Weltklasse vor der Haustür

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 14. Januar 2018

Skilanglauf

Der Sonntag Am Notschrei steigt ab kommendem Wochenende der Weltcup im Paraski.

Zum vierten Mal richtet der Skiclub Oberried am Notschrei den Weltcup im Paraski aus. In Hinblick auf die Paralympics in Südkorea dieses Frühjahr gilt der Weltcup als wichtiger Gradmesser. Ein Weltklasse-Event vor der Haustür, das den Verein an seine Grenzen bringt. In Weltmeister Martin Fleig hat ein Lokalmatador gute Chancen auf eine Medaille.

Die 30 ist voll. "Und die Schlagzahl wird jetzt immer höher", sagt Michael Martin kurz vor der letzten Mittagspause der Woche. Seit 30 Monaten laufen die Vorbereitungen für den Weltcup am Notschrei. Und der Stress nimmt eine Woche vor Beginn nun stündlich zu. Der Vorsitzende des Oberrieder Skiclubs hat derzeit allerlei zu tun. Vormittags Zollbeamter in Freiburg, nachmittags der große Zampano auf dem Notschrei. Das Programm für den letzten Meldetag für den IPC-Weltcup ist voll. Akkreditierungen abwickeln und die Räumlichkeiten für die Klassifizierungsbeamten des internationalen paralympischen Komitees (IPC) herrichten.

Als Leiter des Organisationskomitees laufen bei ihm die Fäden der Planung für den World-Para-Nordic Ski Weltcup zusammen. Ein Wortungetüm, das für ein Riesenevent steht und ab kommendem Wochenende für eine Woche die Crème de la Crème der paralympischen Langlauf- und Biathlon-Elite am Notschrei zusammenbringt. Weltklasse vor der Tür. Über 300 Gäste aus 31 Nationen werden erwartet. 162 Athleten und 47 Guides gehen an den Start. Aus allen Herren Länder. Neben den üblichen Ski-Nationen haben Delegationen aus Brasilien, Chile und sogar Nordkorea gemeldet.

Ein Gejagter wird auch dabei sein. Der Freiburger Martin Fleig ist ein Star der Szene. 2017 war sein Jahr. Doppelweltmeister und Gesamtweltcupsieger im Biathlon kann sich der 28-Jährige nennen. Die Konkurrenz wird sich am Notschrei am drahtigen Breisgauer messen. Die anderen beiden Lokalmatadoren sind Vivian Hösch und Nico Messinger. Alle drei trainieren am Freiburger Olympiastützpunkt.

Für einen Verfolgten ist Fleig am Freitagnachmittag mächtig entspannt. Obwohl er auf dem Sprung ist. Der erfolgreiche Athlet arbeitet halbtags beim Landratsamt. Zwischen Dienstschluss und Trainingsbeginn im Schwarzwald bleibt nur knapp eine Viertelstunde. "Ich freue mich, vor so vielen Zuschauern zu laufen, die man auch kennt", lässt Fleig aber keine Spur von Müdigkeit aufkommen.

Auch wenn er die Qualifikation für die Paralympischen Spiele im südkoreanischen Pyeongchang diesen März durch seine überragende Vorsaison bereits in der Tasche hat, Fleig freut sich auf das Event: "Am Notschrei sind super Bedingungen, ein Weltcup vor heimischer Kulisse ist besonders." Auf seinem heutigen Trainingsplan steht Lauf- und Schießtraining. Als Jugendlicher war er per Zufall über eine Schnupperaktion des deutschen Skibunds zum Para-Ski gekommen. Seitdem sitzt er täglich mehrere Stunden in seinem Schlitten und schwitzt für den großen Traum. "Ich will bei den Paralympischen Spielen in Bestform sein." Eine Medaille wäre ihm dann sicher. Rosige Aussichten.

Fleig startet in der Kategorie der Rollstuhlfahrer: Männlich sitzend oder Sitzski, nennt sich das im Fachjargon. Das IPC hat dafür ein bestimmtes Punktesystem etabliert. Die Punktezahl 12 beschreibt dabei Athleten, denen in der Regel ein oder beide Beine amputiert wurden: Bei ihnen wird die normale Rennzeit gewertet. Die Abstufung reicht bis 10, in jeweils 0,5-er Schritten. Fleig startet bei 11,5. Was bedeutet, dass am Ende vier Prozent von seiner Rennzeit abgezogen werden. Wer auf der Skala auf 10 eingestuft wird, verliert 14 Prozent seiner Zeit.

Die Schneedecke ist bei 30 Zentimeter

"Deswegen sind auch mehrere Technische Deligierte des IPC dabei", erläutert Organisator Martin in seiner Mittagspause. Der Verein kommt durch das Großevent an seine Grenzen. Über 200 ehrenamtliche Helfer begrüßte Martin zum Helferabend am Mittwoch. Das Organisationskomitee zählt 25 Mitglieder. Über 27 Länder Delegationen müssen untergebracht, Zuschauer umsorgt, Schießstände aufgebaut und Ergebnisse verzeichnet werden. Und der Verein haftet. Umfangreiche Ausfallbürgschaften und Sponsorengelder hat der Skiclub in den langjähriger Vorbereitungen aufgetrieben.Etwas Sorge macht auch das Wetter. "Die Schneedecke ist derzeit bei 30 Zentimetern", konstatiert der Vorsitzende. Wenn es weiter nachts gefriert, reicht das aus für Topbedingungen. Im äußersten Notfall hätten die Verantwortlichen im Depot am Notschrei ansonsten auch noch Schneereserven auf Lager.

Bei allem Stress kann der Skiclub Oberried aber auch mit einer Menge Erfahrung aufwarten. 1995 richtete der Verein erstmals einen internationalen Wettbewerb aus, 2001 folgte der erste, 2010 und 2014 der zweite und dritte IPC-Weltcup am Notschrei. Michael Martin, seit 1993 Vorsitzender des Skiclubs, war immer dabei. Für die kommenden Wochen hat Martin Urlaub genommen. Anders ist der Weltcup nicht zu stemmen. 30 Monate Vorbereitung werden sich dann gelohnt haben. Die internationale Paraski-Elite wird’s ihm danken.
Den sportlichen Auftakt geben am kommenden Samstag, 20. Januar, die Langläufer auf der Kurzstrecke, am Sonntag folgen die Wettkämpfe über die lange, am Dienstag mittlere Distanz, jeweils um 10 Uhr im Nordic-Center Notschrei. Ein Höhepunkt für die Zuschauer dürfte am Donnerstag, 25. Januar, der Nacht-Biathlon sein: Der Startschuss für die Biathlon-Wettbewerbe. Am Samstag um 11 Uhr gehen die Biathleten auf die lange Strecke, am Sonntag um 10.30 Uhr auf die kurze Distanz. Die Siegerehrungen sind abends in der Goldberghalle in Oberried.