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22. April 2010
So etwas wie Sphärenmusik
Vier Bühnen, ein zentrales Werk: In der Malteserhalle in Heitersheim wird eifrig geprobt für Mozarts "Notturno für vier Orchester".
HEITERSHEIM. Seit Dienstag gibt es in der Malteserhalle in Heitersheim nicht Sport, sondern Sinfonie. Eifrig geprobt wird für "Baden-Württemberg musiziert" und auf vier Bühnen ein musikalisches Sinneserlebnis vorbereitet. Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Freiburg wagen sich mit dem "Notturno für vier Orchester" von Wolfgang Amadeus Mozart in der Originalfassung auf neues Terrain.
Beim Konzert am Freitag, 23. April, erleben die Besucher dieses zentrale Werk als Aufführungspremiere. Arrangiert wird sie von dem Akustiker und ehemaligen Manager des SWR-Sinfonie-Orchesters Mathias Weigmann im Rahmen der Heimattage 2010 im Markgräflerland. Vielfach verbunden ist Mozarts Biografie mit Mannheim, wo er nicht nur bei vier Aufenthalten 176 Tage seines Lebens verbrachte, sondern auch komponierte, dirigierte und seine spätere Frau kennenlernte. Sein größter Wunsch, hier eine Opera zu schreiben und am Hofe angestellt zu werden, blieb allerdings unerfüllt. Doch die unter Kurfürst Carl Theodor berühmt gewordene Mannheimer Hofkapelle animierte Mozart zu sinfonischen Glanzleistungen. In dieser Zeit entstanden seine Werke KV 280 bis KV 315. Die Komposition des "Notturno für vier Orchester" brach er 1777 nach drei Sätzen ab, weil der musikliebende Kurfürst in München die bayerische Erbschaft antrat. Mozart verließ Mannheim via Paris.Werbung
Das unvollendete Fragment "Notturno für vier Orchester" in D-Dur gibt es bisher nur auf Tonträger. "Das ist einfach", behauptet Weigmann. Eine Live-Aufführung ist ihm nicht bekannt. Das soll sich ändern. Zwei Drittel der Musiker aus dem Philharmonischen Orchester Freiburg konnte er für dieses Experiment gewinnen. Für eine erste gemeinsame Einführung in das Stück versammelt er sie auf der Hauptbühne der Halle. Er hat die 28 Profis in vier Gruppen gegliedert. "Das erste Orchester gibt den Impuls. Die anderen müssen ihn kopieren, bis sich der Klang selbst verflüchtigt", vermittelt Weigmann den Akteuren. "Die Musik muss in sich ruhen und verlangt nach einem Energieausgleich zwischen allen Gruppen." Tempo, Charakter und Zeitachse gibt Weigmann für die drei Sätze Andante, Allegretto und Menuett vor.
Dann positioniert er die vier Orchester separat in den Hallenecken. Immer fünf Streicher und zwei Hörner. Sie sitzen auf geliehenen Resonanzböden vor Akustikwänden. Wie entscheidend die korrekte Anordnung ist, zeigt sich beim Zusammenspiel. Die Herausforderung der unterschiedlichen Entfernungen ist, dass die Musiker ihre Einsätze weitestgehend selbst in die Hand nehmen müssen. Weigmannn sitzt vor dem ersten Orchester und gleichzeitig vor einer Kamera, in die er Zeichen gibt. Die werden via Bildschirm an die anderen drei Orchester übertragen. "Das ist kein Dirigieren, sondern allenfalls Koordinieren", erklärt er.
Dort, wo am Freitag das Publikum in der Hallenmitte rautenmäßig angeordnet die "Quadrophonie" erleben wird, sitzen bei der Probe kritische Fachleute. Auch der Orchestermanager begibt sich von Zeit zu Zeit dorthin und überlässt die Musiker sich selbst. Über Mikrofon gibt Weigmann Anweisungen. Er will die Musik lebendig, schwebend, die Echos lückenlos. So etwas wie Sphärenmusik.
Die einfache, serenadenhafte, volkstümliche Komposition muss anspruchsvoll klingen. Er benutzt das Bild einer Aufführung im Freien, in einem Park, die Musiker hinter Büschen versteckt. Jedes Orchester ist autonom, aber die Übergänge sind einheitlich fließend. Wie Wasserspiele auf der Themse. Für die Sinfoniker ein neuer Prozess des musikalischen Kommunizierens, bei dem sie auf nichts Bekanntes zurückgreifen können. "Aber es macht richtig Spaß", meint einer.
Das Publikum auf der Tribüne applaudiert. Auch Weigmann ist nach der ersten Probe zufrieden: "Was ich wollte, haben wir erreicht. Die musikalische Kraft reicht auch in dieser großen Halle ohne Verstärker. Der Klang ist zauberhaft", meint er. Arbeiten müsse man jetzt noch an der sensiblen Intonation. Dann könne man der Aufführung des Notturno am Freitag getrost entgegensehen. Es werde am Anfang und am Ende des Konzertes gespielt. Dazwischen platziert ist das Violinkonzert A-Dur und das Klavierkonzert C-Dur von Mozart, bei denen die beiden Solisten Kirill Troussov und Jitka Chechova höchsten Hörgenuss versprechen.
Autor: Sabine Model


