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16. Juni 2012
Die manipulierte Wirklichkeit
Das ZDF ärgert sich, dass die Uefa die Zuschauer täuscht.
KIEW. Es hat nett ausgesehen, wie Bundestrainer Joachim Löw angeblich während des Niederlande-Spiels einem Balljungen das Spielgerät aus der Armbeuge boxte. Doch die 18-Sekunden-Sequenz wird nun zu einem kleinen Skandal. Weil die 27,22 Millionen deutschen TV-Zuschauer in der 22. Minute einer Massentäuschung erlagen. Das ZDF fühlte sich gleich mit manipuliert. Beruhte die Einblendung doch auf falschen Tatsachen, wie auch die Uefa kleinlaut bestätigte.
Tatsächlich hatte sich die Anekdote eine Viertelstunde vor Anpfiff ereignet und war in die Live-Übertragung montiert worden – darauf verwies Löw bereits im Interview mit ZDF-Reporter Michael Steinbrecher. Der aber korrigierte Löw: "Nee, da stand’s 0:0." Dass nicht einmal das ZDF über die wahren Abläufe im Bilde ist, führt zu Verstimmung. "Wir sind darüber nicht informiert worden, welche Szene eingeblendet wurde", klagt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz, "wir konnten auch nicht erkennen, ob das live war oder nicht." Generell habe man "keinen Einfluss auf das vom Host Broadcaster angebotene Bild" – so nennt sich der übergeordnete Bilderproduzent unter dem Uefa-Dach. ARD und ZDF bezahlen für die Übertragungsrechte dem Vernehmen nach rund 110 Millionen Euro – und bekommen dafür das Weltbild, über das die Uefa bestimmt. Bis zu 35 Kameras sind in den Stadien installiert, ihre Aufnahmen werden im International Broadcast Centre (IBC) in Warschau montiert. Die Devise: ein störungsfreies Erscheinungsbild. Ohne Flitzer, die aufs Feld sprinten. Ohne Fans, die mit Pyrotechnik hantieren. Und ohne Politiker, die Protestplakate halten.
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Zwar stellen ARD und ZDF speziell bei deutschen Spielen bis zu zehn Zusatzkameras auf. Diese seien in erster Linie für Interviews und Moderationen vorgesehen, so Gruschwitz. "Wir könnten allerdings, wenn unsere Kameras etwas journalistisch Verwertbares einfangen, das später senden. Es gibt da keine Zensur." Trotzdem besteht nun Redebedarf mit der Uefa-Obrigkeit. Dort verweist man auf die Knebelverträge, die mit Nationalverbänden und Fernsehanstalten geschlossen wurden. Das produzierte Filmmaterial solle der Promotion des Wettbewerbs dienen. So steht es im Reglement. Der als ARD-Programmchef im IBC tätige Klaus Heinen bestätigt, dass es die Philosophie der Uefa sei, "ein neutrales Bild, das sich nur um den Sport kümmert, zu zeigen".
Gleichwohl ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass sich ARD und ZDF längst an der Regulierungswut stören. Genau wie der Weltverband Fifa geht mittlerweile auch die Uefa vor. Devise: Wir machen uns die Fußball-Welt, wie sie uns gefällt. Und wer damit so viel zu tun hat, sendet nette Begebenheiten eben zur falschen Zeit.
Autor: Frank Hellmann



