Die eigentliche Entdeckung der Neuausrichtung

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Sa, 08. September 2018

Nationalelf

Kimmich war die wichtigste Personalie gegen Frankreich.

MÜNCHEN. Den Wettstreit um den am schnellsten entblößten Oberkörper eines deutschen Nationalspielers hatte an diesem Abend dann doch Mats Hummels gewonnen. Kaum war der Schlusspfiff ertönt, lief der Abwehrchef aus München in Richtung Unterrang Block 106. Um über die Absperrung zu hüpfen und inmitten jubelnder Anhänger sein Trikot zu verschenken. So schnell konnte Joshua Kimmich kaum sein. Also beließ es der Mitspieler vom FC Bayern damit, sein Jersey über den Zaun zu schleudern.

Sollte Kimmich wirklich nachhaltig jene Position bekleiden, die der 23-Jährige zur Nations-League-Premiere gegen Frankreich (0:0) besetzte, dann wird das Erinnerungsstück mit der Nummer 18 aber weitaus wertvoller sein. Dass der Schwabe in der Jugend vor allem im Mittelfeld unterwegs war, wusste der Badener Joachim Löw natürlich. Doch dass sich der Bundestrainer traute, Kimmich gegen den Weltmeister derlei Verantwortung zu übertragen, war mutig – und die Königspersonalie für den Neustart. "Die Mannschaft weiß, dass ich ihr rechts hinten weiterhelfen kann. Jetzt versuche ich es auf der Sechs", sagte Kimmich hinterher ziemlich unaufgeregt. "Von mir aus gerne öfter."

Allein bei seinem Debüt im Mai 2016 gegen die Slowakei hatte Kimmich diese Rolle bekleidet. Nun aber trug sich Löw schon länger mit dem Gedanken, diesen spielintelligenten Musterprofi die Absicherung vor der Abwehr zu übertragen. Am Vortag hatte Toni Kroos noch geunkt, einen klassischen Sechser wie den bei Real Madrid angestellten Backup Casemiro könne sich der deutsche Fußball ja nicht backen. Prompt stülpte der Bundestrainer einfach seinem angestammten Rechtsverteidiger diese Backform über. Alles in allem: "eine gute Lösung", so Löw.

Mit dem Gespür für Raum und Zeit, mit dem Gefühl für Mit- und Gegenspieler tat Kimmich i instinktiv das Richtige. Ob der 1,76-Meter-Mann zur deutschen Dauerlösung wird, muss auch deshalb gut überlegt werden, weil sich die Versetzung im Verein erst abzeichnet, wenn 2019 der französische Rechtsverteidiger Benjamin Pavard (VfB Stuttgart) an die Isar wechselt.