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09. Februar 2012

Bergsteigen abseits der großen Scheinwerfer

Nachdem Gerlinde Kaltenbrunner alle Achttausender bestiegen hat, bricht sie im April mit ihrem Mann Ralf Dujmovits auf noch unbekannten Wegen zum Nuptse auf.

  1. Bekam die höchste Auszeichnung, die Österreich zu vergeben hat: Gerlinde Kaltenbrunner Foto: dpa

FREIBURG. "Anfang April geht es wieder los", sagt Gerlinde Kaltenbrunner, sie atmet tief durch, dann leuchten ihre Augen. Es geht, wie könnte es anders sein, einmal mehr hoch hinaus. Ziel der im badischen Bühl lebenden Höhenbergsteigerin ist der Ostgrad des Nuptse, 7800 und ein paar Meter hoch, so ganz genau weiß sie es gar nicht zu sagen. Im Grunde sind die prestigeträchtigen Höhenmeter auch ganz egal. Ihr zumindest. Gerlinde Kaltenbrunner hat schließlich erreicht, was nur zwei weitere Kolleginnen von sich behaupten können: Sie stand auf allen 14 Achttausendern. Sie muss sich nichts mehr beweisen – und schon gar nicht irgendwelche Rekorde aufstellen.
„"Es ist jetzt eine andere Form von Aufbruch", sagt sie. Die höchsten Erhebungen dieser Erde hat sie seit dem vergangenen August, als sie nach mehreren Anläufen endlich oben auf dem 8611 Meter hohen K2 stand, allesamt in ihrem persönlichen Gipfelbuch stehen. Jetzt, so könnte man sagen, kommt die Kür. Jene Gipfel, die ihr und ihrem Mann Ralf Dujmovits, der ebenfalls schon auf allen Achttausendern war, eine Herzensangelegenheit sind. Der Nuptse ist der Erste davon.

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Von einem wunderschönen Berg spricht Kaltenbrunner, einem Gipfel, der sie reizt, seitdem sie ihn das erste Mal gesehen hat. Der Nuptse bildet zusammen mit dem Lhotse und dem Mount Everest so etwas wie ein geografisches Hufeisen. Er ist der am westlichsten gelegene der drei Riesen, liegt in Nepal und lässt von hoch droben "Blicke zu bis hinab auf die Reisfelder am Ganges". Vielleicht noch wichtiger für das bergsteigende Paar: Noch nie ist die ins Auge gefasste Route begangen worden. Eine Pioniertat soll es also werden, abseits der hoch frequentierten Gipfel- und Trekkingwege. Das also, was für Kaltenbrunner der eigentliche Reiz des Kletterns und Bergsteigens ausmacht.

Viel ist über die 41 Jahre alte Österreicherin hereingebrochen, seit sie mit dem K2 alle Achttausender bestiegen hat. "Der Rummel hat ungemein zugenommen", sagt sie am Rande der "Mundologia" in Freiburg, wo sie dieser Tage mit ihrer ebenso faszinierenden wie bewegenden Multimediashow zu Gast war. Zahlreiche Empfänge ihr zu Ehren hat es seit vergangenen August gegeben, in ihrer Heimatgemeinde Spital am Pyhrn in Oberösterreich ein großes Volksfest mit Blasmusik dazu.

In der Alpenrepublik ist Gerlinde Kaltenbrunner ein Star, eine Identifikationsfigur. Heinz Fischer, der Bundespräsident, hat ihr in der Wiener Hofburg dann auch das goldene Ehrenzeichen verliehen, die höchste Auszeichnung, die Österreich zu vergeben hat. Es scheint fast, als sei es ihr ein wenig peinlich, dies alles zu erwähnen. Gerlinde Kaltenbrunner mag alles, nur keinen Rummel um ihre Person. Die großen Scheinwerfer sind ihre Sache nicht.

Deshalb hat sie auch lernen müssen, nein zu sagen. Die Medien, die Anfragen für Vorträge, "alles ist steil nach oben geschnellt". Der Ruhm schafft Nachfrage, weshalb sie jetzt auch mal enttäuschen müsse. Was ihr schwerfällt. Aber da sind noch so viele Ziele, "und dafür muss ich mich in Form halten". Was Zeit kostet, viel Zeit.

Neulich, bei der Ispo, hatte Gerlinde Kaltenbrunner eine ebenso unerwartete wie "für mich schöne Begegnung". In den Hallen der Münchner Fachartikelmesse für Sportartikel und -mode ist sie plötzlich Oh Eun Sun begegnet. Das ist jene Südkoreanerin, die für sich in Anspruch nimmt, als erste Frau alle 14 Achttausender bezwungen zu haben. Am 27. April 2010 stand sie auf der Annapurna – und löste mit ihrem Gipfelsturm aufgrund des verstärkten Einsatzes von Hilfsmitteln (darunter der Flug mit Helikoptern ins Basislager und der Einsatz von Flaschensauerstoff) in Fachkreisen heftige Eruptionen aus. Darf man das? Taugt so etwas zum Rekord? Gerlinde Kaltenbrunner, die auf alle Gipfel stets ohne Sauerstoff, ohne Hochträger (Sherpas) und fest installierte Hochlager, also im Alpinstil gestiegen ist, hat sich aus den Diskussionen stets herausgehalten. An der vor allem von den Medien hochgespielten Rekordjagd, die auch die Spanierin Edurne Pasaban gerne zu ihren Gunsten entschieden hätte, beteiligte sich Gerlinde Kaltenbrunner sowieso nicht. Sie erkor vielmehr den Weg zu ihrem Ziel, nicht den Rekord.

"Oh Eun Sun hat’s halt auf ihre Art gemacht, ich auf meine", sagt die Österreicherin, die ihre Kollegin in München dann auch prompt in die Arme geschlossen hat. Von wegen Neid und Missgunst, "wir haben uns versprochen, mal einen Kaffee miteinander trinken zu gehen", sagt Gerlinde Kaltenbrunner. Vielleicht nach ihrer Rückkehr vom Nuptse? Wer weiß. Zunächst einmal heißt das aber für sie: Gesund zurück kommen. Dass das bislang immer geklappt hat, ist für Gerlinde Kaltenbrunner "mein größter Erfolg überhaupt". Aufpassen will sie deshalb, dass das auch so bleibt. Denn der Ziele, sagt sie, "sind noch so viele".

Autor: Michael Dörfler