Rhein-Neckar-Löwen

Kim Ekdahl du Rietz beendet seine Karriere - mit nur 27 Jahren

Michael Wilkening

Von Michael Wilkening

Fr, 09. Juni 2017

Handball 1. Bundesliga

Handballer Kim Ekdahl du Rietz feiert mit den Rhein-Neckar-Löwen den Meistertitel und beendet mit nur 27 Jahren seine Karriere.

HEIDELBERG. Die Wohnung in Heidelberg ist gekündigt, und eine weitere Entscheidung hat Kim Ekdahl du Rietz schon getroffen. "Ich habe mir in Lund einen Schrebergarten gekauft. Da ist eine Hütte mit 15 Quadratmetern drauf, da kann ich meine Sachen hinbringen", erzählt der Handballer der Rhein-Neckar Löwen. Am Samstag absolviert der Schwede sein letztes Profispiel als Handballer, nach dem Match gegen die MT Melsungen und der folgenden Meisterfeier mit der Mannschaft beendet er seine Karriere. Im Alter von 27 Jahren.

Ekdahl du Rietz gehörte viele Jahre zu den besten Spielern im linken Rückraum. Mit der Nationalmannschaft gewann er 2012 Silber bei den Olympischen Spielen. Zuletzt wurde er mit den Löwen zwei Mal deutscher Meister. Doch erfüllt hat ihn der Sport nicht. Und deshalb hört er jetzt damit auf, seinen Vertrag mit dem Klub löste er vorzeitig auf. Er möchte neue Sprachen lernen, die Welt kennen lernen – einfach etwas Anderes machen als das ein Handballprofi tut.

"Von außen betrachtet ist das schwer zu verstehen, das weiß ich", sagt Ekdahl du Rietz. Er weiß, dass viele tausend Jugendliche davon träumen, in einer Situation wie er zu sein. Sie träumen davon, vor 10 000 und mehr Zuschauern den harzigen Ball mit voller Wucht ins Tor zu werfen, sie träumen davon, für ihr besonderes Talent bewundert und geliebt zu werden – und sie träumen davon, viel Geld mit ihrer Leidenschaft verdienen zu können.

"Das alles ist für mich kein Gradmesser für Glück", versucht der Schwede zu erklären, was schwer verständlich bleibt. Der Mann aus Lund in Südschweden träumte nie davon, Profi-Handballer zu werden. Ekdahl du Rietz begann mit dem Sport, weil es seine Freunde auch taten – und er blieb dabei, weil er besser als alle anderen war. Es sind schöne Gefühle, ein entscheidendes Tor zu werfen oder mit seinen Kollegen einen Sieg zu bejubeln. Das war früher in Lund so, und das ist es auch heute noch bei den Rhein-Neckar Löwen. "Das sind tolle Momente, aber sie sind immer nur kurz da", sagt Ekdahl du Rietz.

Der Alltag im Leben eines Handball-Profis ist weniger weit entfernt von der Normalität als das eines Fußballers. Und doch hat es nicht so viel gemein mit der Realität. "Das ist ja nicht das wahre Leben, einmal am Tag ein bisschen mit den Kumpels trainieren und schwitzen", hat das der einstige deutsche Weltklasse-Torhüter Andreas Thiel einmal passend beschrieben. Ekdahl du Rietz will das wahre Leben spüren, der Status eines Profisportlers hat ihn nie ausgefüllt.

Seine Wohnung in Heidelberg sieht aus wie die Bude eines Studenten – es herrscht das geordnete Chaos. Das Bild stimmt, schließlich studiert der Schwede Psychologie und wird im Sommer damit fertig sein. Arbeiten will er in diesem Bereich aber nicht, das Studium war für ihn nur ein Zeitvertreib zwischen den Trainingseinheiten. "Ich wollte mein Leben sinnvoll füllen", sagt Ekdahl du Rietz. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen fährt er kein Auto der Oberklasse, sondern nutzt einen japanischen Kleinwagen. Ekdahl du Rietz war schon immer anders, aber genauso gut.

Er könnte sich nach dem ursprünglichen Vertragsende im Sommer 2018 seinen neuen Klub aussuchen, und vermutlich auch jeden Gehaltswunsch erfüllen lassen. Es gibt im linken Rückraum schließlich nur sehr wenige Spieler, die ähnliche oder gar größere Qualitäten besitzen. Doch darum geht es Ekdahl du Rietz nicht mehr. "Ich möchte in Bewegung bleiben, viel reisen und neue Eindrücke sammeln", sagt er. Der Handball war kein Vehikel dabei, es fühlte sich für ihn wie ein Bremsklotz an.

Den ist er nach Samstag los, und darauf freut er sich. Mit Respekt sieht er seinem Abschied in der Halle entgegen. "Vermutlich werden bei mir ein paar Tränen fließen", blickt Ekdahl du Rietz voraus. 50 Karten hat er für seine Freunde gekauft, 15 davon kommen aus seiner Heimat in Schweden. Sie alle wollen ihn Handball spielen sehen, ein letztes Mal noch.