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31. Juli 2008

Stärkster Mann ohne Muskeln

Oliver Roggisch ist eine feste Größe im deutschen Handball

  1. Hart am Mann: Oliver Roggisch (rechts) in Aktion Foto: dpa

FREIBURG. Zu den Zeiten, als der Lebensmittelpunkt des Handball-Nationalspielers Oliver Roggisch noch in Schutterwald war, riet ihm sein damaliger Vereinstrainer Martin Heuberger: "Oli, du musst mehr Muskeln kriegen." Mutter Sigrid brachte fortan mehr Fleisch auf den Tisch. Jetzt, da der Weltmeister im Handball durch die Heirat seiner Frau Astrid seine eigene Familie gegründet hat, werden auch die blauen Flecken nicht mehr zu Hause verarztet. Auch vor seiner ersten Teilnahme an Olympischen Spielen wirkt der ehemalige Schutterwälder mit 90 Kilogramm schon fast als ein Hemd im Kreis der Spitzenhandballer. "Man sieht es bei mir nicht so. Ich bin schon kräftig." Der Vorteil des Akteurs der Rhein-Neckar Löwen sind die schnellen Beine. "Als stärksten Mann ohne Muskeln", bezeichnete ihn einst sein isländischer Kollege beim SC Magdeburg, Gudjun Valur Sigurdsson.

Was ist im Südbadischen geblieben? Der Stolz auf einen schier unglaublichen Aufstieg des Sohnes, der am Tag nach der olympischen Schlussfeier seinen 30. Geburtstag feiern wird. "Wir sind schon stolz auf ihn", sagt Sigrid Roggisch, "vor allem mein Mann freut sich. Er hat Oli immer gefördert und fest an ihn geglaubt." Der feste Glaube an die eigenen Möglichkeiten hat auch den Sportler selbst ganz wesentlich vorangebracht. Er spricht selbst von einem Mangel an Talent, das es aufzuwiegen galt mit Einsatz und Trainingsfleiß. Der in seinen sportlichen Anfängen teils ungelenk und tapsig wirkende Akteur spielt inzwischen in der deutschen Nationalmannschaft eine zentrale Rolle. Im Mittelblock, dem Bollwerk das sich vor den Angreifern aufbaut. Und dies, obwohl die Karriereplanung eigentlich auch einen Einsatz am Kreis vorsah. Aber dazu hat es dem Akteur nicht gereicht. "Im Angriff könnte ich auf hohem Niveau gar nicht mehr spielen", erzählt der 29-Jährige, der zu 90 Prozent Abwehr trainiert. "Die Abläufe verlernt man schnell. Da habe ich meine Sicherheit verloren." Er verlor sie, als er bei TuSEM Essen (2003 bis 2005) im Schatten des Weltklasse-Kreisläufers Dimitri Torgowanow stand. "Ich habe von ihm aber gelernt, ein guter Abwehrspieler zu werden", sagt Roggisch und sieht in dem Russen einen seiner großen Lehrmeister.

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Sein Spezialgebiet wurde die Abwehr – auch weil der gebürtige Südbadener kein Kind der Traurigkeit ist. "Wir zittern oft mit", erzählte der Vater Meinrad Roggisch während der Weltmeisterschaft 2007 in Köln, "aber weniger darum, ob Oliver gut oder weniger gut spielt, sondern um seine Gesundheit." Schildert der 29-Jährige, was in seiner Karriere an seinem Körper schon alles zu Bruch gegangen ist, ist des Vaters Sorge verständlich. Oliver Roggisch steht da, wo es weh tut. Sich quälen kann er, aber auch dem Gegner zeigen, dass der Weg zum Tor nicht schmerzfrei sei. Die Körpersprache müsse deutlich sein. "Ich muss den Laden zusammenhalten. Wenn die Abwehr gut spielt, ist das auch mein Verdienst. Dort hole ich mir meine Anerkennung", sagt der 1,99 Meter lange Profi. Berühmt wurde sein Part in der Verfilmung von Projekt Gold. "Ohne oder mit Betäubung, Oli?", fragte ihn Teamarzt Berthold Hallmaier. "Ohne", antwortete der Akteur und ließ sich die Platzwunde am Kopf tackern. "Adrenalin ist die beste Schmerztablette. Wenn man auf dem Feld heiß ist, spürt man nichts. Erst wenn ich am nächsten Tag aufwache, weiß ich, was los ist."

Roggisch, der beim TuS Schutterwald das Handball-Abc lernte, hat sich auf der internationalen Handballbühne derweil einen Namen erarbeitet. Der französische Weltklasseangreifer Nicola Karabatic meinte: "Roggisch strahlt Energie aus, gibt alles, um seine Gegner aufzuhalten. Seine Aggressivität ist seine Stärke, aber damit spielt er natürlich auch oft an der Grenze zur Zeitstrafe." Das ist das zentrale Problem des Handballers Oliver Roggisch. Inzwischen setzt er auf die Erfahrung aus bislang 92 Länderspielen und hofft auf Anerkennung. Bei den Schiedsrichtern. Die stuften sein teilweise ungelenk erscheinendes Wirken am deutschen Kreis inzwischen "als hart, aber nicht unfair" ein. "Darauf bin ich stolz."

Beim Tauchen findet der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann Ruhe, das sei seine Energiequelle. Der proppenvolle Terminkalender lässt derzeit aber kein Abtauchen zu. Selbst die Hochzeitsreise muss noch warten. Wie lange?

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Autor: Wolfram Köhli