Deutsche Eishockey-Liga

Wild Wings sind die Überraschungsmannschaft der DEL

Heinz Wittmann

Von Heinz Wittmann

Mi, 03. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Eishockey

Vorletzter, Letzter, Letzter, Drittletzter – so lautet die ernüchternde Bilanz der Schwenninger Wild Wings seit der Rückkehr in die Deutsche Eishockey-Liga im Jahr 2013 – nach zehn Jahren in der zweiten Liga.

Das Ziel Playoffs beziehungsweise Pre-Playoffs wurde in Schwenningen stets verpasst. In dieser Saison sieht es aber anders aus: Nach mehr als zwei Dritteln der Hauptrunde sind die Wildschwäne weiter auf Höhenflug: Das Team von Trainer Pat Cortina rangiert mit 56 Punkten auf Rang fünf, steht sogar sieben Zähler vor dem vermeintlich übermächtigen Baden-Württemberg-Rivalen Adler Mannheim, bei dem es diese Saison noch überhaupt nicht läuft. Nur einmal hatten die Wild Wings 58 Punkte – und zwar in der vergangenen Saison. Dies aber zum Saisonende, als alle 52 Partien gespielt waren.

"Schnelligkeit und hohes Tempo sind unsere großen Stärken", hatte Coach Cortina schon vor Saisonbeginn gesagt. Und in der Tat waren genau diese Komponenten, verbunden mit einer nahezu fehlerfreien Defensivarbeit und einem oft überragenden Torwart Dustin Strahlmeier, die Schlüssel zum Erfolg. Der 4:2-Heimsieg gegen den deutschen Meister und Tabellenführer München am Donnerstag vor einer Woche stand sinnbildlich für das Eishockey, das sich Cortina und Sportmanager Jürgen Rumrich vorstellen. Die Mannschaft bleibt immer dicht an ihrem Gameplan, jeder verrichtet auf dem Eis die ihm zugeteilte Arbeit. Das Schwenninger Eishockey soll in der Defensive stark, läuferisch überragend und effektiv in der Chancenverwertung sein. Dies alles passte nicht nur gegen München.

Natürlich passieren im Eishockey immer auch Fehler. Doch die Mannschaft weiß: Da steht ein Dustin Strahlmeier im Kasten. Nicht wenige Experten sehen in Strahlmeier den derzeit formstärksten Schlussmann in der ganzen DEL. Hinzu kommt: Wenn Ersatzkeeper Marco Wölfl, so wie gegen München oder auch beim 1:0-Heimerfolg gegen die Kölner Haie, ran durfte, stand dieser der Nummer eins in fast nichts nach.

Auch in der Verteidigung sind gute junge deutsche Spieler erfolgreich am Werk. Mirko Sacher, der Rückkehrer aus Dresden, hatte zunächst zwar Mühe, sich nach zwei Jahren in der zweiten Liga an das deutlich höhere Tempo in der DEL zu gewöhnen. Dann schlug das SERC-Eigenwächs aber voll ein. Sacher setzte nicht nur in der Defensiv-, sondern auch in der Offensivarbeit Akzente, mit 14 Punkten (fünf Tore/neun Assists) in 21 Spielen ist er einer der offensivstärksten Verteidiger der DEL. Umso ärgerlicher, dass er wegen einer Fußverletzung schon länger ausfällt.

Der finnische Verteidiger Kalle Kaijomaa spielt deutlich stärker als in der vergangenen Saison. Der 33-Jährige übernimmt inzwischen in jeder Situation Verantwortung auf dem Eis. Und sein Landsmann Jussi Timonen agiert vor dem eigenen Tor kompromisslos und dennoch fair. Vor dem eigenen Kasten räumen die Verteidiger viel besser ab als noch in der vergangenen Saison, in der es die gegnerischen Stürmer zu einfach hatten, sich im Bereich direkt vor dem Kasten, im sogenannten Slot, aufzuhalten und Tore zu schießen. Einer der dabei auch besonders hilft ist Kyle Sonnenburg, der vom letztjährigen DEL-Schlusslicht Krefeld kam und am Neckarursprung aufblühte. Will Acton, der in der vergangenen Saison vor allem zu Beginn große Probleme hatte, scort jetzt beständig. Der 30-Jährige schaffte bislang fast exakt einen Punkt pro Spiel, ist mit 37 Zählern (16 Tore/21 Vorlagen) viertbester Punktesammler der Liga.

Und Anfang November gelang den Schwenninger Verantwortlichen ein Transfer-Coup, der noch mehr Scoring-Qualität in die Mannschaft brachte: die Rückkehr von Damien Fleury, der in der Saison 2015/16 25 Tore für die Wild Wings erzielte, dann aber trotz laufenden Vertrages zu Red Kunlun Peking in die höchste russische Liga (KHL), in der auch Teams aus anderen Staaten teilnehmen, wechselte. Der französische Nationalstürmer hat bislang in 20 Spielen für Schwenningen bereits sechs Treffer erzielt und gab ebenso viele Vorlagen. Außerdem blühte neben ihm Landsmann Anthony Rech als Sturmpartner auf.

Das Überzahlspiel der Schwäne ist mit einer Erfolgsquote von 13,74 Prozent allerdings noch ausbaufähig. Mit Unterzahl haben die Wild Wings hingegen kaum Probleme, sie sind mit nur 6,36 Strafminuten pro Partie sehr diszipliniert und das fairste Team der Liga.

Der Schwenninger Weg mit vielen deutschen Talenten schlägt sich aber auch in der Offensive nieder. So hat Mirko Höfflin, obwohl er mehr als einen Monat nach einer Operation an der linken Hand ausgefallen war, bereits sieben Mal getroffen. Bei Mannheim hatte Höfflin in der vergangenen Saison nicht wirklich eine Chance bekommen und war ohne Tor geblieben. Markus Poukkula und Stefano Giliati, die in der vergangenen Saison von schweren Verletzungen heimgesucht wurden, scoren jetzt beständig. Poukkula brachte es bislang auf 23 Punkte zehn Tore/13 Assists), Giliati auf 19 (zehn Treffer/neun Beihilfen).

"Wir dürfen nicht abheben, sondern sollten schön auf dem Boden bleiben", sagt Trainer Cortina, der bemüht ist, die aufkommende Euphorie klein zu halten. Enttäuschend waren am Neckarursprung in Relation zu den guten Leistungen zunächst die Zuschauerzahlen. Doch zuletzt, zwischen Weihnachten und Neujahr, war die Helios-Arena dann nicht nur zum ersten Mal in dieser Saison beim glanzvollen 4:2-Sieg gegen München, sondern auch zwei Tage später bei der unerwarteten 1:2-Niederlage gegen Schlusslicht Straubing mit jeweils 6215 Zuschauern ausverkauft. 78 338 Fans wollten die bislang 19 Heimspiele der Schwäne sehen, was einem Schnitt von immerhin 4123 entspricht. Im ersten Spiel des Jahres 2018 setzte es mit einem 0:5 in Berlin die bisher höchste Saisonniederlage. Die Niederlage fiel zu hoch aus, aber man sah bei den Wild Wings Unkonzentriertheiten in der Abwehr wie sonst nur selten. Die Schwäne konnten von ihrem Polster zehren und behielten Rang fünf. Am Freitag zu Hause gegen den direkten Konkurrenten Düsseldorfer EG sollte dann aber schon wieder gepunktet werden. "Wir haben noch nichts erreicht", mahnt Coach Cortina, dass der Weg zwar stimmt, der Traum Playoffs für Schwenningen aber noch lange nicht unter Dach und Fach ist.

Alle Serienbeiträge finden Sie unter: http://mehr.bz/badeninbewegung