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25. November 2009

"Die Toleranz nicht überstrapazieren"

Studentinnen und Studenten halten das Audimax der Universität seit zehn Tagen besetzt – und wollen nicht aufgeben / Von Frank Zimmermann .

Heute ist Tag zehn der Besetzung des Audimax im Kollegiengebäude II der Universität. Die Galeriegeländer des Foyers zieren Banner mit Protestparolen, in einer Ecke im Erdgeschoss haben die Besetzer eine provisorische Küche eingerichtet, wo mittags und abends gekocht wird, und zwar ausschließlich vegan. Privatleute, kleine Geschäfte und Marktstände spenden so viel, dass bislang niemand hungern musste, sagen die Studenten. Auf Stellwänden wird über den Protest informiert. Im größten Hörsaal der Uni stapeln sich derweil an den Wänden Rucksäcke und Isomatten, Sessel und eine Couch sorgen für Anarchoflair im nüchternen Hörsaal. Rund 100 bis 150 Studentinnen und Studenten übernachten hier zurzeit nach Aussage der Besetzer.

Wie lange die Besetzung noch andauert? Laura vom Arbeitskreis Presse der Besetzer zuckt mit den Schultern und sagt: "Wir machen das, solange es notwendig ist. Eine Besetzung ist eine Besetzung." Auf ein Ende will sich noch niemand festlegen, auch wenn die Hochschulleitung mittlerweile drängender wird mit ihrer Bitte, das Audimax freizugeben. "Wir haben eine Riesengeduld gezeigt. Nun wird es Zeit, dass die Dinge zu Ende gehen", fasst Unisprecher Rudolf-Werner Dreier den Standpunkt des Rektorats zusammen. Man wolle die Diskussion keineswegs abwürgen und warte auf konkrete Forderungen an die Uni; die habe man bislang nicht erhalten. Gerne, sagt Dreier, stelle man auch Räume für Diskussionen zur Verfügung, auch das Audimax, aber eben nur zu Zeiten, wo es frei ist. "Man darf unsere Toleranz nicht überstrapazieren. Wir brauchen das Audimax." Wichtig sei, dass der Protest friedlich bleibe und der Lehrbetrieb außerhalb des Audimax ohne Störungen weitergehe, sagt Dreier. "Ich kann keine Störung für die Jurastudenten erkennen", sagt Alexander Schiff von der Jura- Fachschaft; die Rechtswissenschaftler gehören zu denen, die ihr Seminar im KG II haben.

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Die Besetzer, von denen ein Teil auch von der Pädagogischen Hochschule, der Katholischen Fachhochschule und der Evangelischen Hochschule kommen, haben sich derweil gut organisiert. 70 bis 80 Studentinnen und Studenten bilden den harten Kern. Sie haben Arbeitskreise gegründet, die Namen wie "AK Vernetzung", "AK Info", "AK Kultur", "AK Orga" und "AK Versorgung" haben. Mittlerweile haben die AKs auch außerhalb des Audimax, auf der Empore, Computer, Tische und Stellwände aufgebaut.

Entschieden, wie es weitergeht, wird stets nur im Plenum, das jeweils morgens um zehn und abends um acht stattfindet. "Die Basisdemokratie ist uns wichtig", sagt Laura und beteuert: "Das ist hier kein festes politisches Ding, wir haben hier viele Schattierungen." Der unabhängige allgemeine Studierendenausschuss U-Asta betont indes, dass er die Besetzung zwar ideell, finanziell und personell unterstütze, sie aber nicht eingeleitet habe. "Für den Moment tragen wir das aber mit", sagt U-Asta Vorstand Maggie Jaglo. So wie Laura möchten die meisten der Besetzer ihre Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. "Nicht der Einzelne zählt, die Arbeitskreise bestehen aus vielen Leuten.Wir haben hier keine hierarchischen Strukturen", nennt Laura als Gründe. Es könnte aber auch Angst dahinter stecken: So will zum Beispiel ein Besetzer partout nicht fotografiert werden, weil er sein Konterfei nicht im Internet wiederfinden möchte, zumindest nicht im Zusammenhang mit dem Protest.

Die Besetzer sind auch gut vernetzt – landes- und bundesweit und international. Einer der Besetzer ist am Montag nach Paris gefahren, um sich an der Sorbonne mit Studenten über den Bildungsstreik zu unterhalten. Ein Student aus Wien, wo die jüngsten Proteste begannen, hat die Freiburger Besetzer besucht. Abends, sagt Mike vom AK Vernetzung, chatte man mit Vertretern der anderen baden-württembergischen Hochschulen.

Bis zum Wochenende wird die Besetzung auf jeden Fall weitergehen, zahlreiche weitere Aktionen sind geplant. Heute wird das Audimax ab 8 Uhr unter dem Motto "Bildungsgrippe" zur Quarantäne-Station, ab 13 Uhr wird ein Protestzug zum Rektorat am Fahnenbergplatz gehen, dort werden neu ausgearbeitete Forderungen übergeben. Am Freitag folgt dann ein großer Vorlesungsmarathon, der die Nacht hindurch bis Samstag andauern soll. Dozenten zahlreicher Fachrichtungen haben bereits ihr Mitwirken zugesagt. Ein äußerst prominenter Referent wird auch dabei sein: Am Freitag um 20 Uhr wird "Heute-Journal"-Moderator Claus Kleber zum Thema "Krieg und Medien in den USA" sprechen. Der Vortrag, eine Veranstaltung des Carl-Schurz-Hauses und des Englischen Seminars der Uni, war schon vor der Besetzung gebucht; Kleber hat mittlerweile aber zugesagt, auch in einem besetzten Audimax reden zu wollen. Bereits am Freitag um 10 Uhr wird Oberbürgermeister Dieter Salomon (Die Grünen) im Audimax erwartet. Sein Herausforderer bei der OB-Wahl, Kultur- und Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD), war bereits da.

Nicht zu Kompromissen bereit ist die Universität, was die Forderung der Besetzer betrifft, die Anweisenheitspflicht bei Lehrveranstaltungen auszusetzen. "Das geht schon rein rechtlich nicht", erklärt Unisprecher Dreier. In einigen Studiengängen wird aber tolerant mit den Besetzern umgegangen, etwa im Fach Soziologie. Ein Großteil der Besetzer gehe aber ohnehin weiter in die Vorlesungen und Seminare, sagt Laura. "Wir fordern ja keinen Vorlesungsboykott."

Autor: Frank Zimmermann