Abschied mit Silber

dpa

Von dpa

Mi, 22. August 2018

Behindertensport

Mit Weitspringer Heinrich Popow verlässt ein charismatischer Athlet den paralympischen Sport.

BERLIN. Heinrich Popow kam gar nicht mehr aus dem Händeschütteln heraus. Eingehüllt in eine Deutschlandfahne und mit einem Blumenstrauß in der Hand nahm der Weitspringer aus Leverkusen die guten Wünsche entgegen. Die zum Abschluss der Laufbahn. Und die zum Gewinn der Silbermedaille bei der Europameisterschaft der behinderten Leichtathleten in Berlin.

"Diese sechs Versuche standen stellvertretend für die 18 Jahre meiner Karriere", sagte der 35-Jährige, der mit 6,24 Metern noch einmal eine persönliche Jahresbestleistung aufgestellt hatte, aber während des ganzen Wettkampfs angespannt wirkte und mit dem böigen Wind zu kämpfen hatte. Nur der Däne Daniel Wagner war mit 6,72 Metern weiter gesprungen als der zweimalige Paralympics-Sieger und fünfmalige Weltmeister. Den Weltrekord von 6,74 Metern hatte er seinem deutschen Konkurrenten soeben noch gelassen. Wagners Leistung hätten ihm gezeigt, "dass es Zeit für mich ist, an anderen Stellschrauben des Sports zu drehen", sagte Popow.

Als das Publikum im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ihn feierte, geriet der Sieg der hochgradig sehbehinderten Katrin Müller-Rottgardt mit Begleiterläufer Alexander Kosenkow über 100 Meter (12,78 Sekunden) zur Nebensache. Der querschnittgelähmte frühere Turner Ronny Ziesmer wurde bei seinem Debüt in der Para-Leichtathletik Letzter in seinem Rollstuhlrennen über 100 Meter.

"Ich wäre heute nicht der glückliche Mensch, der ich bin, wenn ich den Sport nicht gehabt hätte", sagte der gebürtige Ukrainer Popow, dem im Alter von neun Jahren wegen einer Krebserkrankung ein Bein abgenommen werden musste, mit belegter Stimme. Er gilt als Vorzeigeathlet des paralympischen Sports.

Auch wenn sich Popow in den leistungssportlichen Ruhestand verabschiedet, bleibt er dem Behindertensport verbunden. So ist er für den Prothesen-Hersteller Otto Bock seit Jahren unterwegs und bringt Amputierte zum Sport. Mit Blick auf die Paralympics 2020 in Tokio arbeitet er als technischer Berater des japanischen Verbandes, auch der deutsche Verband will ihn weiter einbinden. Als kritischer Geist findet er gesellschaftspolitisch Gehör. "Ich bin kein Freund der Inklusion, der Gleichmacherei und von diesem ganzen Quatsch", sagte er, "ich bin ein Freund der Individualität."