Auf Augenhöhe

So wurden die SC-Frauen zu einem der Top-Teams der Liga

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Do, 23. August 2018 um 13:18 Uhr

SC Freiburg

Frauenfußball war noch verboten, als in der Freiburger Wiehre die Erfolgsgeschichte des Frauenteams des SC Freiburg begann. Die Liebe zum Sport ist heute noch da.

Legal? Illegal? Das war den Fußballerinnen der Spielvereinigung Wiehre 04 Freiburg ziemlich gleichgültig, als sie sich Anfang Oktober 1970 auf einem Sportplatz trafen, um gegen eine Auswahl aus Bollschweil Fußball zu spielen. Öffentlich. Ein Frauenteam gegen ein anderes Team. Gegen den erklärten Willen des mächtigen Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Es war ein Aufstand der Kleinen gegen die Großen. So fing es an mit dem Frauenfußball in Freiburg.

Die Bundesrepublik Deutschland erlebte damals eine wilde Zeit. Studenten revoltierten, die sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt leitete eine Ära der Erneuerung ein, Frauen kämpften auf allen Feldern für Gleichberechtigung – auch im Sport. In dem Augenblick, als die beiden Teams sich trafen, war Frauenfußball in Deutschland offiziell noch verboten. Der DFB, genauer gesagt seine damals ausnahmslos männlichen Funktionäre, phantasierten über "gesundheitliche Gefahren", die Frauen angeblich drohten, wenn sie mit den Füßen Ball spielen wollten.

Das Verbot war nicht mehr zu halten

Drei Wochen später fiel es, und von diesem Augenblick an durften Frauen auch unter dem Dach des DFB ganz legal gegeneinander antreten. Die "Wiehre-Kickerinnen" machten vor fast fünf Jahrzehnten den Anfang, und schon bald bot auch der damals aufstrebende Verein SC Freiburg den Fußballerinnen eine organisatorische Heimat. Gut zwei Jahrzehnte später, in den 1990er-Jahren, stiegen erst die Männer und dann im Jahr 1998 auch die Frauen zum ersten Mal in die Bundesliga auf.

Doch während Volker Finkes Männer an der Dreisam im Freiburger Osten ihre feste Spielstätte behielten und kontinuierlich ausbauen konnten, mussten die Frauen sich auf eine Odyssee begeben. "Unseren ersten Aufstieg feierten wir noch auf dem Rasenplatz der Freiburger Turnerschaft", erinnert sich Birgit Bauer, damals wie heute die Managerin der SC-Frauen. Von 2002 bis 2006 kickten sie nördlich von Freiburg in der kleinen Gemeinde Sexau – woran nicht nur Bauer sich gern erinnert. "In Sexau war es richtig schön", sagt sie. "Ich bin heute noch dankbar. Es war einfach ein gutes Miteinander." Das ganze Dorf stand wie ein Mann oder eben auch wie eine Frau hinter den SC-Spielerinnen, wenn diese ihre Heimspiele im Stadion Bergmattenhof austrugen.

"Seit es Frauenfußball in Freiburg gibt, gibt es mich." Birgit Bauer, SC-Managerin


Von 2006 bis 2008 war das Freiburger Frauenteam dann bei der Eintracht Freiburg zu Gast. Erst danach sollte es endgültig eine Heimat finden, genauer gesagt zwei. Die Heimspiele trägt das Erstligateam seither im Möslestadion aus, trainiert wird im Schönbergstadion bei Blau-Weiß Wiehre. Immer dabei: Birgit Bauer. "Seit es Frauenfußball in Freiburg gibt, gibt es mich", sagt die SC-Managerin und lächelt dabei. Drei Aufstiege und zwei Abstiege erlebte sie in zwei Jahrzehnten mit, Urkunden und Pokale füllen die Regale in ihrem Büro im Schönbergstadion. Teams aus längst vergangenen Spielzeiten signierten ihre Trikots, und die hängen nun eingerahmt und unter Glas an den Wänden. Doch die Erinnerungskultur in der nun schon fast fünf Jahrzehnte währenden Geschichte des Frauenfußballs in Freiburg ist noch lange nicht so ausgeprägt wie bei den Männern. Eine Chronik wäre hier erst noch zu schreiben.

Fest steht: Das Projekt Frauenfußball entwickelte sich kontinuierlich, und es steht heute sehr gut da. In diesem Sommer schloss der SC Freiburg seine Saison erstmals auf Platz drei ab, holte so viele Punkte wie noch nie, ist attraktiv geworden für Nationalspielerinnen. Das Ganze hat aber natürlich auch seine Kehrseite. In dem Maße, in dem die Freiburgerinnen sich nach oben orientierten und einen festen Platz erkämpften unter den besten vier Klubs der Liga, wurden sie auch selbst zu einem interessanten Objekt für Talentsucher und die Manager anderer Vereine. Der Erfolg schuf Begehrlichkeiten – bei Top-Klubs in Deutschland und in Europa, aber auch bei einigen Spielerinnen des SCF. Acht von ihnen verließen nun den Verein, darunter tragende Stützen wie Lina Magull, Laura Benkarth und Carolin Simon. Das war ein harter Schlag für Jens Scheuer – jenen Scheuer, der vor drei Jahren die SC-Frauen übernommen hatte und sie seither von Sieg zu Sieg coachen konnte. "Mit Jens gab es einen ganz großen Schritt nach vorn", sagt Managerin Bauer.

Noch immer große Unterschiede zu den SC-Männern

"Mit Jens", wie Bauer es formuliert, wuchsen die Ansprüche, aber es wuchsen auch die Möglichkeiten, die finanziellen Spielräume, und es vergrößerte sich vor allem auch der Betreuerstab. Drei Hauptamtliche kann die Frauen- und Mädchenabteilung beim SC Freiburg inzwischen beschäftigen, neben Scheuer und Bauer selbst seit dem 1. Juli auch Assistenztrainer Hubert Mahler. Schon vor einem Jahr, beim Trainingslager von Elbigenalp in den Tiroler Bergen, bemühten sich mehr als ein Dutzend Co-Trainer, Physiotherapeuten, eine Teamärztin und andere Helferinnen und Helfer um das Wohl des Teams – die meisten davon freilich nach wie vor in Teilzeit.

Vergleicht man die SC-Frauen mit den SC-Männern, sind die Unterschiede immer noch groß. Vergleicht man sie aber mit Frauenteams anderer Sportarten, sind sie geradezu privilegiert. Volleyballerinnen, Handballerinnen und Basketballerinnen haben nicht die Macht des größten Sportfachverbands der Welt im Rücken, keinen potenten Liga-Sponsor und auch keine finanzstarken Männer-Klubs. Doch auch wenn die SC-Frauen sehr profitieren von ihrem Stammverein: Am allermeisten verdanken sie ihren Erfolg sich selbst, ihrer Beharrlichkeit und ihrem Engagement, getragen von ihrer Liebe zum Sport.

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