Das Märchen in Blau wird wahr

dpa

Von dpa

Mo, 16. Juli 2018

Fußball-WM

FRANKREICH – KROATIEN 4:2 (FINALE): Favorit setzt sich in einem abwechslungsreichen Endspiel durch – und profitiert dabei von zwei Schiedsrichterentscheidungen.

MOSKAU (dpa). Im strömenden Regen herzte Frankreichs klitschnasser Staatschef Emmanuel Macron jeden seiner Fußball-Weltmeister und küsste den WM-Pokal. Mit der Tricolore um den Hals stemmte Kapitän Hugo Lloris die goldene Trophäe in die Höhe. Vom Glück über den zweiten WM-Sieg nach 1998 berauscht rutschten die neuen Helden der Grande Nation über das goldene Konfetti auf dem durchweichten Rasen im Moskauer Luschniki-Stadion.

Bei einer bizarren Siegerehrung war nur Russlands Präsident Wladimir Putin die ganze Zeit per Regenschirm vor dem heftigen Unwetter kurz nach dem WM-Abpfiff geschützt worden. Frankreich hatte im torreichsten Endspiel seit 1966 (damals siegte England gegen Deutschland nach Verlängerung ebenfalls 4:2) am Sonntag einen 4:2 (2:1)-Triumph gegen den Überraschungsfinalisten Kroatien gefeiert und Deutschland auf dem Fußball-Thron abgelöst.

Mit der blau-weiß-roten Fahne in den Händen gingen die französischen Kicker auf die Ehrenrunde. "Ich weiß gar nicht, wo ich bin", sagte der zum Man of the Match gekürte Offensivspieler Antoine Griezmann und kündigte an, den Goldpokal mit ins Bett nehmen zu wollen. "Das Herz ist glücklich. Wir haben es geschafft, den Pokal nach Frankreich zu holen", fügte er an.

Ein Eigentor von Ex-Bundesliga-Star Mario Mandzukic (18. Minute), Griezmann per Handelfmeter (38.), Paul Pogba (59.) und Kylian Mbappé (65.) im ausverkauften Luschniki-Stadion stürzten die Millionen Fans in der Heimat endgültig in den ultimativen Party-Rausch von den Champs-Élysées bis an die Côte d’Azur.

"Es ist zu schön, es ist wunderbar für die Spieler, eine junge Generation. Wir haben viel Qualität an den Tag gelegt, mental und oft genug getroffen", sagte Trainer Didier Deschamps. Seine Spieler warfen ihn jubelnd in die Höhe. "Es war nicht immer einfach, aber weil sie zugehört haben, haben wir schwere Momente hinter uns gelassen", betonte Deschamps. Er setzte sich mit dem Titel ein weiteres Denkmal: 1998 hatte er den Pokal als Kapitän entgegen genommen. Der 49-Jährige ist erst der dritte Fußballer, der als Spieler und Trainer Weltmeister wurde. Vor ihm hatten das der Brasilianer Mario Zagallo und der Deutsche Franz Beckenbauer geschafft.

Lloris’ Patzer beim 2:4 ändert nicht mehr viel

Kroatien konnte seinem Ruf als Comeback-Team nach mehrmaligem Rückstand nicht gerecht werden. Ivan Perisic (28.) erzielte den Ausgleich zum 1:1. Das 2:4 durch Mandzukic (69.) nach einem schweren Patzer von Frankreich-Torwart Hugo Lloris konnte keinen furiosen Schlussspurt mehr auslösen. Der zweite WM-Platz ist dennoch der größte Fußball-Erfolg für Kroatien. Luka Modric wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt – als trauriger Finalverlierer wie Lionel Messi vor vier Jahren.

Zweimal gab es noch kurze Erinnerung an deutschen Titelglanz. Philipp Lahm – WM-Kapitän der 2014-Champions – brachte mit dem russischen Model Natalja Wodjanowa den Goldpokal vor dem Spiel ins Stadion. Vor der Siegerehrung platzierte er ihn auf dem Siegerpodium. Die größte aller Fußball-Bühnen gehörte diesmal anderen.

Ein von Griezmann herausgeholter und umstrittener Freistoß war die erste versprechende Offensivaktion der Blauen. Erst in der Superzeitlupe war eindeutig zu sehen, dass der Franzose abhob, bevor Marcelo Brozovic ihn am Bein traf. Und Mandzukic wurde zum Pechvogel. Griezmanns Freistoß berührte er mit dem Scheitel minimal, die Flugkurve veränderte sich. Etwas ungläubig nahm der ehemalige Bayern-Stürmer das erste Eigentor in einem WM-Finale zur Kenntnis.
In allen K.o.-Spielen waren die Kroaten in Rückstand geraten – und wieder gelang ihnen der Ausgleich. Perisic drehte sich geschickt um N’Golo Kanté und schoss ein, bevor der Stuttgarter Profi Benjamin Pavard zur Rettung herbeieilen konnte.

Die Kontroversen gingen weiter und gipfelten in der ersten Videobeweis-Entscheidung in einem WM-Finale. Das Handspiel von Perisic bewertete Referee Nestor Pitana erst nach langem Studium vor dem Bildschirm als strafstoßwürdig – debattiert wurde darüber intensiv. Griezmann ließ sich die Chance zu seinem vierten WM-Treffer nicht nehmen. Häufiger hat nur Justin Fontaine mit seinen 13 Toren 1958 für die Équipe Tricolore bei einer WM getroffen.

Elfmeter-Killer Subasic macht keine gute Figur

Kroatien musste wieder seine Aufholqualitäten zeigen. Ging das noch, nach drei K.o.-Partien inklusive Verlängerung? Frankfurts Ante Rebic (48.) setzte mit einem wuchtigen Schuss ein erstes Signal. Lloris parierte souverän. Für die Franzosen öffneten sich jetzt Räume – wie gemacht für Mbappé. Der WM-Jungstar entwischte nach 52 Minuten erstmals Domagoj Vida, ließ sich im Strafraum trotz Gezerre nicht fallen, scheiterte aber an Kroatiens Schlussmann Danijel Subasic. Wenige Minuten später machte der Torwart einen Schritt zu viel nach links. So konnte er Pogbas wuchtige Abnahme nicht mehr parieren. Wieder war es Griezmann gewesen, der das Tor entscheidend initiierte, diesmal per filigraner Jonglage als Ablage für den bei dieser WM erstaunlich diszipliniert agierenden Pogba.

Was hatte Kroatien jetzt noch zu bieten? Einen Zwei-Tore-Rückstand hatten sie bei ihrem WM-Erfolgszug noch nicht. Weltmeister wurde mit so einer Konstellation nur Deutschland 1954. Kurz darauf hatten sich alle rechnerischen Gedankenspiele ohnehin erledigt. Mbappé durfte unbedrängt aus etwa 18 Metern abziehen. Der 19-Jährige ist nun der zweitjüngste Torschütze in einem WM-Finale nach Pelé 1958.

Dann leistete sich Lloris einen Aussetzer. Beim Versuch, den Ball um Mandzukic zu spielen, ließ der Kroate einfach den Fuß stehen – nur noch 2:4. Für den großen Endspurt brachte Kroatiens Trainer Zlatko Dalic den Hoffenheimer Andrej Kramaric für Rebic. Bei Vizeeuropameister Frankreich sollte Corentin Tolisso vom FC Bayern München den Vorsprung mitverteidigen. Ivan Rakitic (78.) setzte einen Schuss knapp neben das Tor. Die Wende gelang dem Außenseiter nicht mehr. Die blau-weiß-rote Party konnte beginnen.

Frankreich: Lloris - Pavard, Varane, Umtiti, Lucas Hernández - Matuidi (73. Tolisso), Kanté (55. Nzonzi), Pogba - Griezmann - Mbappé, Giroud (81. Fekir).

Kroatien: Subasic - Vrsaljko, Lovren, Vida, Strinic (81. Pjaca) - Rakitic, Brozovic - Rebic (71. Kramaric), Modric, Perisic - Mandzukic.

Schiedsrichter: Pitana (Argentinien).

Tore: 1:0 Mandzukic (18./Eigentor), 1:1 Perisic (28.), 2:1 Griezmann (38./Handelfmeter nach Videobeweis), 3:1 Pogba (59.), 4:1 Mbappé (65.), 4:2 Mandzukic (69.). Zuschauer: 79 011 (ausverkauft). Gelbe Karten: Kanté, Lucas Hernández / Vrsaljko.