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05. August 2008

Der Seiteneinsteiger mit der langen Leine

BZ-OLYMPIA-SERIE (TEIL XV): Bundestrainer Armin Emrich hat die deutschen Handballerinnen zu Olympia gebracht

  1. Armin Emrich ist der Vater des Aufschwungs im deutschen Frauenhandball. Foto: Michael Heuberger

LAHR. Nein, von Prognosen und Erwartungen will er wirklich nichts wissen. Das war schon vor der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Frankreich so, als Armin Emrich und die deutschen Handballerinnen als Vierte der Europameisterschaft zum weiteren Favoritenkreis gezählt worden waren – und schließlich den viel beachteten dritten Rang erreichten. So ist es auch vor den Olympischen Spielen in Peking, wo die deutschen Ball werferinnen zu den Anwärtern auf eine Medaille gerechnet werden. Stets beharrt der Bundestrainer, der in Schwanau-Allmannsweier bei Lahr zu Hause ist, auf seiner nüchternen Haltung: "Diese Hochrechnungen und Zuordnungen von Rollen – das beeindruckt mich überhaupt nicht. Einen dritten Platz bei der WM hochzurechnen, ist im Sport die größte Gefahr für die Einstellung und die mentale Vorbereitung. Das ist ein neues Turnier. Alles was war, ist Schnee von gestern."

Diese Klarheit ist ein Merkmal der Arbeit von Armin Emrich, der im Februar 2005 die Aufgabe als Bundestrainer des Frauenteams von Ekkehard Hoffmann übernahm und einen deutlichen Aufschwung einleitete. Zuletzt hatte sich ein deutsches Frauenteam 1996 für die Spiele von Atlanta qualifiziert. Es wurde also Zeit für neue Impulse.

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Horst Bredemeier, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB), der für den Leistungssport zuständig ist, sagt über den 57-Jährigen: "Als Seiteneinsteiger bei den Frauen hat er die Spannungen, die es im Umfeld des Teams gab, am besten lösen können. Er hat zu allen einen guten Draht, ist sehr kommunikativ und dass er fachlich geeignet ist, darüber braucht man nicht zu reden." Männer-Nationalteams hatte Emrich zuvor schon betreut: das deutsche von August 1992 bis Mai 1993 und das schweizerische, mit dem er 1996 in Atlanta den achten Platz erreichte. Als Trainer erlebt er jetzt seine zweiten Olympischen Spiele, als Spieler war ihm das nie vergönnt, obwohl er 27 Spiele im Nationaltrikot bestreiten durfte.

Den Unterschied bei der Betreuung von Männern und Frauen zu beschreiben, hat Emrich stets vermieden. Für den Pädagogen, der derzeit freigestellt ist von seiner Aufgabe als Fachleiter Sport am Staatlichen Seminar in Freiburg, stehen die fachlichen Aspekte der Trainingsarbeit im Vordergrund. Dies sieht offenbar auch Bredemeier so: "Inhaltlich ist das nichts anderes als bei einem Männertrainer. Armin Emrich hat seine pädagogische Bildung. Er ist eine Respektsperson, arbeitet mit der langen Leine, weiß aber auch, wann er sie anziehen muss."

Mit dem reichen Angebot an sportiven und kulturellen Ereignissen in China beschäftigt sich Armin Emrich nicht, das widerspräche seinem Arbeitsethos. "Ich bin fokussiert auf das Turnier. Wenn sich etwas anbietet – in Ordnung. Aber ich fahre nicht mit Erlebnishunger nach Peking, um dort Wettbewerbe oder etwas anderes anzusehen. Dafür sind wir Teilnehmer, nicht Zuschauer." Auch in dieser Hinsicht bleibt er sich treu. Schon als Bundesligaspieler bereitete er sich ganz besonders intensiv auf Partien vor. Es wird erzählt, dass er bei Auswärtsfahrten des TuS Hofweier, Stunden vor dem Spiel, schon mit dem berühmten Tunnelblick im Bus saß, während sich seine Mitspieler noch eher entspannt der Aufgabe näherten.

Von Glück bei der Auslosung hatten die Presse-Agenturen geschrieben, als die DHB-Frauen in die Gruppe B mit Russland, Südkorea, Ungarn, Schweden und Brasilien gelost wurden. Emrich aber sagt: "Bei der Konstellation dieser Gruppe wird es Überraschungen geben wie aus der Wundertüte. Das wird ein ganz schwieriges Turnier. Jedes Gruppenspiel besitzt Entscheidungscharakter. Und schwache Teams gibt es sowieso nicht."

Wer bei der Übertragung der Eröffnungsfeier nach Armin Emrich, Grit Jurack, Nadine Krause und Kolleginnen Ausschau hält, tut dies vergeblich: Die deutschen Handballerinnen werden dort fehlen, ebenso wie das Männerteam von Heiner Brand. "Das ist für die Sportler eine wahnsinnig anstrengende Veranstaltung. Wir haben bereits am ersten Tag das erste Spiel, da können wir nicht nachts um drei Uhr zurückkommen." Im Zentrum steht der sportliche Erfolg. Alles andere ist Beiwerk.

Morgen lesen Sie zum Schluss der Serie: südbadische Helfer und Funktionäre bei Olympia.

Autor: Uwe Schwerer