Ein stürmischer Härtetest

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Sa, 01. September 2018

Frauenfussball

Das WM-Qualifikationsspiel gegen Island wird für den Frauenfußball zum wichtigen Wegweiser.

REYKJAVIK. Auf einer Insel wie Island kann sich einer wie Horst Hrubesch doch nur wohlfühlen. Reiche Fischgründe, raues Klima, herzliche Menschen. Leider sind die Lizenzgebühren für die besten Angelreviere ins Astronomische gestiegen, dafür gibt es kühle Schauerböen – oder die Gischt der meisten Geysire – noch umsonst. Gäste spüren schnell den Zusammenhalt einer Gesellschaft, die gelernt hat, dass man nur miteinander in dem Land aus Feuer und Eis bestehen konnte. Das alles passt zum Interimstrainer der deutschen Frauen-Nationalmannschaft wie die Faust aufs Auge.

Wer seinen Schädel bei Wind und Wetter nicht nur in Bananenflanken von Manfred Kaltz gehalten hat, sondern sich auch mit Dorschangeln auskennt (und darüber ein Buch verfasst hat), der kann gar nicht anders, als vor dem WM-Qualifikationsspiel Island gegen Deutschland (Samstag 16.55 Uhr/ ZDF) den wetterfesten Einpeitscher zu spielen. "Es geht darum, dieses Spiel zu gewinnen, und das werden wir tun!"

Ungeachtet von äußeren Bedingungen, die mit dem deutschen Supersommer ungefähr so viel gemein haben wie Hrubeschs’ Erscheinungsbild mit dem Outfit von Jogi Löw. Der 67-Jährige lebt seinen Spielerinnen unerschütterlichen Optimismus vor. "Wir haben schließlich alle ein Ziel. Wir wollen zur Weltmeisterschaft." Dafür geht der Mann für "seine Mädels", wie er sie gerne nennt, nicht nur kumpelhaft, sondern auch gewissenhaft voran. Im Gegensatz zum taktischen und personellen Schlingerkurs unter Steffi Jones, der mit Verspätung die 2:3-Heimpleite gegen Island zum Verhängnis wurde, sind die Vorgaben eindeutig.

"Horst Hrubesch hat die Mannschaft längst aus der Negativspirale rausgeholt", hat seine neue Co-Trainerin Britta Carlson bemerkt, die bis zur vergangenen Saison noch beim VfL Wolfsburg arbeitete und die Leistungsträgerinnen wie Almuth Schult, Lena Goeßling oder Alexandra Popp bestens kennt. Doch wie sagt die ehemalige Nationalspielerin Carlson, die bald an der Seite der künftigen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg die Zukunft gestalten wird: "Wir hatten ohnehin nie vor, die Verantwortung nur einer Person oder zwei Schultern aufzuladen."

Das Spiel in Reykjavik wird zum wichtigsten Wegweiser für den deutschen Frauenfußball in der jüngeren Vergangenheit. Mit einem Sieg würden die DFB-Frauen die Tabellenführung übernehmen, könnten frohen Mutes am Sonntagabend weiter auf die Färöer Insel fliegen, um am Dienstag den Haken an die Direktqualifikation für die WM 2019 in Frankreich zu machen.

Denselben Plan verfolgen dummerweise auch Sara Björk Gunnarsdottir (VfL Wolfsburg) und ihre Mitstreiterinnen. Heute strömen erstmals 15 000 Landsleute ins Nationalstadion Laugardalsvöllur. Sie werden in geübter Manier die Hände über den Kopf führen, dann immer schneller klatschen und ihr berühmtes "Hu! Hu! Hu!" rufen. Noch nie war die zugige Spielstätte für ein Spiel der Frauen ausverkauft, obwohl sie in Fußball-Europa schon viel früher konkurrenzfähig waren als die Männer. Nun schwappt die mit der EM 2016 explodierte Fußball-Begeisterung über beide Geschlechter.

Eine Niederlage hätte historischen Charakter

Sollte der zweifache Frauen-Weltmeister Deutschland auf einer Insel, deren Landfläche zu fast der Hälfte aus Flüssen, Seen und Lavafeldern besteht, Schiffbruch erleiden, hätte das historischen Charakter. Denn die Playoff-Spiele für die vier besten Gruppenzweiten sind tückisch, weil gerade einer noch die Frankreich-Fahrkarte löst. Das Verpassen der WM wäre für den Olympiasieger gleichbedeutend mit der Nicht-Zulassung für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Und es wäre der bittere Beweis, dass auch der weibliche Bereich auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene seine Vormachtstellung verspielt hat.