Rubiales’ Radikalrasur

dpa

Von dpa

Do, 14. Juni 2018

Fußball-WM

Der spanische Fußballverband trennt sich nur zwei Tage vor dem WM-Spiel gegen Portugal von Trainer Lopetegui / Nachfolger Hierro.

KRASNODAR/MADRID (dpa). Innerhalb von nur zwei Stunden und kurz vor dem ersten WM-Spiel hat sich Spanien von Julen Lopetegui getrennt und Sportdirektor Fernando Hierro als Interimscoach berufen. Beim Topfavoriten ist vor dem Auftaktspiel am morgigen Freitag in Sotschi alles auf den Kopf gestellt.

Lopetegui musste – offenbar gegen den Willen der Spieler – gehen, weil Verbandschef Luis Rubiales beleidigt ist über die Art und Weise, wie Real Madrid die brisante Personalie mit seinem neuen Trainer publizierte. "Wir haben uns dazu gezwungen gesehen, ihn seines Amtes zu entheben", sagte Rubiales bei einer Pressekonferenz im Team-Quartier in Krasnodar. Real hatte tags zuvor bekanntgegeben, dass der 51-Jährige Lopetegui zur neuen Saison Chefcoach beim Champions-League-Sieger und damit Nachfolger von Zinédine Zidane wird. Die Frage, wer nun die Übungseinheiten beim Weltmeister von 2010 leite, konnte Rubiales zunächst nicht beantworten: "Wir suchen einen Trainer – von jetzt an", sagte er. Zwei Stunden nach dem spektakulären Abgang von Lopetegui verkündete der Verband RFEF via Twitter, dass Ex-Nationalspieler Fernando Hierro einspringt. Die Vereinbarung gilt nur für die WM.
Der einstige Real-Profi hat zwischen 1989 und 2002 für La Roja 89 Länderspiele bestritten. Der 50-Jährige hatte bisher nur den Zweitligisten Real Oviedo trainiert. Lopetegui will sich nach Verbandsangaben erst nach seiner Rückkehr nach Spanien zu seinem Abgang äußern.

"Es ist ein harter Schlag, aber wir stehen zusammen, um nach vorne zu schauen", sagte Rubiales inmitten eines chaotisch wirkenden Krisenmanagements: "Wir stecken in einer komplizierten Situation, die komplizierteste, die man sich vorstellen kann."

Verbandschef fühlt sich überrumpelt

Der neue RFEF-Boss erhob schwere Vorwürfe gegen Real. "Wir hatten überhaupt keine Information über das", sagte Rubiales. "Julen hätte es lieber gehabt, wenn die Dinge anders gehandhabt worden wären." Rubiales habe nach Medienberichten Lopetegui und Real-Boss Florentino Pérez am Dienstag darum gebeten, dass die Verpflichtung erst nach der WM bekanntgegeben wird.

Offenbar hatten Lopetegui und Real die Verhandlungen an den RFEF-Funktionären vorbei geführt und Rubiales mit der Pressemitteilung überrumpelt. "Ich kann mich nicht auf einen Anruf fünf Minuten vorher einlassen", sagte Rubiales und meinte damit den Zeitpunkt, als die Königlichen ihre überraschende Nachricht veröffentlichten.

Erst 50 Minuten nach der Real-Verlautbarung hatte der RFEF mit einer dürren Presseerklärung reagiert, in der er die Ausstiegsklausel in Lopeteguis Vertrag bestätigte. Nach einem Bericht der Zeitung Marca erhält der Verband eine Ablöse in Höhe von zwei Millionen Euro.

Lopeteguis Blitz-Abgang ist selbst im schnelllebigen Profigeschäft ein einmaliger Vorgang und allenfalls vergleichbar mit den Schlagzeilen, die 2006 Togo, allerdings als WM-Neuling, produzierte: Der deutsche Trainer Otto Pfister war vor dem ersten Turnierspiel am 9. Juni nach einem Streit um Prämien zurückgetreten und kehrte am 12. Juni überraschend zurück ins Amt.

Nach Informationen von Marca hätten sich die Spieler mit Kapitän Sergio Ramos und seinem Stellvertreter André Iniesta an der Spitze für den Verbleib Lopeteguis ausgesprochen. Die Spieler hätten die Entscheidung der Trennung akzeptiert, sagte hingegen Rubiales. Der 40 Jahre alte Ex-Profi war erst Mitte Mai zum Verbandschef gewählt worden und wirkte in seiner ersten Bewährungsprobe von den Ereignissen überrollt.

Mit Erstaunen hat Bundestrainer Joachim Löw reagiert. "Das kam für mich völlig unerwartet. Dass so eine Entscheidung zwei Tage vor dem ersten Spiel der Mannschaft getroffen wird, ist ein Hammer", so Löw.