Lust statt Last

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Do, 06. September 2018

Fussball International

Frankreich will den WM-Titel als Signal begreifen, kommende Aufgaben mit einem neuen Selbstverständnis anzugehen.

MÜNCHEN (hell). Das große Plakat gleich neben dem Trainingszentrum in Clairefontaine-en-Yveline gab ein hübsches Motiv ab. "Bienvenue à nos champions" (Willkommen bei unseren Champions) stand in weißen Versalien auf violettem Grund, und vor diesem Hintergrund haben Kylian Mbappé und Kollegen bei der Ankunft zwangsläufig den Daumen in die Höhe recken müssen. Der eine oder andere betrat die heilige Kaderschmiede südwestlich von Paris in einem schwarzen T-Shirt, auf dessen Rückseite "King" aufgedruckt war. Aber die französische Elite hat sich nun einmal auf dem Thron der Fußball-Welt gesetzt. Manifestiert übrigens durch eine im Rasen des Trainingszentrums eingebrachte Botschaft: "Fiers d’être Bleus". Stolz darauf, bei den Blauen zu sein.

Dass die Équipe Tricolore zum zweiten Mal Weltmeister wurde (zuvor 1998), war nicht nur dem Turnier 2018 angemessen – weil der Ballbesitzfußball damit auch auf dieser Ebene entzaubert wurde –, sondern belohnte auch die jahrelange Aufbauarbeit von Didier Deschamps. "Sie sind völlig verdient Weltmeister geworden", lobte der Bundestrainer Joachim Löw am Mittwoch, "eine stabile Defensive, eine starke Offensive, eine gute Balance." Überdies würden die Fähigkeiten im Umschalten fast einmalig sein. Eigenschaften, die sein Team allesamt nicht hatte.

Kein Wunder, dass der prinzipientreue Kollege den Rückenwind aus dem Triumph im Luschniki-Stadion im Finale gegen Kroatien (4:2) nutzen möchte. "Für mich ist der Titel keine Last oder Bürde. Im Gegenteil: Es ist etwas Wunderbares. Alle Spieler können von dem profitieren, was Frankreich und die Mannschaft diesen Sommer erlebt haben", sagte Deschamps. So ist das Duell zwischen dem entthronten und amtierenden Weltmeister in der neuen Nations League die Begegnung der Gegensätze: Während die einen am liebsten alles in russischen Stadien Erlebte vergessen wollen, können die anderen nicht genug Antrieb aus den Ereignissen zwischen Kasan, St. Petersburg oder Moskau schöpfen. Deschamps sagt aber auch: "Es ist vorbei. Wir werden nicht einschlafen." Sein Tun wird erleichtert von einem inzwischen reich gedeckten Tisch an Talenten, den Löw so nicht vorfindet.

Nur ein Beispiel: Der von Paris St. Germain für 37 Millionen Euro vom FC Schalke 04 losgeeiste Abwehrspieler Thilo Kehrer taucht erstmals in Löws Aufgebot auf. Der 21-Jährige bringt zwar einiges mit, ist aber gewiss noch nicht ausgereift. Im Gegenzug hat der französische Kader keine Verwendung für einen Abwehrspieler wie Dayot Upamecano von RB Leipzig, der seine besonderen Anlagen in seiner ersten Bundesligasaison bereits angedeutet hat. Deschamps kann beim 19-Jährigen den Reifeprozess in aller Gelassenheit verfolgen.

Frankreichs Vorsprung bei der Nachwuchsförderung

Der französische Vorsprung in der Nachwuchsförderung ist verbürgt. Ein Mittelklasseverein wie der FSV Mainz 05 bedient sich auf diesem Markt liebend gerne, weil die Spieler nicht nur besser ausgebildet sind, sondern auch weniger Gehalt verlangen. Von den französischen Weltmeistern spielen aber nur zwei in der Bundesliga. Rechtsverteidiger Benjamin Pavard, noch beim VfB Stuttgart, aber wohl von 2019 an beim FC Bayern, wo auch Corentin Tolisso unter Vertrag steht. Der in München um den Anschluss ringende Mittelfeldspieler ist zwar wie im Verein keine Stammkraft, freut sich aber auf eine für ihn besondere Begegnung. "Deutschland hat eine schlechte WM gespielt, aber natürlich hat das Team eine große Qualität und es brennt auf Wiedergutmachung", erklärte der 24-Jährige im Kicker.

Deschamps wird die meisten vertrauten Gesichter aufstellen, zu Experimenten hat der General gar keinen Anlass. Eine Schwächung ist allerdings, dass Kapitän Hugo Lloris fehlt. Allerdings nicht wegen seiner Alkoholfahrt auf Londons Straßen, sondern der 31 Jahre alte Keeper der Tottenham Hotspur hat eine Oberschenkelverletzung erlitten. Vertreter ist Alphonse Areola, obwohl dieser bei PSG von Legende Gianluigi Buffon verdrängt worden ist. So scheint Deutschland im Vorlauf immerhin auf dieser Position einen Vorteil zu besitzen. Ansonsten sieht Löw den Vorsprung beim Nachbarn. "Sie haben eine extreme hohe Qualität und sind individuell hervorragend besetzt. Favorit sind wir nicht, wenn der Weltmeister bei uns spielt."