Nationalmannschaft

Gündogan macht einen Schritt in Richtung Normalität

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Mo, 10. September 2018 um 20:43 Uhr

Nationalelf

Auf und neben dem Platz macht Ilkay Gündogan bei den Länderspielen gegen Frankreich und Peru einen großen Schritt nach vorne.

Es mag Zufall sein, dass die Blattmacher von DFB-Aktuell, dem offiziellen Stadionmagazin des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zuletzt keinen Spieler mit Migrationshintergrund auf den Titel gehievt haben. Vor dem Klassiker gegen Frankreich lächelten Joachim Löw, Manuel Neuer und Julian Brandt den Betrachter an, zum Test gegen Peru grinsten Marco Reus, Julian Draxler und Niklas Süle vom Deckblatt auf Hochglanzpapier. Dahinter wird kaum Absicht stecken, aber dass die Debatten aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit der Erdogan-Affäre von Mesut Özil und Ilkay Gündogan und sogar Diskussionen um Grüppchenbildung zwischen "Kanaken" und "Kartoffeln" in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft zur Unzeit kamen, steht außer Frage.

Insofern hat das Freundschaftsspiel am Sonntag in der ausverkauften Sinsheimer Arena einen herbeigesehnten Beitrag des gelungenen Miteinanders geliefert: Als nämlich Ilkay Gündogan zur Auswechslung ausgerufen wurde, klatschen die meisten der 25 494 Besucher Beifall. Und als die Nummer 21 dann langsam den Platz verließ, mischten sich – anders als in München – keine vereinzelten Unmutsäußerungen darunter. Der Kicker mit türkischen Wurzeln scheint auf allen Ebenen rehabilitiert.

"Ich bin Fußballer und stehe in der Öffentlichkeit und

muss damit umgehen."

Ilkay Gündogan
"In der Mannschaft wurde es mir nie schwer gemacht – sowohl bei der WM als auch in der Folgezeit. Es gab jetzt gar keine Pfiffe mehr, das gibt mir ein gutes Empfinden und hilft letztlich aus der Mannschaft", erklärte der 27-Jährige. Er wirkte ziemlich erleichtert. "Ich glaube, dass am Ende des Tages die Leistung auf dem Platz zählt. Die Zuschauer merken, man gibt alles für die Mannschaft und die Nation, und dann springt auch der Funke wieder über", ergänzte der 29-fache Nationalspieler.

Aus einem in Teilen des Fußball-Volkes nur noch schwer vermittelbaren Problemfall, der Anfang Juni nach einem gellenden Pfeifkonzert bei jeder Ballberührung nach der WM-Generalprobe gegen Saudi-Arabien tränenüberströmt in der Kabine hockte, ist für die deutsche Elf wieder ein spielstarker und selbstbewusster Faktor geworden; und das nicht, weil er auf einmal die Nationalhymne mitsang. "Es war ein komisches Gefühl mit dem Spiel in Leverkusen kurz vor der WM, ausgepfiffen zu werden, von mehreren hundert oder tausend Fans im eigenen Land. Das hat schon wehgetan", erklärte Gündogan nun. "Aber ich bin Fußballer und stehe in der Öffentlichkeit und muss damit umgehen." Er selbst hat vieles reflektiert in den vergangenen Tagen und Wochen. Dass er sich dabei auch eine andere Frisur zulegte, drückte den Veränderungsprozess nach außen aus.

Bundestrainer Joachim Löw hatte schon im Training annähernd "den Ilkay gesehen", den man aus der Vergangenheit kenne: "Ilkay hat bei uns wieder einen großen Schritt nach vorne gemacht." In der Gesamtbetrachtung hat der neuerdings mit einer Kurzhaarfrisur aufwartende Edeltechniker – auf und neben dem Platz – eine Phase durchgestanden, die vermutlich noch schwieriger als manch lange Verletzungspause war.

Seine Vorstellung machte die Versöhnung mit dem Publikum komplett. Denn: Was der Edeltechniker von Manchester City ohne Ballast auf den Schultern leisten kann, war vor allem in der ersten Halbzeit zu sehen: Der Tiefgang seiner Pässe, seine Rhythmuswechsel taten dem deutschen Spiel sichtlich gut. Er ist auf der Achter-Position derzeit die beste Ergänzung zum gesetzten Toni Kroos, weil er vor allem mehr Spielverständnis einbringt als Leon Goretzka, der auch beim FC Bayern noch nach seiner Rolle sucht. Dass insgesamt nicht alles rund lief gegen Peru (2:1), wusste Gündogan jedoch selbst. "In der Mannschaft haben wir noch eine leichte Verunsicherung – das ist normal und nur menschlich. Grundsätzlich hat es Spaß gemacht, den Ball laufen zu lassen." Wenn er demnächst in Herbst wieder aufs Titelblatt vom Stadionmagazin kommt, wäre das nur verdient. Die Nations-League-Partie in Gündogans Heimatstadt Gelsenkirchen gegen die Niederlande (19. November) böte sich dafür förmlich an.