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09. Juli 2016

Halbfinal-Aus

Gute deutsche Mannschaft scheitert nach Flaute im Angriff

Gut gespielt, das Spiel gegen Frankreich dominiert und am Ende steht trotzdem das Aus. Die Flaute im Angriff, die schlechte Chancenverwertung waren das große Manko.

  1. Allein mit sich und seinen Gedanken: Bundestrainer Joachim Löw Foto: dpa

  2. Es hat nicht gereicht: Bastian Schweinsteiger Foto: dpa

MARSEILLE. Mario Gomez lächelt. Es ist ein verzweifeltes, ein hilfloses, ein trauriges Lächeln. Der Schmerz sitzt tief. Und trotzdem will Gomez der Welt etwas mitteilen. "Im Fußball sollte man ja immer vorsichtig sein, aber ich muss sagen: Es ist fast Liebe." Der Moment scheint unpassend für solch ein Bekenntnis. Und doch passt er irgendwie. Zu diesem Turnier, zu diesem Spiel gegen die Franzosen, zu diesem Aus im Halbfinale.

"Komisch" ist das Wort, das zu später Stunde in den Katakomben des Stade Velodrom häufig Verwendung findet. Das Geschehene ist schwer zu begreifen für die deutschen Spieler. Die Gewissheit, die bessere Mannschaft gewesen zu sein und trotzdem 0:2 unterlegen zu sein, haben sie alle gemein. Ihr Umgang mit der Enttäuschung unterscheidet sie.

"Die ganze Arbeit war vergebens", klagt Thomas Müller. Es seien Titel, die in Erinnerung bleiben. Einer, der Weltmeister ist, kann vielleicht nicht anders empfinden. Mario Gomez schon. "Wir hatten eine wahnsinnig tolle Zeit, ein wahnsinnig tolles Turnier. Nicht immer fußballerisch, aber wir haben einen wahnsinnigen Zusammenhalt in dieser Mannschaft, einen wahnsinnigen Spirit", betont der 30-jährige Angreifer.

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Ironie des Schicksals, dass gerade er, der früher oft verschmäht wurde und von dem man nicht allzu viel erwartete im Vorfeld dieses Turniers, den Ausgang hätte maßgeblich beeinflussen können. Gomez hatte dem deutschen Spiel nach einem schwierigem Turnierstart das gegeben, was es brauchte: körperliche Präsenz und Torgefahr ganz vorn, dort wo die Entscheidungen fallen, im gegnerischen Strafraum. Bis er sich verletzte.

Gegen defensive Franzosen legte die deutsche Mannschaft einen "machtvollen Auftritt" hin, wie Bundestrainer Joachim Löw es ausdrückte. Sie dominierte wie meist bei dieser EM, war der Konkurrenz taktisch und als Kollektiv überlegen. Aber sie hatte keinen, der es zu Ende brachte. Keinen wie Antoine Griezmann, den kleinen Franzosen, der doppelt traf. Sie hatte keinen Mario Gomez. Es ehrt ihn, dass er sagt, es sei egal, wer gespielt hätte und wer nicht. Aber auch ihn hatte draußen auf der Ersatzbank irgendwann das Gefühl beschlichen: "Wir hätten noch eine Stunde weiterspielen können und trotzdem kein Tor erzielt."

Das Wort komisch hat in

Marseille Hochkonjunktur

Eigentlich war Gomez nicht derjenige gewesen, der im deutschen Team am Ende der Produktionskette für die Veredlung hätte verantwortlich zeichnen sollen. Müller-Tore galten bis zu dieser EM als Selbstverständlichkeit. Als etwas, das einfach passiert, auch dann oder gerade, wenn es mal nicht so läuft. Meist ist es während der vergangenen Wochen in Frankreich für das deutsche Team ganz gut gelaufen – getroffen hat Thomas Müller trotzdem kein einziges Mal. "Es hat irgendwie zu den anderen Spielen gepasst", räumt er ein: "Ich habe wieder viel versucht, aber es hat nicht sollen sein."

Müllers persönliche Formkrise ist ein Ansatzpunkt, der das Ausscheiden erklärbar macht. Die Ausfälle der Stammkräfte Mats Hummels, Sami Khedira und Gomez hatten die Aufgabe zusätzlich erschwert. Als sich während des Spiels auch noch Jérôme Boateng eine schwere Adduktorenverletzung zuzog, war der Schaden nicht mehr zu reparieren. Und doch blieb der begründete Verdacht, besser gewesen zu sein als die Franzosen. Mit konsequentem Ballbesitzfußball hatten die Deutschen die Gastgeber in eine merkwürdige Mutlosigkeit getrieben. "Sie sind eine gute Mannschaft, aber wir sind besser", urteilt Joachim Löw. Sein Trotz hilft ihm, die Enttäuschung zu verarbeiten.

Auf die Frage, ob er denn nun weitermache als Bundestrainer, will Löw nicht konkret antworten. Er entzieht sich, verweist auf den schwierigen Prozess, das Erlebte zu verarbeiten. "Der Stachel sitzt tief." Seine Spieler werten das nicht als ernsthaftes Alarmsignal. Man wisse ja, dass Löw nach solchen Turniere zunächst mal Kraft tanken und ein bisschen Abstand gewinnen wolle, beschwichtigt Teammanager Oliver Bierhoff. "Ich gehe davon aus, dass es weitergeht."

Im Fall Bastian Schweinsteiger muss davon nicht ausgegangen werden. Noch einmal hatte sich der von schweren Verletzungen gepeinigte Kapitän aufgerafft. Noch einmal hatte ihm Löw vertraut, für das Spiel gegen Frankreich sogar eigens eine Position für Schweinsteiger geschaffen. Den Libero vor und in der Abwehr konnte der 31-Jährige mit gutem Stellungs- und Passspiel recht ordentlich geben. Und doch war da permanent das Gefühl, dass Schweinsteigers lädierter Körper den Anforderungen kaum noch gewachsen ist. Dass er kurz vor der Pause Mühe hatte, ins Kopfballduell mit Patrice Evra zu kommen, führte zu einem unglücklichen Handspiel – und zum vorentscheidenden 1:0 der Franzosen per Elfmeter. Da sei der Gedanke gewesen, das irgendwie abwehren zu wollen, sagt Schweinsteiger. Er beteuert auch, alles gegeben zu haben. Gereicht hat es nicht.

Gedanken an einen Rücktritt schiebt Schweinsteiger beiseite, auch wenn es kaum vorstellbar scheint, ihn in zwei Jahren bei der WM in Russland noch einmal auf dem Platz zu sehen. Es würde auch keinen Sinn ergeben, aufstrebenden Talenten wie Joshua Kimmich und Julian Weigl den Weg zu verstellen. Auch Ilkay Gündogans Durchbruch wird immer noch erhofft.

Über seine Zukunft habe er noch nicht nachgedacht, versichert Schweinsteiger. "Ich habe versucht, die ganze Energie, die ich habe, in das Turnier reinzulegen." Der Weg der Mannschaft, da ist sich Schweinsteiger sicher, werde weitergehen. Er persönlich wolle zunächst einmal Abstand gewinnen. Seine Stimme wird leiser und leiser. Am Ende ist Schweinsteiger kaum noch zu verstehen. "Kommt jetzt noch was?", nuschelt er müde vor sich hin. Die Antwort wird er selbst geben müssen.

Autor: René Kübler