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17. Februar 2010

Soldaten dienten als Versuchskaninchen

Frankreich ließ Auswirkungen von Atombomben an Menschen testen.

  1. Französischer Atomtest im Jahr 1971 Foto: AFP

PARIS. "Vertraulich – Verteidigung", steht auf dem Dossier über Frankreichs erste Atombombenversuche in der algerischen Sahara. Seit Dienstag ist es mit der Vertraulichkeit vorbei. Die Zeitung Le Parisien hat Auszüge aus dem Bericht veröffentlicht, die schaudern lassen. Schon bisher hatte sich Frankreichs Armee den Vorwurf gefallen lassen müssen, bei Kernwaffentests in den sechziger Jahren erschreckend sorglos agiert zu haben. Im Licht des 260 Seiten starken Dossiers erscheint ihr Vorgehen nun skrupellos, ja fast kriminell, wie es Patrice Bouveret formuliert hat, der Vorsitzende des Observatoriums für Rüstung.

Bei den 17 erst oberirdischen und dann unterirdischen Atombombentests in der algerischen Wüste hat der französische Generalstab die ihm anvertrauten Soldaten demnach nicht nur fahrlässig radioaktiver Bestrahlung ausgesetzt. Vielmehr schickten die Befehlshaber Rekruten kurz nach dem Zünden einer Bombe an den Explosionsort, um "die körperlichen und seelischen Auswirkungen der Atomwaffe auf den Menschen zu erkunden". Der Argwohn vieler Veteranen, dem nach der Atombombe strebenden Vaterland unwissentlich als Versuchskaninchen gedient zu haben, hat sich damit 50 Jahre nach dem ersten französischen Kernwaffentest zur Gewissheit verdichtet.

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"Wir Menschen zählten damals nichts", meint Lucien Parfait, einer von 4800 Angehörigen des "Verbands der Veteranen der Nuklearversuche" (Aven). 35 Prozent der Mitglieder sind an Krebs erkrankt, 55 Prozent an anderen, der Verstrahlung zugeschriebenen Krankheiten. Schwerpunkt des 1998 erstellten Berichts ist der vierte und letzte oberirdische Atomtest vom 25. April 1961. Der Versuch unter dem Code-Namen "Gerboise verte" (Grüne Wüstenspringmaus) sollte unter anderem Aufschluss bringen, wie ein mit Atomwaffen angegriffenes Gelände zurückerobert werden kann.

"Zwanzig Minuten nach der Explosion stiegen die Männer aus ihren Schutzräumen und betrachteten furchtsam den Atompilz", heißt es in dem Dossier. Weitere 40 Minuten später habe sich eine Patrouille dem Explosionsort bis auf 275 Meter genähert, unter den Füßen verbrannter Sand. Die Schlussfolgerungen aus dem Experiment sind festgehalten: Um den Soldaten "körperlich und moralisch zu einem modernen Kämpfer auszubilden", empfiehlt sich demnach, die Beweglichkeit einengende Gasmasken durch Staubmasken zu ersetzen.

Frankreich Verteidigungsminister Hervé Morin versicherte, von dem Bericht nichts gewusst zu haben. Der Minister erinnert daran, dass das Parlament auf seine Initiative hin im Dezember ein Gesetz verabschiedet hat, dass den Opfern der Atomversuche Entschädigung zuspricht. Zehn Millionen Euro wurden bereitgestellt, eine Summe, die bei Bedarf erhöht werden soll. Noch 2001 hatte die Pariser Regierung bestritten, dass bei den 210 Atomtests zwischen 1960 und 1996 in der Sahara und im Pazifik irgendein Mensch zu Schaden gekommen sei.

Autor: Axel Veiel