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06. Oktober 2009 20:02 Uhr

WM-Qualifikation

Operation Kunstrasen: Deutsche Elf bereitet sich auf Russlandspiel vor

Noch nie hat es in der deutschen Länderspielgeschichte ein Match auf Kunstrasen gegeben. Bis jetzt. Am Samstag tritt die Nationalelf in der WM-Qualifikation gegen Russland an. Und die Furcht vor dem Plastikrasen ist groß.

  1. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trainiert am Dienstag in Mainz auf einem Kunstrasenplatz. Foto: dpa

  2. Bundestrainer Joachim Loew (v.r.), Miroslav Klose, Fitness-Trainer Oliver Bartlett und Co-Trainer Hans-Dieter Flick auf Kunstrasen. Foto: ddp

MAINZ. Ordnung muss sein. Erst recht auf einem solch exklusiven Untergrund. Und so ist auf dem Verbotsschild hinter dem Mainzer Bruchwegstadion genau aufgeführt, was auf dem neuesten Sportplatz der verwinkelten Anlage nichts zu suchen hat. Eine Zigarette ist ebenso rot durchgestrichen wie ein Kaugummi, eine Flasche, aber auch ein Fußballschuh mit langen Schraubstollen.

Heiße Asche, zähe Kaumasse, fiese Scherben oder scharfkantiges Alu sind die natürlichen Feinde des künstlichen Grüns, das der FSV Mainz 05 im Dezember 2007 für eine gute halbe Million Euro gleich neben der Eishalle anstelle eines alten Hartplatzes errichten ließ. Dieser Kunstrasenplatz der dritten und damit neuesten Generation, gebaut von der Bielefelder Firma Heiler Sportplatzbau mit einem schwimmend verlegten Plastikgras der Marke Fieldturf Tarkett, ein Unternehmen aus Paris, rückt nun in den bundesweiten Fokus.

Training auf falschem Terrain?

Weil nämlich die deutsche Nationalmannschaft darauf trainiert, um sich für das nicht ganz unwichtige WM-Qualifikationsspiel am Samstag in Russland zu präparieren. Auch im Luzhniki-Stadion liegt ein Fieldturf-Produkt mit Namen Prestige xm aus, nur sind die Kunststofffasern in Moskau sogar 63 statt wie in Mainz 40 Millimeter lang; pro Quadratmeter stattliche 19 statt lediglich sieben Kilo Gummigranulat über dem Quarzsand aufgebracht.

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Dennoch seien Rollverhalten des Balles und Kraftabbau durch die Spieler identisch, beteuerte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erst unlängst. Nur nicht den Eindruck aufkommen lasse, man trainiere von Dienstag bis Donnerstag vier-, fünfmal auf dem falschen Terrain.

"Der Wechsel ist eine absolute Umstellung."Der Mainzer Trainer Thomas Tuchel
Die Klarstellung aus der DFB-Zentrale war wiederum bester Beleg dafür, welche Brisanz die Platzfrage birgt, die Teammanager Oliver Bierhoff zum Tabuthema erklärt hat. "Es darf keine Entschuldigung für uns sein, sich dort schwächer zu fühlen als auf normalen Rasen."

In Wahrheit aber ist die Furcht groß, die Russen verschaffen sich ähnlich wie gegen England im entscheidenden EM-Qualifikationsspiel 2008 einen Wettbewerbsvorteil, schließlich hat es bislang in der deutschen Länderspielgeschichte noch nie ein Spiel auf Kunstrasen gegeben.

"Der Kunstrasen darf kein Alibi", Bundestrainer Joachim Löw
seinBundestrainer Joachim Löw hat bereits beteuert: "Wir müssen uns eben in der kurzen Zeit darauf einstellen. Diese Situation bedeutet ja nicht, dass wir das Spiel nicht gewinnen können. Der Kunstrasen darf kein Alibi sein." Doch Andreas Ivanschitz, der Neu-Mainzer, weiß aus seiner Zeit bei Red Bull Salzburg, dass die Gewöhnung ein langwieriger Prozess ist. Die Bälle müssten exakt in den Fuß gepasst werden, "gerade wenn der Platz nass ist, bringen lange Pässe gar nichts – das hat mir der Trainer sogar verboten." Ivanschitz’ Einschätzung: "Auf Kunstrasen ist es ein ganz anderes Spiel."

Welchen Spielertypen braucht’s für den Kunstrasen?

Filigrane Spielertypen wie Mesut Özil, die mit Vorliebe direkt und flach kombinieren, braucht man für den Kick auf dem künstlichen Grün. Eine Meinung, die auch der Mainzer Trainer Thomas Tuchel vertritt, der vor wenigen Wochen die A-Junioren zum deutschen Meister machte – mit regelmäßigem Training eben auf jenen für Löw reservierten Platz.

"Das Spiel auf Kunstrasen ist schneller. Der Ball hat ein extrem anderes Absprung- und Rollverhalten. Der Wechsel ist eine absolute Umstellung." Die wichtigste Erkenntnis einer Forschergruppe der Kölner Sporthochschule zu dem Thema liest sich allerdings anders: Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass "gute und gut gepflegte Kunstrasenplätze das Spiel nicht messbar beeinflussen".

"Wenn ein Feld im Jahr mehr als 800 Stunden bespielt werden muss, ist ein Kunstrasenplatz mittlerweile die beste Lösung", sagt André Kastigen, Experte der Herstellerfirma Heiler, aber er gibt auch zu: "Gegen einen vernünftig gepflegten Naturrasen kommt immer noch kein Kunstrasen dieser Erde ran."

ERKLÄR’S MIR
Ein Kunstrasen sieht von Weitem aus wie ein normales Fußballfeld mit echtem Gras. Wie der Name aber schon sagt, ist es ein künstlicher Rasen, genauer gesagt eine Art Plastikteppich. Auf einer speziellen Unterlage werden grasartige Kunststofffasern angebracht. Darüber werden dann noch Sand und kleine Gummikügelchen gestreut. Das soll dämpfen, also die Gelenke und Bänder der Sportler schonen, wenn sie auf dem Kunstrasen rennen oder ausrutschen.

Wie viele Kunstrasen es in Deutschland gibt, weiß keiner so genau. Etwa 30 000 Naturrasenplätze gibt es nach Angaben des Deutschen Fußball-Bundes hierzulande. Zwischen 3000 und 5000 Kunstrasen gibt es Schätzungen zufolge. Es werden offenbar immer mehr. Warum? Weil Regen und Schnee einem Kunstrasen nicht so viel ausmacht und er weniger Pflege braucht als echtes Gras. Man muss Kunstrasen ja logischerweise auch nicht mähen. Allerdings ist ein guter Kunstrasen erstmal ganz schön teuer. Der Platz in Mainz, auf dem die deutsche Nationalmannschaft in den nächsten Tagen trainiert, hat etwa eine halbe Million Euro gekostet. Zum Vergleich: So viel kostet es in etwa, wenn man sich ein Haus bauen lässt.

Während es in Deutschland noch keine Spiele von Profifußballern auf Kunstrasen gibt, ist dies in anderen europäischen Ländern wie Norwegen und Russland bereits erlaubt – ebenso wie in WM-Qualifikationsspielen, in der Champions und Europa League. Der Weltverband schreibt allerdings eine bestimmte Qualität vor. Diese, so sagt er, weise die gleichen Eigenschaften auf wie normales Gras. Bei älteren Kunstrasen-Modellen wurde nämlich oft kritisiert, dass man sich auf ihnen verletzen könne. Laut einer Studie des Weltverbandes ist das auf den neueren Kunstrasenplätze aber nicht mehr der Fall.

Autor: Frank Hellmann