Handball-WM

Handballer wollen Schwung aus dem EM-Titel zur WM mitnehmen

Wolfram Köhli

Von Wolfram Köhli

Mi, 11. Januar 2017 um 00:02 Uhr

Nationalmannschaft

Was folgt dem erfolgreichsten Jahr in der Geschichte des Deutschen Handball-Bundes (DHB)? Bei der WM in Frankreich wollen die Ballwerfer von Freitag an darauf eine Antwort geben.

Vorab nährt das Team durch sein gestiegenes Selbstvertrauen sportlich und verbal die Zuversicht. Nicht zu Unrecht: Ein ausgeglichen starker Kader ist das Pfund des Europameisters.

Es kann so einfach sein

Handball in der Lesart des Bundestrainers Dagur Sigurdsson kann so einfach sein: "Wir wollen eine gute Abwehr vor guten Torhütern stellen, Bälle gewinnen und schnell nach vorne spielen." Punkt, aus. Das taten die Kandidaten des 43 Jahre alten Isländers am Montag mit Bravour und waren nach dem 33:16 (17:11)-Erfolg im Test gegen Österreich vorwiegend damit beschäftigt, das Resultat kleinzureden. "Lauferei und Emotionen werden bei den Welttitelkämpfen alleine nicht reichen", versuchte der Isländer die gestiegene öffentliche Erwartungshaltung zu dämpfen. Österreich, mit seinem jungen, im Aufbau befindlichen Team, war nicht das sportliche Maß, um Prognosen für das Abschneiden des Europameisters bei der WM zu untermauern. Der nach dem Turnier auf eigenen Wunsch aus dem Amt scheidende Bundestrainer (wechselt nach Japan) will besser als bei seinem Debüt 2015 in Katar abschneiden. Damals war das Team Siebter. Torhüter Andreas Wolff möchte seine "erste Weltmeisterschaft, bei der ich auch persönlich was zu tun habe, mit meiner Leistung so lange wie möglich dauern lassen." Das heißt? "WM-Titel und dann noch die Feier."

Stabiles Fundament

Jammern gilt nicht. Diese Einstellung kommt einem Paradigmenwechsel beim DHB gleich. "Es ist alles so unaufgeregt", beurteilt Uwe Schwenker, der Präsident des Ligaverbandes der Handball-Bundesliga, die Herangehensweise an wichtige Turniere. Da kann passieren was will: Absagen wegen Überbelastung der Europameister Hendrik Pekeler, Martin Strobel und Christian Dissinger. Verletzungen der Linkshänder Steffen Weinhold und Fabian Wiede oder Schicksalsschläge wie bei Mannschaftskapitän Uwe Gensheimer, dessen Vater am Sonntag überraschend starb. Die Gelassenheit beruht auf der Leistungsdichte im 28er-Kader. Noch nie war das Fundament für die Nationalmannschaft der Ballwerfer so stabil. Deutlich wird das besonders in der Abwehr, wo einer der leistungsstärksten Mittelblöcke durch die Absage von Pekeler gesprengt wurde. Aber nicht nur durch den Kieler Patrick Wiencek tun sich Alternativen neben dem 2,10 Meter großen Abwehrchef Finn Lemke auf. Das gilt auch für den Angriff und sorgt für die Unberechenbarkeit der deutschen Mannschaft. "Es ist wichtig, hier einige Sachen hinzubekommen, damit wir sie in Frankreich nutzen können", fasst der Bundestrainer die Inhalte der kürzesten Vorbereitung, die es je gab (nur zwei Länderspiele), zusammen.

Taktikfuchs

Da der Coach keine innigen Beziehungen zu seinen Eleven zulässt, steht der Umsetzung seiner strategischen Schachzüge auf dem Spielfeld nichts im Weg. Ein Opfer dieser Überlegungen wurde auch der Teninger Handballer in Diensten von FA Göppingen Jens Schöngarth. Er musste seinen Platz im 16er Kader räumen, da Sigurdsson vorerst nur 15 Spieler melden wird. "Ich möchte mir die Position von Jens offen halten", sagte er der BZ auf Nachfrage. Wie breit sein taktisches Kalkül angelegt ist, zeigt der fünftägige Besuch von Holger Glandorf, des Weltmeisters von 2007. Der 33 Jahre alte Linkshänder überzeugte in seinem ersten Länderspiel nach zweieinhalb Jahren, fuhr aber wieder heim. "Er hat noch nie bei mir trainiert", begründet der Trainer den Test und bilanzierte, "wir sind mit Holger reicher." Der Isländer auf der deutschen Bank setzt auf Inspiration, auf flexibles Reagieren bei sich und seinen Spielern. Das fordert Allrounder. Einen Spielertyp, dem der 2,03 Meter große Shooter Jens Schöngarth nicht ganz entspricht. Dafür könnte der 28 Jahre alte Linkshänder seine Wurfqualitäten aus der Distanz einbringen, wenn der Spielfluss einmal stockt.

Das deutsche Aufgebot

Torwart: Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Andreas Wolff (THW Kiel).
Rückraumspieler: Steffen Fäth (Füchse Berlin), Kai Häfner (TSV Hannover-Burgdorf), Julius Kühn (VfL Gummersbach), Simon Ernst (VfL Gummersbach), Niclas Pieczkowski (SC DHfK Leipzig), Paul Drux (Füchse Berlin).

Außenspieler: Uwe Gensheimer (Paris Saint-Germain HB), Tobias Reichmann (KS Vive Tauron Kielce), Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Rune Dahmke (THW Kiel).

Kreisläufer: Finn Lemke (SC Magdeburg), Patrick Wiencek (THW Kiel), Jannik Kohlbacher (HSG Wetzlar).

Die Favoriten

Ganz oben auf der Liste steht Titelverteidiger Frankreich, der durch seine fortwährenden Erfolge, weiter die Werbetrommel für den Handball rührt. 431 000 der 500 000 Karten sind bereits verkauft – auch ein Erfolg der Strategie moderater Preise. Das bringt dem Heimteam Unterstützung, die bei der K.o.-Runde in Lille zu einem neuen Besucherrekord bei internationalen Turnieren führen soll: 27 500 Zuschauer. In Dänemark, Spanien und Kroatien stehen zudem die üblichen Verdächtigen auf der Favoritenliste. Und dann wäre noch Deutschland zu nennen, geadelt durch Frankreichs aktive Torhüterlegende aus Mulhouse, Thierry Omeyer: "Spielen die wie bei der Europameisterschaft und den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, zählen sie zu den Favoriten." Bundestrainer Sigurdsson richtet den Fokus erst einmal auf das erste Spiel seines Teams am Freitag (17.45 Uhr) gegen wiedererstarkte Ungarn. "Das wird eines der schwersten Spiele im Turnier", erwartet der Coach, der die Chancen mit 40:60 beziffert. Aller Anfang ist schwer – gerade für einen Europameister.