Der Papa ist allein unterwegs

sid

Von sid

Mo, 04. September 2017

Basketball

Robin Benzing, Kapitän der deutschen Basketballer, wurde während der EM Vater.

TEL AVIV (sid/BZ). Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis Robin Benzing die erste Windel wechseln darf. "Schade, dass man nicht da sein kann", sagt der Kapitän der deutschen Basketballer etwas traurig, mit dieser Tatsache hat sich der 28-Jährige im fernen Israel aber längst abgefunden. Während der EM brachte seine Frau das erste gemeinsame Kind zur Welt, doch der Papa kann es (noch) nicht in den Arm nehmen.

Hochschwanger war seine Katharina, als sich der Routinier unter den Nationalspielern am vergangenen Montag nach Tel Aviv aufmachte – geplagt von einer hartnäckigen Knieverletzung. Benzing hätte mindestens zwei gute Gründe gehabt, daheim zu bleiben. Doch er ackerte für sein Comeback und nahm bei der Abreise nicht etwa nur in Kauf, die Geburt zu verpassen. Er wusste, dass es so kommen würde.

"Wir haben die Entscheidung getroffen und ziehen das jetzt durch", sagt Benzing. Schwer sei es gewesen, aber Benzing will bei der Europameisterschaft etwas reißen, und er spielt gewissermaßen auch für die Familie. Sein Vertrag beim spanischen Erstligisten CAI Saragossa lief in diesem Sommer aus, Jobsuche ist angesagt. Eine bessere Bühne als die EM kann es dabei im September nicht geben.

Am Freitagmorgen, Stunden nach dem Auftaktsieg gegen die Ukraine (75:63), erblickte die kleine Ainhoa das Licht der Welt. "Ein spanischer Name. Wir wollten was Außergewöhnliches haben", sagt Benzing. Mit 3950 Gramm und 55 Zentimeter habe das Mädchen eine "stabile Größe". Bis es erstmals seinen Vater sieht, dürfte zumindest beim Gewicht schon etwas dazugekommen sein. Benzing ist überglücklich, aber natürlich auch in einer komischen Situation. Mit jedem weiteren Sieg bei der EM vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit, dass er länger weg ist. Im äußersten Fall reist er am 18. September nach Hause, am Tag nach dem Finale. Aus sportlicher Sicht wäre es der Höhepunkt der Karriere, ganz persönlich nicht so schön.

"Ich bin nicht in der einzigen Familie, in der es passiert, dass der Mann arbeiten muss und nicht bei der Geburt dabei sein kann", sagt Benzing, der mittlerweile über 120 Länderspiele auf dem Buckel hat. Dass ihn der Gedanke an seine Tochter ablenken könnte, schließt der Südhesse aus. "Man denkt schon mal drüber nach", so Robin Benzing, doch "wenn ich im Spiel bin, kann ich alles andere abschalten. Da bin ich lange genug im Geschäft."

Bislang funktioniert es. Benzing spielt ein starkes Turnier, er war gegen die Ukraine und auch am Samstag gegen Georgien, als im ersten Spiel nach der Geburt seiner Tochter der nächste Sieg gelang (67:57), zweitbester Werfer – hinter NBA-Profi Dennis Schröder. Gegen Georgien erzielte er elf Punkte (Schröder 23) und war vor allem in der Schlussphase stark, als er zwei wichtige Dreipunkte-Würfe versenkte. "Hoffentlich kann ich weitere positive Energie ins Turnier mitnehmen", hatte er zuvor erklärt. Es sieht so aus.

Allein hat Benzing die weitreichende Entscheidung zum Trip nach Israel, der vermutlich erst im Finalrundenspielort Istanbul in der Türkei zu Ende geht, selbstverständlich nicht getroffen. Er bekam die ausdrückliche Erlaubnis seiner Frau. "Sie hat gesagt: Du sollst bitte bleiben und spielen." Bundestrainer Chris Fleming meinte: "Er hat eine sehr starke Frau. Alle Achtung."

Am Sonntagabend spielten Benzing und Co. ihr drittes Gruppenspiel. Gegen Gastgeber Israel gab’s eine 80:82-Niederlage.