Ein starker Lenker

Michael Wilkening

Von Michael Wilkening

Fr, 13. Januar 2017

Nationalmannschaft

Dagur Sigurdsson hat den deutschen Handballern neuen Glauben gegeben / Abschied nach der WM.

ROUEN. Der Begriff der lahmen Ente, einer "Lame Duck", entspringt der Tatsache, dass Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika immer noch einige Wochen im Amt verweilen, auch wenn sie schon abgewählt worden sind. Barack Obama ist aktuell eine "Lame Duck". Bei der Handball-WM, die für das deutsche Team am heutigen Freitag (17.45 Uhr/handball.dkb.de) mit dem Spiel gegen Ungarn startet, gibt es eine ähnliche Konstellation, denn das Ende der Amtszeit von Dagur Sigurdsson ist bereits besiegelt.

Nach dem Turnier in Frankreich räumt Sigurdsson seinen Platz aus freien Stücken. Als Europameister startet die DHB-Auswahl als Mitfavorit in das Turnier. Seitdem Sigurdssons Rücktritt fest steht, gibt es Beobachter, die ihm ein ähnliches Schicksal wie dem US-Präsidenten vorhersagen. Sie werden irren: Sigurdsson ist weiterhin ein führungsstarker Lenker und er hat seine Mannschaft unabhängig von ihm selbst gemacht. Diese Leistung ist wertvoller als ein Titelgewinn.

Bob Hanning hätte Anfang November Grund gehabt, hektisch oder nervös zu sein. Tage zuvor war durchgesickert, dass der Trainer der deutschen Handballer mit einem Abschied liebäugelt und natürlich musste diese Nachricht den Vizepräsident für Sport beim DHB beschäftigen. Aber Hanning saß völlig ruhig auf einem Stuhl und lächelte. Er ahnte, dass sich die Wege des erfolgreichen Trainers und des DHB trennen und Sigurdsson in Frankreich letztmals die Nationalmannschaft anleiten würde, aber es beunruhigte ihn nicht. "Die Autorität von Dagur wird kein bisschen darunter leiden", sagte Hanning vor zwei Monaten voraus und weicht von seiner Meinung bis heute nicht ab.

Vor zweieinhalb Jahren trat Sigurdsson seinen Dienst als Bundestrainer an, als die Mannschaft nach der Qualifikation zur Europameisterschaft gerade auch die Weltmeisterschaft auf sportlichem Weg verpasst hatte. Im Kader standen Spieler, die ein Sinnbild für Misserfolg waren, die ohne Struktur und ohne Glaube an sich schon am geringsten Widerstand zerbrachen. "Dagur hat taktisch viel bewegt, aber in erster Linie hat er jedem Spieler eine neuen Glauben gegeben", sagte Hanning. Vor einem Jahr stürmte daraufhin ein Haufen junger und bis dahin nahezu unbekannter Männer ins Finale der Europameisterschaft und zerlegte dort den Favoriten Spanien auf imponierende Art und Weise. Der Titelgewinn war das Werk des Isländers, der seine Spieler mit wenigen aber eindringlichen Worten auf ein Niveau hob, das keiner von ihnen vorher für möglich gehalten hatte. Bei den Olympischen Spielen im vergangenen Sommer standen zum großen Teil die gleichen Spieler auf dem Feld, aber eine andere Mannschaft. Sie arbeitete auf Zuruf ihres Trainers, hatte sich aber von ihm emanzipiert, weil sie erwachsener werden durfte. In Stresssituationen waren die Spieler in der Lage, eigenständig Lösungen zu finden. Sie wussten um die Fähigkeiten von Sigurdsson und folgten ihm aus eigenen Stücken, nicht zwanghaft. Aus diesem Grund wird das Verhältnis zwischen Coach und Team bei der anstehenden WM in Frankreich keine Risse bekommen.

Ein feststehender Abschied muss ohnehin nicht zwangsläufig zu einem Spannungsabfall zwischen dem Trainer und seinen Spielern führen. Das bekannteste Gegenbeispiel sind Jupp Heynckes und der FC Bayern im Frühjahr 2013. Nachdem Heynckes der Mannschaft mitgeteilt hatte, nach der laufenden Saison aufzuhören, schwangen sich die Münchner zu großartigen Leistungen auf und bescherten ihrem Trainer mit dem Gewinn des Triples aus Meisterschaft, nationalem Pokalsieg und Champions-League-Gewinn einen rauschenden Abschied. Eine Nummer kleiner würde schon reichen, damit Sigurdsson nicht als "Lame Duck" des deutschen Handballs in Erinnerung bleibt.