BZ-Umfrage

Was sagen regionale Handballvereine zur WM?

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Do, 12. Januar 2017 um 00:01 Uhr

Handball Allgemein

Welche Auswirkungen hatten die Erfolge des Nationalteams auf Handballvereine der Region? Was sagen deren Vertreter dazu, dass die WM nicht im Fernsehen auftaucht? Eine Umfrage.

Ein Jahr ist es her, dass die deutschen Handballer Europameister wurden. Vor zehn Jahren holten sie im eigenen Land gar den Weltmeistertitel. Trotzdem werden die Spiele der WM in Frankreich (11. bis 29. Januar) nicht im Fernsehen, sondern nur in einem Livestream auf handball.dkb.de übertragen.

Michael Hogenmüller, Vorsitzender des HGW Hofweier: "Wir haben in Hofweier eine große Handballtradition, deswegen ist der Zulauf hier immer relativ stark. Wegen der Erfolge der Nationalmannschaft sind nicht mehr Kinder zu uns gekommen, aber bei den Zuschauerzahlen hat es einen Schub gegeben. Dass die WM nicht im Fernsehen übertragen wird, ist schade. Man muss damit rechnen, dass ein Stream im Internet nur etwa 30 Prozent der Zuschauerzahlen einer TV-Übertragung erreicht. Der Handball wird damit weiter an den Rand gedrängt. Diese WM wird der Sportart keine entscheidenden Impulse geben."

Stephan Große-Rohde, Abteilungsleiter des TuS Ringsheim: "Diese Erfolge auf internationaler Ebene haben sich bei uns eindeutig positiv ausgewirkt, das Interesse bei den ganz Kleinen ist gestiegen, wir haben bei den Minis und der E-Jugend einen deutlichen Zuwachs bekommen. Die EM 2016 wirkt in dieser Hinsicht immer noch nach. Dass die WM nun nicht im Fernsehen übertragen wird, ist eine sehr unglückliche Entwicklung, denn damit rückt der Handball aus dem Fokus. Er braucht aber diese TV-Präsenz."

Anton Schönmüller, Abteilungsleiter des ESV Weil: "Ich finde es lächerlich und unprofessionell, wie sich die Weltverbands-Oberen hier verhalten haben, um nicht zu sagen haben reinlegen lassen. Es ist eine Schweinerei, dass normale Fans von der Übertragung einer Weltmeisterschaft ausgeschlossen sind. Mir ist unverständlich, wie man sich solch einen Vertrag aufdiktieren lassen konnte, nur damit der Rechteinhaber noch mehr Gewinn macht. Sport ist Sport und nicht nur Kommerz. Wir kleinen Vereine leben von der Außenwirkung. Für unseren Verein waren die Auswirkungen des WM-Titels 2007 insgesamt etwas besser, es sind doch ein paar Jugendliche mehr zum Verein gestoßen als nach der EM 2016. Allerdings war die WM auch im eigenen Land und durch die Medien richtig begleitet – das wirkte doppelt."

Felix Hodapp, Vorstandsmitglied im HSV Schopfheim: "Aus meiner Sicht war die Rechtevergabe eine Farce, das sind schier mafiöse Zustände. Handball ist ein Volkssport, und es ist schön, wenn die Spiele eine solche Nachfrage erfahren. Die WM-Übertragung würde auf eine breite Resonanz stoßen, doch durch solche Machenschaften ist das unmöglich. Durch die beiden Titelgewinne wurde dem Handball in der breiten Öffentlichkeit wieder eine größere Bedeutung beigemessen, aber für uns als Verein war der Effekt fast gleich Null. Wir hatten dadurch keinen einzigen Neueintritt, lediglich etwas steigende Zuschauerzahlen."

Michael Schreiner, Jugendtrainer des TV Neustadt: (lacht lauthals, als er darauf angesprochen wird, dass die WM nicht im Fernsehen zu sehen ist) "Klar, das ist eine Katastrophe. Mein Sohn hat mir erklärt, dass es im Hochschwarzwald technisch schwierig ist, die Spiele im Internet anzuschauen. Ich bedauere es sehr, dass die Öffentlich-Rechtlichen den Zuschlag nicht bekommen haben. Das interessiert doch sehr viele, die Einschaltquoten bei der EM mit bis zu 13 Millionen waren überragend. Handball ist eine faszinierende Sportart, die im Fernsehen sehr gut rüberkommt. Auf der Welle des WM-Erfolgs 2007 schwammen wir lange. Damals haben wir die Handballabteilung im TV Neustadt wieder neu ins Leben gerufen. Der EM-Titel 2016 hat keinen Zulauf gebracht, aber die Jugendspieler bei uns waren motivierter als zuvor."

Clemens Schiel, Sprecher der Sportfreunde Eintracht Freiburg: "Ich bedauere zutiefst, dass die Spiele nicht übertragen werden. Da hat man die Rechte einem Investor nur des Geldes wegen übergeben und sich verspekuliert. Man soll sich mal vorstellen, wenn dies im Fußball passieren würde, da würde es einen Riesenaufschrei geben. Da würde sich auch die Politik einschalten. In anderen Ballsportarten wie Basketball, Volleyball und Handball wird das einfach so hingenommen. Das trägt zur Monokultur des Sports bei. Der WM-Titel 2007 ergab bei uns einen Zulauf im unteren Jugendbereich. Über die Auswirkungen des EM-Titels kann ich noch nicht viel sagen. Wir liegen im Freiburger Westen ja in einem Zuzugsgebiet. Die Erfolge unserer Aktivmannschaften haben uns gerade im Kinderhandball einen Zuwachs beschert."

Markus Keune, Vorsitzender der SG Köndringen-Teningen: "Ich zweifle stark an, ob es nach den beiden Erfolgen nennenswerte Zuwächse bei den Mitgliederzahlen in Deutschland gegeben hat. Und wenn ich mich hier in Südbaden so umschaue, ist vom Hoch nichts übrig geblieben. Fast alle Vereine haben Nachwuchssorgen. Bei uns ist das vielleicht etwas anders, weil wir mit der ersten Mannschaft in der dritten Liga spielen. 2007 hat es dem DHB (dem Deutschen Handball-Bund, d. Red.) gereicht, die Hallen voll zu bekommen. Mehr war da nicht. Diesmal animiert man die Vereine per Rundmail, doch Public Viewing über den Livestream anzubieten. Wow. Was für ein PR-Coup des Duos Michelmann (DHB-Präsident, d. Red.) und Hanning (DHB-Vizepräsident Leistungssport)!"

Markus Hoch, Vorstandsmitglied bei der HG Müllheim-Neuenburg: "Beide Erfolge sorgten bei uns nur kurzzeitig für mehr Zulauf, das war ein Strohfeuer. Du musst in der Jugendarbeit stets am Ball bleiben, das funktioniert vor allem ganz gut, wenn die Schulkooperationen richtig gelebt werden. Hier musst du ein Netzwerk aufbauen und mit Marketingaktionen für dich werben. Wir stellen zu jedem Heimspieltag ein Hallenheft her, bei der auf dem Cover abwechselnd Jugendspieler zu sehen sind. Das sorgt für ein Wir-Gefühl und erscheint auch auf Facebook, Instagram und unserer Homepage. Wir bespielen diese Plattformen, um lokal einen Hype zu erzeugen. Unsere Aussage: Es ist cool, Handball zu spielen. Wir müssen hier was tun, sonst läuft uns Basketball den Rang ab. Das gilt auch für den Stellenwert des Handballs in Deutschland. Wir sind bei den Mannschaftssportarten die Nummer zwei, weshalb ich dachte, ich bin im falschen Film, als ich davon hörte, dass die WM nicht im Fernsehen kommt. Mit dem Ausweichprogramm über das Internet kann ich einigermaßen leben. Wir wollen versuchen, für die Spieltage Public Viewing im Foyer der Sporthalle zu organisieren."

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