Das Finaldrama von Kopenhagen

sid

Von sid

Di, 22. Mai 2018

Eishockey

Die Eishockey-Auswahl der Schweiz muss sich im Endspiel der WM den Schweden geschlagen geben.

KOPENHAGEN (sid). Als die Schweden ihnen das Gold vom Silbertablett rissen, verließen die Schweizer Eishockey-Helden die letzten Kräfte. An die Bande gelehnt saßen sie auf dem Eis und starrten ins Nichts, Tränen füllten ihre Augen. "Eine riesige Leere ist im Moment da", sagte Stürmer Simon Moser. Fast apathisch nahmen sie ihre Silbermedaillen entgegen. Als der alte und neue Weltmeister im goldenen Konfettiregen seinen elften Titel feierte, waren sie längst in der Kabine verschwunden.

Das Finaldrama von Kopenhagen weckte Erinnerungen an die deutsche Olympia-Sensation in Pyeongchang. Wieder hatte der krasse Außenseiter geführt, wieder war es in die Verlängerung gegangen, wieder hatte am Ende der Favorit triumphiert. Doch nach dem 2:3 der Schweizer nach Penaltyschießen wollte die Enttäuschung nicht so schnell weichen wie zwölf Wochen zuvor in Südkorea, als bei Marcel Goc, Christian Ehrhoff und Co. nach dem 3:4 gegen Russland mit Silber um den Hals der Stolz über den Schock siegte.

"Olympia ist noch mal eine andere Größenordnung, aber im Grunde ist es das Gleiche, das wir gemacht haben", sagte DEB-Präsident Franz Reindl: "Es zeigt, dass alles möglich ist." Aber auch beim Empfang am Montagmittag auf dem Flughafen Zürich-Kloten strahlten die Schweizer Überflieger noch nicht, die Müdigkeit versteckte sich hinter Sonnenbrillen. Der Absturz so kurz vor dem ultimativen Ziel war für sie schmerzhafter, weil sie ihn schon einmal erlebt hatten. Während für die Deutschen der Finaleinzug bei Olympia der größte Erfolg ihrer Eishockey-Geschichte war, wiederholten die Eidgenossen in der Royal Arena ihren Coup von 2013. "Wieder haben uns die Schweden die Party versaut", meinte Trainer Patrick Fischer, "sie sind Spezialisten darin." Anders als beim 1:5 vor fünf Jahren in Stockholm hatte die "beste Nati aller Zeiten", wie der Boulevard das Team mit acht NHL-Profis getauft hatte, diesmal ihre allererste Goldmedaille fast schon in der Hand. Nach Toren von Nino Niederreiter (17.) und Timo Meier (24.) führten die Schweizer in der regulären Spielzeit zweimal, auch im Penaltyschießen lagen sie nach dem Treffer von Sven Andrighetto vorne.

Doch immer fanden die Schweden eine passende Antwort: Gustav Nyquist (18.) und Mika Zibanejad (35.) glichen zweimal aus, Filip Forsberg verwandelte den entscheidenden Penalty. "Auf diese Art und Weise zu gewinnen, fühlt sich großartig an", sagte Stürmer Lias Andersson, "eine Saison so zu beenden, ist unglaublich." Keinen Trost fand dagegen der Schweizer NHL-Verteidiger Roman Josi, einer von fünf Spielern, die schon 2013 im Endspiel gestanden hatten. "Es wird mir diesmal schwerer fallen, mit Silber glücklich zu sein", gab der 27-Jährige zu. Allerdings glauben Josi und Co., dass sie eine weitere Chance erhalten werden – anders als die deutschen Olympiahelden, die ihren historischen Erfolg für einmalig hielten.

"Ich habe immer gesagt, dass die Schweiz irgendwann Weltmeister wird", betonte Fischer: "Vielleicht erlebe ich es noch als Trainer, vielleicht als Fan, aber irgendwann werde ich es erleben." Der 42-Jährige, im Dezember 2015 als Notlösung zum Cheftrainer gemacht, war nach dem frühen Olympia-Aus gegen die deutsche Mannschaft noch harsch kritisiert worden. "Als ich vor ein paar Monaten vom Titel sprach, hat man mich ausgelacht", sagte er, "jetzt hat ein Schuss gefehlt, so knapp war es."

Für Franz Reindl war der Höhenflug der Schweizer zu WM-Silber "sensationell". Dass innerhalb von drei Monaten zwei Außenseiter bis ins Endspiel vorstießen, sei "ein gutes Signal für alle Mannschaften im Bereich sechs bis zwölf", sagte Reindl weiter. Man habe gesehen, "dass bei guter Teamleistung und voller Konzentration alles möglich ist. Es zeigt, wie eng es geworden ist." Allerdings räumte der Verbandspräsident nach dem elften Platz der deutschen Mannschaft in Dänemark auch ein: "Die Schweizer sind grundsätzlich ein Level vor uns."