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05. Juli 2012

"Frau Schwarzwaldpokal"

Spitzenleistungen als Alltag

BZ-SERIE (2): Heidi Spitz ist "Frau Schwarzwaldpokal" und Wegweiserin für Olympiasieger.

  1. Stilsicher: Kniebundhosen, Wollstrümpfe und Holzlatten mit „Rattenfallen“ als Bindung waren zu Spitz’ aktiver Zeit Stand der Sporttechnik. Foto: Privat

  2. Es muss nicht nur der Kombinierer-Weltcup in Schonach sein: Heidi Spitz organisiert auch den Bike-Marathon in Furtwangen. Foto: bachmann/Repro

  3. Ein Startbild aus einer anderen Zeit: Heidi Spitz bei einem Langlaufrennen Anfang der 1970er-Jahre Foto: Privat

SKI NORDISCH. Was diese Frau so alles kann: Heidi Spitz (57) ist seit mehr als dreißig Jahren die Seele des Schwarzwälder Wintersports. Die nordischen Junioren-Weltmeisterschaften 1981 und 2002 hat sie in ihrer Heimatgemeinde Schonach geprägt, ohne sie als OK-Chefin wäre der Weltcup der Nordischen Kombinierer um den Schwarzwaldpokal nicht denkbar. Ein Herz für Abenteurer hat sie – was lag da näher, als den Skimarathon (SSM) nach Hinterzarten und den 100 Kilometer langen Rucksacklauf zum Belchen zu organisieren. Damit nicht genug ist Heidi Spitz seit sechs Jahren Geschäftsführerin des Schwarzwald-Bike-Marathons in Furtwangen.

All das tut sie uneitel und ehrenamtlich. Wochen mit 60 Stunden Arbeitszeit sind für die Leiterin des Sport- und Kulturamts Schonach keine Seltenheit. Als Macherin mit Herz und Verstand, bodenständig und frei von Allüren erleben sie Sportler und Funktionäre. Eine Frau, die für den Sport lebt, weil sie aus dem Sport kommt, die mit den Aufgaben gewachsen ist und die auch am Schreibtisch, an Computer, Smartphone oder im weltweiten Netz nie vergisst, dass Sportler manchmal anders ticken. Für Langeweile hat sie einfach keine Zeit. Zeit um zuzuhören findet sie dagegen immer. Vor allem dann, wenn junge Sportler ihren Rat suchen. Heidi Spitz steht mitten im Jetzt, doch sie weiß aus eigenem Erleben von einer Zeit zu erzählen, in der man noch in Kniebundhosen in Langlaufrennen startete, die Skischuhe in "Rattenfallen" statt Hightech-Bindungen einrasteten und ein Speckvesper als sportgerechte Ernährung galt. Wenn sie davon erzählt, spitzen die jungen Sportler die Ohren und können kaum glauben, was sie hören. Dabei liegt diese Zeit gerade mal 40 Jahre zurück.

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Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof mit Direktvermarktung in der Schonacher Sauermatte, auf dem es tagaus tagein Kühe, Schweine und ein paar hundert Hühner zu hegen galt. Groß geworden ist sie auf schmalen Latten. Auf Langlaufski war sie bald so erfolgreich wie ihr großer Bruder. "Der Herbert war 1969 deutscher Juniorenmeister über 50 Kilometer", erinnert sie sich. Und der jüngere "kleine" Bruder Karl, Jahrgang 1960, war ein respektabler Kombinierer und zählt (meist mit vereistem Bart) als Ultra-Ausdauerlangläufer seit Jahrzehnten zu den Besten bei SSM und Rucksacklauf. Sich selbst vergisst Heidi Spitz beinahe in dieser Geschichte. Dabei hat sie in der Loipe in ihrer aktiven Zeit zwischen 1960 und 1976 ordentlich abgeräumt. Als mehrfache baden-württembergische Meisterin und "ein paar Mal" als Schwarzwaldmeisterin. Wann sie welchen Titel gewonnen hat, weiß sie nicht mehr: "Nicht so wichtig". Aber an die Strecken erinnert sie sich. "Wir sind fünf Kilometer gelaufen. Immer fünf Kilometer. Es gab nur diese fünf Kilometer."

Gemeinsam mit den Bubenbacherinnen Barbara Faller und Lisbeth Kleiser sowie der späteren BZ-Sportredakteurin und nicht mit ihr verwandten Ulrike "Uli" Spitz ist sie damals gelaufen. "Die Uli war fast immer einen Tick stärker als ich", erinnert sich Heidi Spitz. "Wenn die eine Startnummer umgehängt bekam, war sie nicht zu bremsen."

Erfolge, die in einen wunderbar erfüllten Tagtraum mündeten. 1972 wurde Heidi Spitz für vier Wochen ins olympische Jugendlager nach Osaka eingeladen – und erlebte hautnah die Winterspiele in Sapporo mit. Damals war sie 16. "Der Sport war die große Chance, mal wegzukommen vom Hof", erinnert sie sich. "Ich war ja so unbedarft wie unsere Hühner." Ihren Teamkollegen Urban Hettich vom SC Schonach hat sie damals in Japan in der Nordischen Kombination angefeuert. Der Mann von der "Vogte", aufgewachsen unweit des Schonacher Blindensees, belegte Rang zwölf. Vier Jahre später gewann Hettich nach einem Sprung auf Rang zwölf und sensationeller Bestzeit in der Loipe in Seefeld Olympia-Silber. Es war das Jahr, in dem Heidi Spitz ihre aktive Langlauf-Karriere beendete. "Danach hab’ ich nur noch kleinere Wettkämpfe bestritten und ein paar Staffelrennen." Und sie ist eingesprungen, "wenn die im Team halt keine andere hatten und eine Oma brauchten". Gefragt war sie fortan als Trainerin. Hans-Peter Pohl, 1988 im kanadischen Calgary Team-Olympiasieger in der Nordischen Kombination, ist durch ihre Schule gegangen, hat bei ihr und Winfried Hör die Kunst des Wachsens erlernt und den raumgreifenden Diagonalschritt. Eine klassische Technik, an die sich die Kombinierer von heute nur noch dunkel erinnern können. Und Hansjörg Jäkle, den "in de Schone" alle nur "Jackson" nennen, lief mit Spitz lang, ehe er von der Kombination zu den Spezialspringern konvertierte, 1994 in Lillehammer als Ersatzmann in die Mannschaft rutschte und mit seinem Kumpel Christof Duffner, Dieter Thoma und Jens Weißflog in Gemeinschaft zu Gold sprang.

"Gerührt sein, ja. Aber

ich weine eher nicht."

Heidi Spitz über sich selbst
Als Jäkle im Triumph zurückkehrte, war Heidi Spitz schon lang "Frau Schwarzwaldpokal". Als Verwaltungsfachangestellte im Schonacher Rathaus war sie 1981 bei der nordischen Junioren-Weltmeisterschaft unter Anleitung von OK-Chef Ernst Schmider hineingerutscht in eine Tätigkeit, für die es damals keinen Namen gab. Als Schriftführerin der JWM erlebte sie den kometenhaften Aufstieg eines milchgesichtigen Finnen: Matti Nykänen gewann im Januar 1981 als Junior auf der Langenwaldschanze seinen ersten internationalen Titel. "Damals war ich nach den Wettkämpfen völlig kaputt", erinnert sie sich. "Das hat mich aufgefressen." Seither ist sie angefressen. Seit 1982 kämpft sie alle Jahre wieder um Dreikönig als OK-Chefin des Schwarzwaldpokals um ihren Weltcup in der Nordischen Kombination, Seite an Seite mit rund 300 Helfern. "Jeder Einzelne ist wichtig", sagt Heidi Spitz, "ich bin nur ein kleiner Teil des Ganzen".

Heute ist sie eine Sportmanagerin, die in der Welt des nordischen Skisports (fast) jeder kennt. Titel sind Heidi Spitz "vollkommen wurscht" – dass es reihum Generalsekretäre zuhauf gibt, quittiert sie mit einem Schmunzeln. Was für sie zählt, ist die Rückmeldung der Athleten. Die kommen gern zu ihr. Seien es der trinkfeste Finne Rauno Mietinen, der in Schonach nach legendären Weltcups triumphierte, oder Georg Hettich, bei dessen Olympiasieg sie 2006 so gerührt war, dass sie ihren Grundsatz ("ich weine eher nicht") fast vergaß – sie alle haben ihr großartig organisierte Wettkämpfe zu verdanken. Dass sie neben Schwarzwaldpokal und Rucksacklauf in jedem Winter auch noch Deutschlandpokal-, Kinder- und Schülerrennen des Skiteams Schonach-Rohrhardsberg sowie das Bundesfinale des Schulwettbewerbs "Jugend trainiert für Olympia" organisiert, ist für sie kaum der Rede wert. Und seit sie Geschäftsführerin des Furtwanger Schwarzwald-Bike-Marathons ist, rollen die Stollenreifen noch ein bisschen runder.

Warum sie tut, was sie tun muss? "Der Sport hat mir in meiner Jugend so viel gegeben", sagt Heidi Spitz. "Das will ich zurückgeben."

Autor: Johannes Bachmann