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31. Dezember 2011
Mit langem Anlauf
Im 13. Jahr seiner NBA-Karriere wird Basketballer Dirk Nowitzki erstmals Champion.
Es ist nichts weiter als ein böses Gerücht, dass lange Kerle eine lange Leitung haben. Wahr ist hingegen, dass die langen Lulatsche oft einen langen Anlauf benötigen, um ihre Ziele zu erreichen. Bei Dirk Nowitzki dauerte der Anlauf ziemlich genau zwölfeinhalb Jahre.
Seit Januar 1999 spielt der wohl beste Basketballer, den Deutschland je hatte, in der Nordamerikanischen Profi-Liga (NBA). Aber erst in der Nacht zum 13. Juni 2011 schaffte er das, wovon die meisten Basketballer träumen: den Titel in der NBA zu holen, der besten Basketball-Liga der Welt, die immer noch der Stolz der schwarzen wie der weißen US-Amerikaner ist.
Als erster und bislang einziger Deutscher schaffte Nowitzki dies. Mit den Dallas Mavericks gewann er an jenem 13. Juni, in seiner 13. NBA-Saison und eine Woche vor seinem 33. Geburtstag, die Finalserie gegen den Favoriten Miami mit 4:2 Siegen, der entscheidende vierte Erfolg (105:95) wurde in der Halle des Gegners erzielt. Er wurde von seinen Mitspielern lautstark in der Halle gefeiert, während sich das "German Wunderkind", wie sie den Würzburger in Amerika nennen, in der Spielerkabine verkroch. "Ich habe erstmal eine Minute für mich gebraucht. Ich habe ein wenig geweint", sagte der 2,13-Meter-Riese, den anschließend die Mitspieler überredeten, zur Übergabe der Trophäe wieder zurückzukommen in die Halle.
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Es war der Ausgangspunkt eines Feier- und Auszeichnungsmarathons um und mit Dirk Nowitzki, der unter anderem beinhaltete: Ehrung zum besten Spieler der Finalserie (MVP); Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes, der höchsten Auszeichnung für deutsche Sportler, durch Bundespräsident Christian Wulff; Wahl zu Deutschlands Sportler des Jahres 2011, wobei er als erster Teamsportler mit dem Einzeltitel ausgezeichnet wurde – das hatte selbst die lebende Fußball-Legende Franz Beckenbauer nicht geschafft.
Und vielleicht – wer weiß – hat sich Dirk Nowitzki in all dem Jubel und Trubel auch für ein paar Augenblicke des 9. Januars 1999 erinnert, als er sein letztes Bundesligaspiel für seinen Heimatverein DJK Würzburg bestritt. Es war an einem Samstagabend und es war in Freiburg, als Nowitzki seinen Klub zu einem 78:77-Sieg führte, anschließend einigen Dutzend Kindern (und einem guten Dutzend Erwachsenen) Autogramme schrieb, noch ein 20-Minuten-Interview im Stehen gab und in der folgenden Woche in die USA jettete. Er flog nach Dallas zu den Mavericks, die zur damaligen Zeit ihrem Namen nicht gerade Ehre machten. Einzelgänger, Eigenbrötler, Querdenker oder gar Rebellen, das waren die "Mavs" zur Zeit des ausgehenden Jahrtausends gewiss keine, sondern eher eine graue Maus in der Glamour-Liga.
Doch in der Saison 1999/2000 übernahm der Software-Milliardär Mark Cuban das Team für 280 Millionen US-Dollar (214 Millionen Euro) und machte die Mavericks mit viel Tamtam und noch größerem finanziellen Engagement zu einem der besten Klubs der Liga. Auch Dirk Nowitzki veränderte sich. Aus dem großen, aber recht zarten 20-Jährigen wurde Stück für Stück ein athletischer Basketballer nach NBA-Format – obwohl er weiß und zu Beginn auch ziemlich weich war. Aber seine Vielseitigkeit (stark in Eins-gegen-Eins-Duellen, wegen seiner Größe eine Macht unterm Korb, dazu ein herausragender Frei- und Distanzwerfer) machte Nowitzki so ergiebig. Hinzu kam, dass er in der von Egomanen und Angebern beherrschten Liga nie zum Selbstdarsteller mutierte und dass er trainierte, wenn sich andere lukrativen Show- und Werbeauftritten widmeten.
In der Finalserie war er der beste Spieler – trotz einer gerissenen Sehne im Mittelfinger seiner linken Hand (die nicht seine Wurfhand ist) und Fiebers. Nowitzki erhielt höchstes Lob von NBA-Größen wie Earvin "Magic" Johnson ("Wenn er Feuer fängt, kannst du ihn nicht stoppen"). Und dennoch blieb er Dirk Nowitzki: unaufgeregt und unkompliziert. Nur der lange Anlauf zu seinem zweiten großen Ziel, der Olympia-Teilnahme 2012 mit dem Nationalteam, misslang. Aber als NBA-Champion wird er das verschmerzen können.
Autor: Georg Gulde
