Welt-Anti-Doping Agentur

2016 war ein ereignisreiches Doping-Jahr

Tom Mustroph

Von Tom Mustroph

Sa, 19. November 2016

Sportpolitik

Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat ein heißes Jahr hinter sich und wirkt im Kampf mit den Organisationen des Sports eher hilflos.

GLASGOW. Viele Dopingskandale, politisch gebremste Aufklärungstempi, geschlossene Labore, dazu Finanzierungssorgen und die mangelnde Unabhängigkeit vom Sport – die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada steht vor zahlreichen Problemen. Am Sonntag zieht sie beim Foundation Board Meeting in Glasgow eine Bilanz und will auch Lehren aus dem ereignisreichen Jahr 2016 präsentieren. Ungewiss ist, ob Wada-Präsident Craig Reedie, anfangs ein struktureller Bremser von Aufklärungskampagnen, zuletzt aber in starke Opposition zu IOC-Präsident Thomas Bach geraten, die Mehrheiten für eine zweite Amtszeit bekommt.

Nein, das Jahr 2016 war kein gutes für die Weltantidopingagentur. Die zahlreichen Meldoniumfälle machten klar, für wie zahnlos Spitzenprofis wie Maria Scharapowa die Fairnesswachhunde im Sport halten. Der Tennisstar stellte nicht einmal nach der Bekanntgabe, dass das Kreislaufmittel ab Januar 2016 als leistungssteigerndes Mittel verboten werden würde, die Einnahme ein. Zu sicher schien sie sich, dass niemand ihr etwas anhaben könnte.

Scharapowa irrte sich zwar. Dass russische Sportler aber davon ausgehen konnten, bei Dopingvergehen nicht sanktioniert zu werden, machte der McLaren-Report über die staatlich gesteuerte Kontrollvermeidung deutlich. Russlands Sport stand in diesem Jahr unter Generalverdacht, bekam vom obersten Sportfunktionär Thomas Bach aber nur eine Art Generalbewährungsstrafe. Während die Wada russische Sportler komplett von den Olympischen Spielen in Rio ausschließen wollte, legte Bach eine spezifische Prüfung für jede Disziplin fest. Die wurde mal strenger gehandhabt, wie etwa in der Leichtathletik – und mal bestürzend lax, wie beim Weltschwimmverband. Auch die forsch auftretende Wada sah bei der Russland-Causa aber nicht gut aus. Jahrelang ging die Behörde Hinweisen von Insidern über die Dopingpraktiken nicht konsequent genug nach. Und als dann endlich Licht ins russische Dopingdunkel geworfen wurde, begnügte sich die Wada mit diesem Coup und ließ Hinweise auf Doping in anderen Weltgegenden – Kenia an erster Stelle – weitgehend unbeachtet.

Der Riss in der Welt der Sportfunktionäre war aber deutlich. Die Wada wollte etwas stärker Aufklärung betreiben, die Riege des IOC – zu der Reedie allerdings auch gehört – hingegen Skandale vermeiden. Wie groß die Spannungen sind, wurde beim prestigeträchtigen Treffen der Nationalen Olympischen Komitees in Doha vergangene Woche deutlich. Bach ermunterte die Gastgeber, sich doch für die nächsten Olympischen Spiele zu bewerben. Reedies Wada indes schloss das Kontroll-Labor in Doha wegen Unregelmäßigkeiten.

Allerdings ist auch die Wada nicht der strahlende Ritter für einen sauberen Sport. Mehrere Jahre lang verhinderte die Agentur die Publikation einer Studie, bei der Hochleistungssportler anonym über die Verbreitung von Doping ausgesagt hatten. Auf 29 Prozent belief sich unter den befragten Startern bei der Leichtathletik-WM 2011 die Quote der Athleten, die Doping einräumten. Bei den Teilnehmern der Panarabischen Spiele im gleichen Jahr waren es sogar 45 Prozent.

Ernsthaft aufklären oder lieber Skandale vermeiden?

Diese Zahlen wirken realistischer als die wenigen positiven Tests, die die Anti-Doping-Organisationen Jahr für Jahr abliefern. Die krasse Differenz zwischen diesen Werten illustriert das größte Dilemma der Branche. Die Kontrolleure halten mit den Betrügern nicht Schritt. Das liegt nicht nur an der Kreativität vieler Doper und ihrer Berater, sondern auch an massiven Kontrolllücken. Aus dem britischen Radsport etwa wurde in mehreren Fällen bekannt, dass genommene Urinproben später überführter Doper gar nicht auf Epo-Spuren analysiert wurden. Generell zeigt die Teststatistik des Londoner Labors auch, dass dort verhältnismäßig wenige Trainingskontrollen vorgenommen wurden (nur 2331 gegenüber 5087 Wettkampfkontrollen in Urinproben im Jahr 2014). Von den 2331 Urinproben in Trainingskontrollen wurden nur ganze 736, also nicht einmal ein Drittel, auf Epo untersucht. Bei den Wettkampfkontrollen ist das Verhältnis noch krasser. Von den 5087 Urinproben wurden gar nur 1076 durch den Epo-Analyseprozess geschickt. In den Blutproben, die ans Londoner Labor kamen, wurden gar keine (!) Epo-Analysen vorgenommen. Der bei seiner Einführung als sehr wirksam gefeierte Test auf Wachstumshormon wurde in London lediglich bei 73 Wettkampfkontrollen, aber bei keiner einzigen Trainingskontrolle praktiziert.

Sportler, die im Vereinigten Königreich in den Antidoping-Caravan gebeten werden, darunter auch die wegen laxer Handhabe der therapeutischen Ausnahmegenehmigungen zuletzt in die Kritik geratenen Sky-Profis, haben also eine gute Chance, dass bei ihnen nicht richtig getestet wird. Die Blut- und Urinabgabe ist im Lichte der Statistik kaum mehr als die Simulation von Kontrolle. Und Großbritannien ist da wahrlich kein Einzelfall. Viel Stoff also für ein einzelnes Foundation Board Meeting.