Turner des TuS Rötenbach

Akrobatik jenseits der Spätzlegrenze

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Fr, 18. November 2016

Turnen

Die Turner des TuS Rötenbach zählen im Schüler- und Aktivenkader zu den Leistungsträgern der WKG Schwarzwald-Baar.

TURNEN. Auf nur einem Bein stehen, einen Purzelbaum schlagen, das sind Herausforderungen, die erschreckend viele Grundschüler überfordern. Die Bewegungsarmut einer Generation, die Gameboy-Spiele für Sport hält, ist ein gesellschaftliches Problem. Pädagogen schlagen Alarm und fordern mehr Schulsport. Doch das genügt nicht, um jungen Menschen zu zeigen, wie wichtig ein stabiles Rückgrat ist. Dafür braucht es ehrenamtliche Basisarbeit. Die wird im Hochschwarzwald vorgelebt. In Rötenbach. Umgeben von Fußballhochburgen ist dort, seit der Vereinsgründung des TuS im Jahr 1919, Turnen Sportart Nummer eins.

Bewegung in Rötenbach, das ist Lebensqualität. Rund 20 Jungen und 80 Mädchen trainieren wöchentlich beim Turn- und Sportverein, die Besten des Traditionsklubs sind landesweit ein Begriff und begehrte Mannschaftsturner, die in der Wettkampfgemeinschaft Schwarzwald-Baar (WKG) für Furore sorgen, zu der neben den Rötenbachern Bewegungskünstler des TV Villingen, aus Bräunlingen, Donaueschingen und Löffingen gehören.

Die aktiven Turner der WKG, die unter der Regie von Übungsleiter Viktor Heinz in Löffingen trainieren, sicherten sich im Jahr 2015 Platz eins in der Bezirksliga des Badischen Turnerbundes (BTB), schafften damit im vergangenen Jahr den Sprung in die Turn-Landesliga und zeigten am vergangenen Wochenende beim Liga-Rückkampf in Schonach eindrucksvoll ihr Können. Am Teamsieg gab es nichts zu deuteln, Sebastian Benz vom TuS Rötenbach, Aushängeschild der WKG, gewann mit starken 70,5 Punkten souverän die Sechskampf-Einzelwertung.

Die jungen Rötenbacher Talente der E- und D-Jugend, sind als Mitglieder des WKG-Schülerkaders, der in der vergangenen Saison den Titel in der Schülerliga des Badischen Schwarzwald-Turngaus (BSTG) feierte, die Turnhoffnungen der Zukunft – darunter zwei Brüder: Lenard Wehrle (11), der das Gymnasium in Neustadt besucht und Paul Wehrle (9), noch Grundschüler in Rötenbach. Zwei Buben, die turnen, seit sie laufen können, hineingeboren in eine Turnfamilie. Der Großvater und der Onkel der beiden waren Turner, ihr Vater Rainer Wehrle (45), langjähriger TuS-Leistungsturner, ist Trainer des WKG-Schülerkaders.

"Ich bin der Turn-Opa

im WKG-Team."

Markus Zepf, Pferd-Zähmer
Erklären und durchaus noch selbst vormachen, wie Turnen funktioniert, kann der gelernte Elektroingenieur, der im September in einen neuen Lebensabschnitt startete – als Berufsschullehrer an den Gewerblichen Schulen in Waldshut. Das Talent seiner Söhne macht ihn stolz, wirklich mithalten kann er an den Geräten mit seinem elfjährigen Sohn nicht mehr.

Lenard Wehrle ist ein Bewegungstalent. Enorm ist sein Trainingsfleiß. Fünfmal die Woche übt er an Boden, Ringen, Reck, Barren, Pauschenpferd und Sprung und das bis zu drei Stunden pro Abend. Ein Pensum, das Lust, nicht Last ist. "Ich muss den Lenard nie antreiben", so Vater Wehrle, "er ist total angefressen, der Wille kommt von ihm ganz allein". Lenard, 2014 sowie 2015 und 2016 überlegener Schwarzwald-Schülermeister, zählt in seiner Altersklasse zu den Besten des Landes, das an den Geräten durch eine Spätzlegrenze geteilt ist: in den Schwäbischen Turnerbund (STB) und den Badischen Turnerbund (BTB). Das sorgt für kuriose Wettkampf-Erlebnisse. Der elfjährige Badener Lenard Wehrle tritt nicht nur für die WKG, sondern auch für die Schwaben des TV Spaichingen an. Dritter war er jüngst beim Landesfinale des STB. "Da tritt er als Badener für Schwaben gegen Badener an", so Vater Rainer Wehrle. Jetzt hat der Elfjährige gute Chancen, den Sprung in den (schwäbisch dominierten) Schüler-Landeskader zu schaffen.

Turnen ist kontrollierte Bewegung. Wer die komplizierten Abläufe bei den Akrobahnen am Boden, beim Kreuzhang an den Ringen, am störrischen Pauschenpferd, dem Barren sowie furiosen Flugteilen am Sprung und und am Reck beherrschen will, muss diszipliniert und lernwillig sein. Immer schwieriger, immer extremer werden die Übungen in der Weltspitze, die Zuschauern den Atem rauben. Immer weiter werden die Grenzen des Machbaren verschoben. Am Reck gilt derzeit der "Bretschneider" als Nonplusultra-Kür: ein Doppelsalto rückwärts gehockt mit zwei Längsüberschlägen über der Reckstange.

"Turnen macht das Leben leichter", sagt Markus Zepf, Steinmetz in Löffingen. Hinlangen wie ein Berserker muss er in seinem Job. Die Kraft und die Beweglichkeit holt sich der 45-Jährige seit Jahrzehnten an den Turngeräten. Noch immer aktiv ist er, als Wettkampfturner des WKG-Aktivenkaders, um die Leistungsträger Timo Zemann vom TB Löffingen und den Rötenbacher Sebastian Benz. Handstandüberschläge, Flickflacks, Aufschwünge, Beinscheren am Pferd beherrscht Zepf so lässig wie Spaziergänge. Dennoch, das Alter, es lasse sich nicht leugnen, sagt der zupackende Turner mit einem Augenzwinkern: "Ich bin der Turn-Opa im WKG-Team."

Seine Begeisterung fürs Turnen ist ungebrochen. Bei den Sechskämpfen der zwölf Turner der WKG-Landesliga-Mannschaft, die in Jürgen Storz vom TuS Gutach, Polizist in Neustadt, einen neuen Leistungsträger dazugewonnen hat, sieht sich Zepf ganz bescheiden "als Ergänzungsturner am Seitpferd und Reck".

Am Samstag stehen in Löffingen von 9 Uhr die Wettkämpfe des Liga-Finales der Schüler und Junioren an.