Der ruhende Pol in der zweiten Reihe

Wolfram Köhli

Von Wolfram Köhli

Fr, 21. April 2017

Volleyball

MENSCHEN UND SPORT: Hanna Frei spielt seit 22 Jahren beim VC Offenburg. Die 32-Jährige lebt in Karlsruhe, ist Lebensgefährtin, Mutter, berufstätig und Libera.

VOLLEYBALL. Die Tischdecke schlägt hohe Wellen. Windböen bauschen den Stoff energisch auf. Hanna Frei bleibt gelassen, platziert das Tablett und die zwei Kaffeetassen strategisch geschickt, nimmt der himmlischen Kraft die Angriffsfläche. Der Rahmen für ein ruhiges Gespräch auf einem Balkon knapp unter den Dächern von Karlsruhe ist gegeben.

Durchatmen. Der Alltag der 32 Jahre alten Leiterin der Kindersportschule des TV 1893 Viernheim bietet dafür selten Platz. Das Gespräch mit ihr ringt ihrem Alltag eine Pause ab. "Es hat ein wenig länger gedauert. Joschua wollte heute unbedingt laufen", entschuldigt sie sich für ihren zwei Jahre alten Sohn, ohne verspätet gewesen zu sein. Alles ist perfekt organisiert. Im Alltag wie auf dem Spielfeld.

Volleyball ist das Thema, das seit mehr als zwei Jahrzehnten Hanna Frei in seinen Bann gezogen hat. "Ich bin ja schon eher etwas zurückhaltend", sagt sie über sich selbst. Eine korrekte Einordnung. Umso mehr war die junge Frau überrascht, als sie sogar bei einem Ausflug am Mummelsee angesprochen wurde. "Haben Sie gestern nicht in Offenburg Volleyball gespielt?" So eine Art von Prominenz sind die Akteurinnen des VC Offenburg nicht gewohnt. Sie schon gar nicht. Ihre Aufgabe auf dem Feld rückt sie selten ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung. Hanna Frei lächelt.

"Wenn ich keine Familie
hätte, hätte ich
keinen Grund... "

Hanna Frei
In Mannschaftssportarten gibt es eine Crux. Öffentlich bejubelt werden diejenigen, die Tore werfen, spektakulär schmettern, Bälle in Körben versenken. Wer die Aktionen vorbereitet, einleitet, der fällt durch das Raster der unmittelbaren Wahrnehmung. Viele Mannschaftssportarten kennen solche Positionen, deren Bedeutung für den Gesamterfolg eines Teams nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Im Volleyball trifft das auf den Libero zu. Kann nicht schmettern – ist das am weitesten verbreitetet Vorurteil gegenüber den oft kürzer gewachsenen Menschen in der zweiten Reihe. Gilt es Niederlagen zu begründen, steht aber oft deren ureigenes Handwerk, die Annahme, im Zentrum der Kritik. Also agiert Hannah Frei doch an einer zentralen Position! Oder nicht?

Volleyball war in der Offenburger Familie Frei nie das große Thema. Noch heute haben die Eltern das Spiel nicht so aufgesogen wie die Tochter. Aber wie kann es anders sein, wenn seit einer empfundenen Ewigkeit der Weg in die Trainingshalle so selbstverständlich ist wie die tägliche Zahnpflege. Es müsse irgendwann in der dritten, vierten Klasse gewesen sein, als Katharina Kurz, die beste Freundin aus der Grundschulzeit, den wesentlichen Impuls setzte. Anstatt auf sie zu warten, folgte Hanna Frei der Aufforderung, "komm doch einfach mit." So begann vor rund 22 Jahren eine ganz besondere Liebe. Jahre später, es war wohl zu Zeiten als in der Oberliga aufgeschlagen wurde, befand der damalige Trainer Fritz Scheuer: "Hanna spielt Libera." Ein Satz, der keinen Widerspruch duldete. "Die Annahme bockt keinen", sagt sie noch heute.

Inzwischen sorgt ihr Handwerk, das oft von schnellen Reaktionen und artistischem Einsatz geprägt ist, "hin und wieder für ein Raunen beim Publikum." Das ist meist dann so, wenn sie mit ihren 1,73 Metern als Abwehrspielerin agiert, eben nicht als Annahmeakteurin ihre Frau steht und versucht dem ersten Ball jene Ruhe zu geben, die hernach der Zuspielerin Richarda Zorn sämtliche Möglichkeiten der Spielgestaltung offen lässt.

Trainerin Tanja Scheuer ist voll des Lobes über sie. "Sie hat eine tolle Entwicklung hinter sich. Als ich mit ihr anfing, hat sie auf dem Feld kein Wort gesprochen, war sehr introvertiert, wusste nicht, was sie alles kann. Heute steht sie auf dem Feld als gestandene Spielerin und als Mutter – und kann so ein Team mit all ihrer Ruhe auch führen." Die Einschätzung, die die Trainerin vor einem Jahr äußerte, war in der aktuellen Saison nicht immer auf dem Feld nachvollziehbar.

"Ich habe selten gespielt", sagt Hanna Frei im Rückblick und erläutert, "damit habe ich kein Problem. Aber ich habe gewusst, damit geht es zu Ende. Darunter habe ich schon gelitten." Und immer wieder schwebt die Vokabel Ballkontakt über allem. Die habe sie in den Trainings gehabt – auch wenn Hanna Frei nur zweimal in der Woche noch zu den Übungseinheiten nach Offenburg anreiste.

"Wenn ich keine Familie hätte, hätte ich keinen Grund …" Hanna Frei spricht nicht aus, was sie sich seit der ersten Anfrage durch Teammanager Florian Scheuer im Januar kaum zu denken traut. Der Gedanke, es könne die letzte Spielzeit, am Samstag gar das letzte Spiel für das Zweitligateam ihres VC Offenburg sein, hemmt den Redefluss. "Es offiziell zu sagen, wird schon krass."

Sport im Allgemeinen, Volleyball im Besonderen "war ein großer Teil in meinem Leben." Ein Verein wie der VCO lässt niemanden im Regen stehen. Ob bei der Studienwahl oder dem Job an Waldorfschule in Offenburg, den Fritz Scheuer vermittelte – auch nicht, wenn sich die sportliche Karriere dem Ende zuneigt. Mit zahlreichen Weggefährtinnen schlägt sie nun bei der Deutschen Meisterschaft der Seniorinnen auf. Spaßfaktor pur. Und zugleich Bestätigung, mit der Mannschaftssportart und der Entscheidung, "in der Gegend zu bleiben", alles richtig gemacht zu haben.

Hanna Frei hat sich für die Badische Meile, einem Lauf über 8,88889 Kilometer in Karlsruhe, angemeldet. Nur mit dem Training klappte es nicht wie gewünscht. Als ihr Team absagte, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Man traut seinen Ohren nicht, wenn sie sagt: "Mein innerer Schweinehund ist schon groß." Sie spielt in der 2. Bundesliga und managt ein Leben, von dem sie sagt: "Es geht alles, aber es ist einfach echt viel."

Seit September 2015, dem Ende ihrer Familienzeit, sehen Montage und Dienstage so aus: 6.30 Uhr: Aufstehen; 7 Uhr: Sohn Joschua wecken; 7.15 Uhr geht es aus dem Haus; 7.30 Uhr: Joschua ist in die Kita gebracht. Von 8.30 bis 14.30 Uhr arbeitet Hanna Frei – in Viernheim an der Bergstraße. Das sind rund 90 Kilometer, im besten Fall eine Stunde Fahrt mit dem Auto. 15.30 Uhr: Joschua wird aus der Kita geholt. Zuhause bleibt noch etwas Zeit, bis sie dienstags zum Bahnhof aufbricht. 17.39 Uhr Abfahrt nach Offenburg; 18.45 Uhr Training bis 21 Uhr; 22.02 Uhr Rückfahrt aus Offenburg. Man kann es gut verstehen, wenn sie sagt: "Ich freue mich darauf, nicht immer im Hinterkopf zu haben, ich muss jetzt nach Offenburg fahren."

"Hanna Frei überzeugte
in der Annahme."

Zitat aus einem Zeitungsartikel
Nein, Hanna Frei ist keine alleinerziehende Mutter. Matthias, ein promovierter Informatiker, rundet die private Welt ab. Zwischen sechs und sieben Uhr morgens geht er auf den Zug und kommt abends zurück. Seit Januar hat er seine erste Stelle in Bühl angetreten. Ultimate Frisbee ist sein trainingsintensives Hobby, das innerhalb der jungen Familie weitere Abstimmung erfordert.

In der Person von Hanna Frei verkörpert sich ein wenig das Modell des VCO. Als sie in der 12. Klasse war, wurden im Training einmal die Deutschnoten abgefragt. Sie hatte eine Zwei. Das qualifizierte sie für die Nachfolge von Eva Renner. Die hatte bis zum Studienbeginn die Spielberichte für die Zeitungen geschrieben. Mit beachtlicher Distanz zum eigenen Tun auf dem Feld setzte sich Hanna Frei bis zur Vorsaison unmittelbar nach dem Abpfiff an den PC und bildete das Geschehen ab. Eine beachtenswerte Leistung. Nur einmal war sie im Konflikt mit ihrer Einordnung von Leistung angeeckt.

"Hanna Frei überzeugte in der Annahme", hatte sie geschrieben und so stand es in der Zeitung. Da war sie noch Gymnasiastin. "Mich einmal selbst erwähnt zu haben", sagt sie heute, "das war prägend." An ihrer angeborenen Zurückhaltung hat sich in all den Jahren nicht viel verändert, auch dann nicht, wenn ihre Leistung eine Erwähnung verdient gehabt hätte. Das ist nun nachgeholt.