aus. Woran denkt man auf diesen 100 Kilometern?
Bach: Ich bin da sehr fokussiert und konzentriert. Wer an der Spitze dabei sein will, muss vom ersten bis zum letzten Kilometer bewusst laufen. Zeit für Gedanken neben der Spur gibt es nicht.
BZ: Der Rucksacklauf hat ein extremes Streckenprofil. Wo lauert der Moment, an dem man spürt, jetzt geht’s vielleicht nicht mehr weiter?
Bach: Die 100 Kilometer beginnen erst in Hinterzarten. Dann hat man 60 Kilometer in den Beinen. Soweit muss man aber erst einmal kommen. Danach warten zwei Klippen. Bis zum Rinken hoch ist’s herb und am Feldberg mit dem Aufstieg zum Grüblesattel kann’s richtig bitter werden. Richtung Notschrei gibt es dann einen Hauch Erholung. Dann beginnt das zähe Laufen übers Wiedener Eck und der Schlussanstieg zur Hohtann. Da ist jeder kaputt.
BZ: Läuft die Furcht zu scheitern mit?
Bach: Das Rennen ist lang und kraftraubend. Jeder Läufer erlebt irgendwann sein absolutes Tief. Nur wer das weiß, kann aus diesem Loch wieder herauskommen. Weiterzumachen, wenn kein Schritt mehr gelingen will, das ist hart.
BZ: Wie schützen Sie sich vor der Kälte?
Bach: Auch bei 15 Minusgraden kann man sich zu warm anziehen. Über Funktionsunterwäsche trag’ ich eine Windstopperhose, darüber den Rennanzug.
BZ: Und das Gesicht?
Bach: Wird zugeklebt, mit einem Tape für Nase und Wangen. Und dann braucht’s eine Sturmmaske, damit Ohren, Hals, Kopf und Stirn komplett winddicht verpackt sind. Sonst können Nasenspitze und Ohrläppchen erfrieren.
BZ: Ohne Sprit läuft kein Körpermotor. Was essen und trinken Sie auf dieser Mammuttour?
Bach: Flüssige Kohlenhydrate, am besten warm. Ich bin kein Fan dieser klebrigen Energie-Gels. Vor zwei Jahren hab’ ich auf der Strecke einen Schokoladenkuchen verdrückt, den meine Frau gebacken hat. Das könnt’ wieder passen.
BZ: Die Torte hatten Sie im Rucksack?
(lachend) Nö. Ich werd’ ja auf der Strecke von einem tollen Team verwöhnt – meiner Frau Carina, meinen Eltern und Franz Lickert von der SZ Breitnau.
BZ: Klingt nach Familienausflug.
Bach: Ist es auch. Die sind alle zwangsverpflichtet. Im Ernst, alle meine Freunde und Bekannten wollen mir helfen.
BZ: Was muss neben Handschuhen und Wachs mit in den Rucksack, der am Ziel in Multen mindestens noch drei Kilogramm wiegen muss?
Bach: Da muss auf jeden Fall Gottvertrauen mit rein.
BZ: Wie viele Pausen planen Sie?
Bach: Das sind nur kurze Stopps, um nach Essen zu greifen und die Ski nachzuwachsen. Das darf wie in der Formel 1 nur ein paar Sekunden dauern.
BZ: Gibt es ein Paar Lieblingsski, denen Sie dieses Abenteuer zutrauen?
Bach: Klar. Das sind die, mit denen ich vor zwei Jahren gewonnen hab’.
BZ: Von morgens bis am späten Nachmittag Langlaufen bei Saukälte, gefährdet das nicht Leib und Leben?
Bach: Ich rechne mit 15 Grad minus am Start, bissiger Kälte und böigem Ostwind am Feldberg. Das ist ein Gesundheitsrisiko, ganz klar. Der Schnee wird stumpf und die Spur deshalb langsam sein. Der Sieger wird also wohl gut sieben Stunden unterwegs sein. Und die Läufer dahinter vielleicht neun, manche zehn und mehr Stunden. Und das bei diesen Temperaturen. Die größte Gefahr ist, sich selbst zu überschätzen. Dann drohen Erfrierungen.
BZ: Worauf freuen Sie sich denn im Ziel, auf den obligatorischen Blutwurz-Schnaps?
Bach: Auf eine warme Dusche.
- Rückblick: Tobias Bach gewinnt Rucksacklauf 2010
Autor: Johannes Bachmann


