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16. Juni 2012

TORHEITEN: Wie im Urlaub

Warum man sich seine Begleitung beim Fußballschauen gut auswählen sollte.

Der Hardcore-Analyst ist kein Fußballfan. Er jubelt nicht laut und er schwenkt schon gar keine Fähnchen. Das sogenannte Private Viewing zelebriert er in Extremform, denn er schaut nicht nur alleine – sondern auch ohne Ton. Kein Kommentator soll beim Analysieren des Spielgeschehens stören. Der Nachteil: Die Stimmung im Stadion kommt nicht wirklich rüber. Aber Fangesänge würden ohnehin nur ablenken. Wer so jemanden im Freundeskreis hat, kann sich glücklich schätzen. Denn der Hardcore-Analyst stört nicht. Was man von anderen nicht gerade behaupten kann.

Da sind zum einen die Turnier-Jubler. Im Zwei-Jahres-Rhythmus entdecken sie wenige Tage bevor der Ball zum ersten Mal rollt ihre Liebe zum Fußball. Sie kaufen schwarz-rot-goldene Fahnen, Blumenketten und Schweißbänder und verabreden sich, um im Pulk zu gucken. Diese Spezies ist beim Public Viewing und in Kneipen gut aufgehoben, denn sie stört es nicht, wenn die Bedienung in einer strittigen Elfmeter-Szene gerade mit fünf Weizen vor dem Bildschirm kreuzt.

Nach Hause einladen sollte man die Turnier-Jubler – zumindest wenn man sich selbst wirklich für den Sport interessiert – nur bei gutem Wetter. Dann stehen sie nämlich die meiste Zeit am Grill und stürmen nur zum Fernsehgerät, wenn etwas passiert ("Ach, da hat ja jetzt endlich einer ein Tor geschossen!"). Regnet es und der Turnier-Jubler sitzt mit auf dem Sofa, kann es allerdings anstrengend werden. Denn dann will er mit all dem Wissen prahlen, das er sich vor dem Turnier noch fleißig angelesen hat ("Es kann am Ende der Vorrunde übrigens Elfmeterschießen geben, wenn...").

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Schlimmer sind allerdings Gäste, die Fußball noch nie interessiert hat – die Wer-spielt-da-eigentlich-Fraktion. Das sind zumeist Frauen, die ohnehin frustriert sind, dass ihr Liebster nur noch Fußball schaut. Die Einladung zu einem befreundeten Pärchen nehmen sie deshalb gerne an – offenbar in der Hoffnung, einen Abend mit ihm verbringen zu können und gleichzeitig noch eine andere Frau auf dem Sofa sitzen zu haben, mit der man sich nebenbei über den Urlaub oder Schuhe unterhalten kann. Fußballinteressierte Frauen sind da in der Zwickmühle. Bei wirklich wichtigen Spielen kann man versuchen, die Kommunikationsversuche der Freundin zu ignorieren. Ansonsten bleibt nur: Spiel abhaken, mit ihr nach nebenan gehen – und sie ab den Viertelfinals nicht mehr einladen.

Aber auch diese Frauen können noch übertroffen werden. Das weiß jeder, der schon einmal einen Fußball-Freak zu Gast hatte. Wie der Hardcore-Analyst erkennt er genau, was auf dem Platz passiert. Durch jahrzehntelanges Studium weiß er, welcher Trainer welche Spieler warum verschiebt. Zweifellos könnte man von ihm noch viel lernen. Will man aber nicht. Denn spätestens nach 15 Minuten geht einem dieser allwissende Klugscheißer dermaßen auf die Nerven, dass man sich fast schon wieder freut auf diese ganz normalen, unaufgeregten Sportschau-Samstage. Bis dahin gilt: Fußballschauen ist wie In-Urlaub-fahren – man sollte sich seine Begleitung gewissenhaft aussuchen.

Autor: Laetitia Obergföll