Und noch ein Fettnäpfchen

Frank Hellmann

Von Frank Hellmann

Mo, 10. September 2018

Nationalelf

Eigentlich hätte das erste Freundschaftsspiel nach der Weltmeisterschaft in Frankfurt ausgetragen werden sollen – doch es fand in Sinsheim statt.

SINSHEIM. Der Slogan prangt in Frankfurt an Bushaltestellen und Plakatwänden, das Motto grüßt in U-Bahn-Schächten am Willy-Brandt-Platz genauso wie an der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in der Otto-Fleck-Schneise: "United by Football. Vereint im Herzen Europas". Ein Wortlaut, mit dem die Integrationskraft der Bewerbung für die EM 2024 hervorgehoben werden soll. Und damit alles nicht zu nationalistisch anmutet, zerfließen im Hintergrund die Deutschland-Farben Schwarz, Rot und Gold ineinander. Am 27. September entscheidet das Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (Uefa) über den Zuschlag. Einziger Mitbewerber ist die Türkei.

Nach dem WM-Desaster und der Endlos-Diskussion um Mesut Özil ist DFB-Präsident Reinhard Grindel zurzeit ja nicht gerade unumstritten. Und nun hat das Nachrichtenmagazin Spiegel enthüllt, dass das Freundschaftsspiel gegen Peru am Sonntagabend gar nicht hätte in Sinsheim stattfinden sollen, sondern eigentlich zunächst in Frankfurt. Dagegen habe Grindel Bedenken angemeldet, die der 56-Jährige seinem Vizepräsidenten Rainer Koch überbrachte: "Ich halte das Risiko, dass wir bei dem Länderspiel ein Desaster erleben und dies kurz vor der EM-Vergabe negative Auswirkungen hat, einfach für zu hoch, weil für mich die Frankfurter Ultraszene viel zu unberechenbar ist." Diese E-Mail soll vor neun Tagen nach den heftigen Protesten bei der Montagspartie Eintracht Frankfurt gegen RB Leipzig verfasst worden sein, berichtete das Nachrichtenmagazin.

Grindel glaubte, dass mögliche Bilder von Bengalo-Zündeleien eine zu große Gefahr seien. Er wolle sich auf "auf klassische Argumente, die Ultras besuchen keine Länderspiele, nicht so gerne verlassen". Er hege Befürchtungen, "dass die ja keineswegs dummen Ultras uns das Projekt EM 2024 gerade kaputtmachen wollen, indem sie dort ein Inferno veranstalten." DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius und Koch waren zwar anderer Meinung, aber Grindel setzte sich durch. Im Nachhinein ist der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete damit ins nächste Fettnäpfchen getreten.

Denn seine sehr pauschale Argumentation forderte am Sonntag Widerspruch vieler Fan-Vertreter heraus. Den Nordwestkurve-Rat erreichten so viele Anfragen, dass die Frankfurter Ultra-Vereinigung entgegen ihren Gepflogenheiten sogar eine Stellungnahme versandte: "Die Aussagen von Herrn Grindel zeigen einmal mehr seine Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit beim Thema Fankultur. Dieser Mann war und ist untragbar!"

Der gebürtige Hamburger Grindel verkennt, für welche Werte speziell die Frankfurter Fanszene steht. Nämlich dieselben, mit der seine Bewerbung 2024 angeschoben wird. Vielfalt, Toleranz und Offenheit. Der Verband stellte über seine Kommunikationsabteilung den Sachverhalt anders dar, um seinen auch hausintern argwöhnisch beäugten Präsidenten zu schützen. Man habe sich für die Rhein-Neckar-Arena entschieden, weil diese mit ihren 25 494 Sitzplätzen leichter zu füllen sei als die fast doppelt so große Spielstätte im Frankfurter Stadtwald. "Der entscheidende Punkt war die Überlegung, dass wir zwei Wochen vor der Vergabe der EM 2024 ein volles Stadion garantieren wollten", beteuerte Koch.

Auch Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff betonte im Sportstudio des Zweiten Deutschen Fernsehens: "Es war ein Gedanke dahin, ein ausverkauftes Stadion zu haben."

Der Spiegel wich von seiner Darstellung nicht ab und machte am Sonntag den gesamten E-Mail-Verkehr zwischen Grindel und Koch öffentlich. Demnach warnte der Amateurvertreter sogar davor, dass eine negative Stimmungslage dann aufkomme, "wenn herauskommt, dass wir Frankfurt abgelehnt haben".