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18. Januar 2012

Alles im Fluss

BZ-Serie (Teil V und Schluss): Pilates strafft nicht nur den Körper, es beeinflusst auch das psychische Wohlbefinden.

Gabriele Roser lacht und fragt: "Wissen Sie denn, wie Sie Ihren Transversus abdominis aktivieren?" Der ist, erklärt die Trainerin dann, ein tiefer Bauchmuskel, der tiefste überhaupt, den wir haben. Und er steht im Fokus beim Pilates. Bei dieser ganzheitlich orientierten Sportart geht es um die Stärkung der Körpermitte, des sogenannten Powerhouses. Zwischen Brustkorb und Becken sollen die Muskeln gedehnt, gekräftigt und trainiert werden, so dass ein stabiles Zentrum entsteht. Dadurch wird die Haltung verbessert und der Körper bei Bewegungen im Alltag und vor allem im Sport geschützt. "Pilates lässt sich wunderbar als Prävention nutzen, um falschen Bewegungsmustern vorzubeugen", sagt Gabriele Roser, die die Methode seit 15 Jahren unterrichtet und in Freiburg ein eigenes Studio betreibt. Der Präventivcharakter von Pilates hat auch die Krankenkassen überzeugt, viele übernehmen die Kosten für einen entsprechenden Kurs. Gabriele Roser empfiehlt die Trainingsmethode aber auch dann, wenn die Beschwerden schon vorhanden sind. "Gerade bei Menschen, die viel im Sitzen arbeiten oder einer einseitig belastenden Tätigkeit nachgehen, oder auch Hobbysportlern wie Tennisspielern gerät der Körper in eine Dysbalance, die Pilates ausgleichen kann", sagt die Expertin.

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Doch Pilates wirkt nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Die rund 500 Übungen fordern höchste Konzentration und eine bewusste Atmung – so sehr, dass der Kopf gar nicht anders kann, als die Alltagssorgen zu vergessen und auf das Hier und Jetzt zu achten. Deshalb ist Pilates auch ein probates Mittel zur Entspannung und Stressminderung. Dass dieses insgesamt nur scheinbar sanfte Training besonders bei Frauen gut ankommt, hat einen Grund: Mit Pilates lässt sich jeder Muskel trainieren, ohne dass man hinterher aussieht wie ein Bodybuilder. Der Körper wird straff und geschmeidig, die Muskeln schlank und kraftvoll. Deshalb schwören auch Tänzer auf diese Methode.

Entwickelt wurde sie vor etwa 100 Jahren von dem Deutschen Joseph Hubertus Pilates. Der wollte sich damit ursprünglich nur selbst stärken, da sein Körper von Asthma und Rachitis im Kindesalter stark geschwächt war. Im Ersten Weltkrieg geriet er in England in Gefangenschaft und hielt sich und seine Mitgefangenen mit den selbst entwickelten Übungen fit. Selbst Verletzte und Kranke konnten damit rehabilitiert werden. 1926 wanderte Pilates in die USA aus und gründete in New York ein Trainingsstudio, in dem er seine Techniken bis zu seinem Tod 1967 lehrte.

Wer Pilates trainiert, muss sich an sechs Grundprinzipien orientieren: Kontrolle, Konzentration, Präzision, Atmung, Bewegungsfluss und Zentrierung. Um die angestrebte Körperbeherrschung zu erlangen, braucht es vor allem Kontrolle. Joseph Pilates war dieser Grundsatz so wichtig, dass er seine Trainingsmethode zunächst "Contrology" nannte. Mit der Konzentration sollen Geist und Körper vereint und die Körperwahrnehmung erhöht werden, die dann wiederum dazu dient, die Präzision zu gewährleisten. Das viel zitierte Schlagwort "Qualität ist wichtiger als Quantität" ist beim Pilates Programm, die Übungen müssen exakt ausgeführt werden. Dazu gehört der tiefe, bis in die Flanken reichende Atem, der die Durchblutung und den Stoffwechsel fördert. Im Gegensatz zum oft eher statischen Yoga werden die Übungen im Pilates fließend absolviert, wobei die Bewegungen sehr langsam sind und sich daraus ein steter Fluss ergibt. Mit dem Prinzip der Zentrierung ist das eingangs erwähnte Powerhouse gemeint. Die Körpermitte wird während der Übungen angespannt, von dort geht die Bewegung aus. "Wenn man diese Prinzipien alle beherzigt, merkt man bald, dass Pilates ein sehr anspruchsvolles Training ist", sagt Gabriele Roser.

Dass diese Anstrengungen sich durchaus lohnen, bestätigen nicht nur die Erfahrungsberichte derer, die sie regelmäßig machen. Auch die Wissenschaft hat sich den Effekt des Fitnessprogramms schon genauer angeschaut. In einer Studie, die das Zentrum für Gesundheit der Deutschen Sporthochschule Köln 2007 veröffentlichte, wurde untersucht, ob und wie Pilates und Gymnastik das physische und psychische Befinden von Frauen beeinflussten. Beide Sportarten zeigten positive Auswirkungen, die allerdings bei der Pilates-Gruppe deutlicher ausfielen als bei den Frauen, die einmal in der Woche Gymnastik machten. Die Pilates-Frauen gaben an, sich weniger müde, nervös und depressiv zu fühlen, gleichzeitig hatte sich auch das allgemeine körperliche Befinden verbessert, sie waren beweglicher und trainierter.

Interessant ist auch die Studie, die im Rahmen einer Magisterarbeit an der Universität Wien entstand: Die Autorin hat dafür über zweieinhalb Monate lang den Einfluss von Pilates auf den Transversus abdominis, also den quer verlaufenden Bauchmuskel untersucht. Bei den Probandinnen wurde nach dem Versuchszeitraum weder eine Gewichtsabnahme noch ein geringerer Bauch- oder Taillenumfang gemessen. Dafür jedoch war der Transversus abdominis deutlich gekräftigt, die Körperhaltung verbessert und die Bewegungen flüssiger.

Pilates eignet sich perfekt für den Hausgebrauch, ein freies Plätzchen auf dem Boden zum Üben im Wohnzimmer oder dem Schlafzimmer genügt. Gerade als Anfänger muss man noch nicht mit Geräten arbeiten, eine Matte als Utensil – mehr braucht man nicht. Bevor man sich jedoch als Anfänger mit der Hilfe von Buch oder Video ins Training stürzt, sollte man wenigstens einen Basiskurs bei einem erfahrenen Lehrer besucht haben. Denn effektiv sind die Übungen nur, wenn man sie richtig macht. "Zum Beispiel ist es wichtig, dass man nicht ins Hohlkreuz kommt. Das zu erspüren, ist gerade am Anfang schwierig, man braucht ein hohes Maß an Körpergefühl, und das stellt sich meist erst mit zunehmender Erfahrung ein", sagt Gabriele Roser. Wer durchhält, der wird belohnt. Das zumindest verspricht Joseph Pilates höchstselbst: "Nach zehn Stunden spüren Sie einen Unterschied, nach zwanzig Stunden sehen Sie einen Unterschied und nach dreißig Stunden haben Sie einen neuen Körper."

Die BZ-Serie "Entspannung durch
Bewegung" behandelt folgende Themen:
»Teil I: Betriebssport (21.12)
»Teil II: Warum wirkt Yoga? (28.12.)

»Teil III: Wie hilft Tai Chi? (4.1.)

»Teil IV: Was kann man mit
   Feldenkrais erreichen? (11.1.)

»Teil V: Was ist eigentlich Pilates?

Alle Teile in einem Onlinedossier      unter http://mehr.bz/relax

Autor: Claudia Füßler