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05. Juni 2010 14:03 Uhr
Die Frage des Systems: 4-4-2 oder 4-2-3-1 ?
Frank Wormuth ist seit 2008 Leiter der DFB-Fußball-Lehrer-Ausbildung. Zur WM in Südafrika ist der 49-jährige als Gast-Autor für die BZ tätig. Zum Auftakt vergleicht der Ex-Freiburger die möglichen Systeme des deutschen Teams.
Seit Beginn des Jahres 2008 ist Frank Wormuth Leiter der DFB-Fußball-Lehrer-Ausbildung. Der 49-jährige Ex-Profi (Hertha BSC Berlin, SC Freiburg) ist vor und während der WM in Südafrika als Gast-Autor für die Badische Zeitung tätig. In der BZ-Fußball-Schule widmet er sich fachspezifischen Themen aus der Sicht eines Trainers. Zum Auftakt vergleicht er die möglichen Systeme des deutschen Teams.
4-4-2, 4-3-3, 4-2-3-1, 4-5-1, 3-5-2 oder 3-4-3. Der Mathematiker unter uns würde am Anfang -2 und am Ende -4 herausbekommen, aber leider stimmt das Ergebnis nicht. Es handelt sich hier nicht um Rechenaufgaben, auch nicht um einen codierten Hinweis. Es werden für den Fußballfachmann verständlich einfach nur taktische Grundordnungen auf dem Fußballplatz dargestellt. Die erste Zahl zeigt uns die Anzahl der Spieler in der Abwehr, die zweite die Spieler im Mittelfeld und die dritte die Stürmer-Anzahl. Grundsätzlich erst einmal.
Das sagt uns aber nichts über die Spielweise. Diese spiegelt sich im Wort "System" wider. Laut Lexikon ist System definiert als "Menge von Elementen, die in Wechselwirkung miteinander stehen." Korrekt. Auch im Fußballjargon geht es hier um Wechselwirkungen. Je nach Spielphilosophie des Trainers, also wie er eine Mannschaft spielen lassen will, gibt er offensive und defensive Grundordnungen aus, in der die Spieler die in ihren Positionen bestimmte Aufgaben haben. Haben die Akteure diese Verhaltensweisen kapiert und der Gegner lässt diese auch noch zu, dann sehen wir die berühmte Handschrift des Trainers.
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Die Grundordnung kann man am besten vor dem Anspiel sehen. Dort stehen die Spieler noch so wie es der Trainer an der Taktiktafel dargestellt hat – meist in der defensiven Grundordnung. Danach sieht man es fast nur noch mit geübtem Auge.
Joachim Löw, der deutsche Bundestrainer, überlegt sich zurzeit, ob er im 4-4-2-Linie oder im 4-2-3-1 bei der WM spielen soll? Es ist allein schon ein Unterschied, ob eine Mannschaft in der Raute (4-4-2-Raute) oder in der "Flachen Vier" (4-4-2-Linie) spielt. Vielleicht nicht unbedingt am Anfang eines Spieles, aber spätestens, wenn die Kondition der Spieler am Ende der Spielzeit zum Erfolgsfaktor wird. Dann ist es manchmal schon entscheidend, wie die Grundaufstellung der Spieler auf dem Platz war und daraus folgend deren Laufwege. Wie oft hat man als Zuschauer schon das Gefühl gehabt, dass der Gegner mit einem Mann mehr auf dem Platz spielt, obwohl Gleichzahl vorhanden ist. Oder wir alle kennen doch die Aussage eines Trainers nach dem Spiel: "Wir sind einfach nicht in die Zweikämpfe gekommen." Dies kann viele Gründe haben, aber auch bedingt sein durch Grundordnungen oder Systeme.
Nun mal konkret: Nach welchen Grundsätzen wird unser Bundestrainer die WM angehen? Zum einen wird er seine erste Elf nach der fußballerischen Qualität aufstellen. Er wird sich unter anderem überlegen, wo er diese Herren mit ihren Stärken und Schwächen optimal auf dem Platz positionieren kann. Jetzt sind wir schon in der Frage nach den Grundordnungen in der Defensive und der Offensive. Hier wird ein ganz wichtiger Aspekt sein, wie er den Spielern kurze und effektive Laufwege geben kann, da am Ende, wie gesagt, oft die Kraft über Sieg und Niederlage entscheidet. Insbesondere in einem Turnier, in dem – hoffentlich – viele Spiele gespielt werden müssen. Und ganz wichtig: Wo schafft es die Mannschaft Überzahl zu erreichen, sowohl in der Offensive als auch in der Defensive? Hier liegt wieder so ein Schlüssel für den möglichen Erfolg.
Allein die Konstellation der Spieler gepaart mit den kürzeren Laufwegen könnte zu einem Vorteil führen. Und dann wäre da noch die Frage nach der optimalen Staffelung, vor allem im Spiel nach vorne, denn das "Steil-Klatsch-Spiel" (siehe Erklärung später) ist oft die einzige Möglichkeit, um gegen einen zweikampfstarken Gegner erfolgreich vor sein Tor zu kommen.
Gehen wir noch tiefer in die taktischen Gedankengänge eines Cheftrainers hinein: Wenn er sich entscheiden muss zwischen einem 4-4-2-Linie und einem 4-2-3-1, dann gibt es grundsätzliche Unterschiede, die man im Vorfeld beachten sollte, aber immer unter der Prämisse, dass die gleichen Elf auflaufen werden. Die 4-4-2-Linie hat in der Defensive den Vorteil, dass alle Räume gleichmäßig besetzt sind (siehe Grafik). Dem Gegner werden keine freien Räume im Rücken der Spieler angeboten, was im 4-2-3-1 nicht unbedingt geleistet wird. Hier kann hinter der 7er- und 11er-Position Raum entstehen. In der Offensive wiederum hat man im 4-3-2-1 vier Spieler (7, 9, 10, 11), die sehr variabel agieren könnten, während im 4-4-2 die Spieler fast nur fix in Ihren Räumen bleiben werden.
Wenn sich ein 7er nicht durchsetzen kann, dann ist sein Offensivspiel damit abgehakt. Weiter: Im 4-2-3-1 gibt es mit der 10er-Position eine sogenannte "hängende Spitze", die für den Gegner nicht so richtig zu fassen ist. Dadurch schafft dieser Spieler viel Unruhe in den offensiven Aktionen und auch in der Defensive kann er Spielverlagerungen des Gegners über deren zentralen Mittelfeldspieler blockieren, während im 4-4-2 die Wege in die Spitze für die 6er-Ballacks dieser Welt sehr weit sind. Zudem fehlt dem 4-4-2 diese Position, die eben jene Spielverlagerungen verhindern kann, es sei denn, einer der beiden Stürmer kippt auf diese Position ab. Aber welcher Stürmer macht diese erhöhte Laufbereitschaft über 90 Minuten mit?
Ein offensiver Vorteil im 4-2-3-1 ist die Tiefenstaffelung für das "Steil-Klatsch-Spiel", was das 4-4-2 nicht in dieser Form bieten kann. In diesem Spiel wird der Ball über eine Linie gespielt, die dann den Ball zur überspielten Linie klatschen lässt. Man geht also dem Zweikampf vorerst aus dem Weg und der Ballführende hat immer Blick zum gegnerischen Tor. Dieses Überspielen der Linien (4-4-2 hat drei, 4-2-3-1 hat vier Linien) führt dann irgendwann zum Erreichen des torgefährlichen Raumes. Und, und, und.
Zum Abschluss noch etwas: Spielen im 4-2-3-1 die 7 und die 11 defensiv mit, dann hat man fünf Mann im Mittelfeld und aufgrund der Raumaufteilung sind alle sehr stark ballorientiert, das heißt, sie räumen die ballentfernte Seite komplett ab. Im 4-4-2 ist dies so extrem nicht möglich.
Wow, willkommen im Fußball und Respekt, wer bis hierher gelesen hat. Fußball ist also doch nicht so einfach wie man oft glaubt und in der Tat: Trainer sein bedarf einer Ausbildung. Übrigens: Das System garantiert nicht den Sieg, aber es ist ein Mosaiksteinchen. Der SC Freiburg hat zumindest proklamiert, dass die Systemumstellung auf 4-1-4-1 in der Rückrunde ein wichtiger Akt war, um vergangene Saison den Klassenerhalt in der Bundesliga zu schaffen. Viel Spaß bei der WM-Beobachtung wünscht . . . Frank Wormuth
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Autor: bz


