Nach Olympia-Silber

Eishockey ist im Aufwind – und droht, an der Infrastruktur zu scheitern

Carsten Lappe und Kristina Puck

Von Carsten Lappe und Kristina Puck (dpa)

Mo, 30. April 2018 um 11:21 Uhr

Eishockey

Nach der olympischen Silbermedaille liegt Eishockey in Deutschland im Trend. Dennoch steht der Verband vor Problemen: es fehlen passende Hallen. Auch der Bundestrainer ist ein Wackelkandidat.

Stets zu lächeln, das schafft auch Sunnyboy Marco Sturm nicht. Wenn etwas nicht so läuft, wie es seiner Meinung nach sollte, entschwindet die sonst so einnehmende Freundlichkeit aus dem Gesicht des Eishockey-Bundestrainers. Für einen Moment verfinstert sich die Miene. "Auf geht’s, boys", brüllt er im Training im Wellblechpalast von Berlin-Hohenschönhausen. Dazu knallt der Schläger aufs Eis. Die Aufmerksamkeit der Spieler war nicht so, wie sie sein sollte. Nun hat er sie.

Dieses Jahr besonders spannend: Die Weltmeisterschaft im Mai

Seit Mitte April wird die Anspannung größer. Wenn draußen die Temperaturen steigen und nicht mehr so recht zum Eishockey passen, ist Vorbereitungszeit auf die jährliche Weltmeisterschaft im Mai. In diesem Jahr dürfte das Interesse an der WM vom 4. bis 20. Mai in Dänemark so hoch sein wie seit Jahren nicht mehr.

"Es wäre natürlich besser, wenn wir bei der WM gut abschneiden", sagt Sturm. Denn diese WM ist enorm wichtig, nicht nur für ihn. Zugespitzt kann man sagen, es geht um die Zukunft des deutschen Eishockeys. Kann der Deutsche Eishockey-Bund – kurz DEB – den Gewinn der olympischen Silbermedaille vom Februar zu einem Aufschwung nutzen? Oder gibt es gar keinen Boom?

"Jetzt ist Zeit, auf dem Boden zu bleiben", mahnt DEB-Chef Franz Reindl. "Genieße den Moment, hänge dir die Medaille um, aber es geht weiter. Das wird brutal schwer." Reindl hat das als Spieler selbst erlebt. 1976 gewann er Olympia-Bronze. Auch Alois Schloder, damals Kapitän, kennt die Situation: "Die Erwartungen sind natürlich sehr hoch."

Nach dem aktuellen Olympia-Erfolg traten drei der renommiertesten Namen zurück: Christian Ehrhoff (35), Marcel Goc (34) und Patrick Reimer (35). Und die Auswahl an guten, jungen deutschen Spielern ist begrenzt.

Deutschland lag bislang eher am Rand der Eishockey-Weltkarte

Der 25. Februar 2018 dürfte in die deutschen Sportgeschichtsbücher eingehen. Das Nationalteam spielte in Pyeongchang im Finale der Winterspiele gegen Russland. Eigentlich undenkbar. Dass Deutschland in dieser von Kanadiern, Skandinaviern und Osteuropäern dominierten Sportart um Gold kämpfte, hatte es nie zuvor gegeben.

Nach dem Einzug ins Endspiel durch einen Sieg über das Eishockey-Mutterland Kanada war Strahlemann Sturm mit einem Mal kreidebleich gewesen. Er schien sich nur noch wankend halten zu können. Die Endspielteilnahme bedeutete den größten deutschen Eishockey-Erfolg. Und das nur knapp mit 3:4 in der Verlängerung verlorene Finale sahen, obwohl es um 5.10 Uhr deutscher Zeit angepfiffen wurde, mehr als drei Millionen TV-Zuschauer.

Plötzlich melden die Eishockey-Clubs großen Andrang

Ein Boom ist an der Basis schon greifbar, Eishockey scheint wieder in. "Unvorstellbar", schwärmt Reindl. Sponsoren steigen ein, Eltern kommen mit Kindern zu den Klubs. "Von Schnupperkursen und Kids Days bekommen wir die Rückmeldung, dass das Interesse, aufs Eis zu gehen, viel größer wird", sagt der 63-Jährige stolz. Es war seine Entscheidung gewesen, Sturm 2015 als Nachfolger des glücklosen Pat Cortina zum Bundestrainer und zum Generalmanager zu machen. Selbst Nationalspieler reagierten irritiert. Der damals 36 Jahre alte Sturm hatte zwar in der nordamerikanischen Profiliga (NHL) eine tolle Karriere hingelegt. Trainererfahrung besaß er aber keine.

Sturm verkörpert den amerikanischen Typ

Bei den Spielern ist Sturms Ruf ebenfalls exzellent. Wenn der einstige NHL-Spieler ruft, kommen selbst die Besten aus Nordamerika. Mehrfach wird von einer "Wohlfühl-Atmosphäre" beim Nationalteam berichtet. Zugleich übertrug Sturm seinen Siegeswillen auf die Mannschaft. Nur mit dem Erreichen eines Viertelfinales ist niemand mehr zufrieden.

Sturms Art gilt als amerikanisch. Es ist aber nicht so, dass der Bayer nach knapp 20 Jahren aus den USA verändert zurückkam. "Nee, der war schon immer so", sagt der frühere Nationalmannschaftskollege Sven Felski (43). Wie lange Sturm noch Bundestrainer bleibt, ist trotz eines Vertrags bis 2022 unklar. Daran, dass er irgendwann als Coach zurück will in die Top-Liga der Welt, hat er nie einen Zweifel gelassen: "Franz Reindl weiß, wenn Erfolg da ist, ist das Geschäft so, dass der eine oder andere dann gefragt ist."

Bei Reindls Amtsantritt steckte der DEB tief in der Krise

Sein Weggang wäre für die Funktionäre ein herber Verlust. Für Reindl war die Personalie ein wichtiger Baustein in seinem Programm. 2014 hatte er das Amt als DEB-Boss übernommen – und damit viele Probleme. Unter Bundestrainer Cortina, der jetzt die Schwenninger Wild Wings coacht, wollte angeblich kaum ein Spieler zum Nationalteam. Erstmals hatte Deutschland 2013 die Olympia-Qualifikation verpasst. Die einst populäre Sportart verlor an Reiz.

Reindl schob Reformen an und nannte den Prozess "Powerplay 26". Ziel ist es, von 2026 an mit dem Nationalteam ganz oben um WM- und Olympia-Medaillen mitzuspielen. Ein ehrgeiziges Ziel, das oft belächelt wurde. Nun, da Sturm dem DEB acht Jahre früher Olympia-Silber beschert hat, lacht keiner mehr.

Bereits mit 18 Jahren wagte Ausnahmetalent Sturm als Spieler 1997 den Sprung in die NHL. "Ich war sehr diszipliniert, auch in meinen jungen Jahren. Ich wollte einfach die Chance nutzen", sagt er. Diesen Willen fordert er nun auch von seinem Team. "Er hat klare Vorstellungen. Demjenigen, der diese Richtung nicht konsequent mitgeht, wird das dann auch mal gezeigt", sagt DEB-Sportdirektor Stefan Schaidnagel. Der Sportwissenschaftler kam 2015 einige Wochen nach Sturm zum DEB und krempelt den Verband mit ihm um. "Du brauchst so einen Erfolg, um die Massen zu bewegen", meint der 37-Jährige zum Zuspruch in der Öffentlichkeit. "Der Marco ist ein absoluter Glücksfall." Sturm und Schaidnagel – beiden war nach Olympia klar: Jetzt geht die Arbeit im Zuge von Reindls Reformen erst richtig los. Denn noch immer warten große Aufgaben. Etwa beim Nachwuchs.

Das nächste Problem: gute Eishallen fehlen allerorts – auch in Freiburg

"Wir haben von vorne bis hinten Probleme", sagt Sturm vor allem zum Jugendbereich. Seit 2015 werden die Talente beim DEB gezielter gefördert. So sollen besser ausgebildete Spieler heranwachsen. Aber das dauert. Zudem bringt es wenig, wenn die Geförderten in der ersten Liga nur wenige Einsatzzeiten erhalten.

Daheim in Landshut kümmert sich Sturm auch selbst um die Jugend und übernimmt Trainingseinheiten. Sein Sohn Mason Joseph spielt dort. Dabei wird er mit einem weiteren Problem konfrontiert: Die Halle sieht noch aus wie zu seinen Jugendzeiten.

Heruntergekommene Bauten gibt es an vielen Standorten. In Landshut ist die Situation noch vergleichsweise gut. Im Sommer startet ein Umbau. Insgesamt 21 Millionen Euro soll die Sanierung kosten und bis 2021 abgeschlossen sein. Finanziert von der Kommune. In Freiburg stellt sich die Situation anders dar. "Wir haben unsere Kapazitätsgrenze überschritten", sagt Karl Heidegger, Sprecher des EHC Freiburg. Die Stadt brauche dringend eine zweite Eisfläche. Dabei geht es weniger um die DEL-2-Mannschaft, sondern mehr um die Bedürfnisse von Breitensport und Nachwuchsteams. Der EHC prüft die Option, zeitnah eine zweite, verkleinerte Eisfläche auf dem Parkplatz hinter der Franz-Siegel-Halle zu bauen – als Ausweichmöglichkeit. Eine neue Halle, die den Ansprüchen des DEL-2-Teams genügt, wird nicht vor 2024 realisiert.

Zustand, aber auch die Zahl der Eisflächen in Deutschland, sind ein Problem. Gerade jetzt, da mehr Kinder und Jugendliche kommen. In Landshut etwa waren es nach Olympia in der EVL-Laufschule plötzlich rund 20 neue Kinder. Ähnlich ist es in der Hauptstadt. "Aber wir haben zu wenig Eisflächen und damit auch zu wenig Eiszeiten. Wir sind zu 100 Prozent ausgelastet", sagt Felski, Nachwuchsleiter bei den Eisbären Berlin. "Bundesweit haben wir zu wenig Möglichkeiten, den Sport auszuüben."

Schafft es der Verband, die Euphorie zu nutzen?

Um das Dilemma anzugehen, hat der DEB mit Baufirmen die Plattform "Eisflächen für Deutschland" gegründet und betreibt Lobbyarbeit. Etwa beim Deutschen Städtetag. Reindls Ziel ist es, "in vier Jahren 50 Eisflächen neu geschaffen oder saniert" zu haben. Sein ehemaliger Kapitän Alois Schloder ist skeptisch. "Die Kommunen sagen: Wir haben Kitas, Kultur, wir haben Flüchtlinge. Das wird sehr schwierig." 1976 erlebte Schloder mit, wie die Begeisterung über Bronze mit der Zeit verpuffte. Reindls Leitsatz in solchen Fällen ist bislang immer gewesen: "Der Marco macht das schon." Das gilt auch diesmal. Fraglich ist eben nur, wie lang noch. Sturms Faible für Amerika gilt als ungebrochen. Die Familie hat ein Haus in Florida. Und sein Erfolg macht ihn als Trainer auch für die NHL interessant.