Bauernopfer als Bumerang

sid

Von sid

Mi, 23. November 2016

Schach

Schachweltmeister Magnus Carlsen spielt unter seinem Niveau.

NEW YORK (sid). Im ungewohnten Gefühl der Niederlage wollte Magnus Carlsen nur noch weg. Mit hängenden Schultern eilte der völlig entnervte Schachweltmeister aus dem Saal. Das eigentlich übliche Interview nach der Partie schwänzte er kurzerhand, und auch der Pressekonferenz blieb der 25-Jährige fern. Nein, reden wollte er nicht. Dafür saß der Frust über sein erschreckend schlechtes und überstürztes Spiel schlicht zu tief. In der achten Partie des WM-Duells mit seinem stoisch defensiven und destruktiven Gegner Sergei Karjakin hatte er sich verzockt und die Nerven verloren.

Die unerwartete Niederlage ist der Tiefpunkt eines bisher verkorksten Duells. Carlsen spielt in New York deutlich unter seinem Niveau und so schlecht wie lange nicht. So könnte das im Vorfeld noch abwegige Szenario tatsächlich Realität werden: Dem einstigen Schach-Wunderkind Carlsen droht der Verlust seines Titels.

Zwar sind noch vier Partien zu spielen, aber das Blatt hat sich spätestens jetzt zugunsten des russischen Außenseiters gewendet. Ganz gleich, was Carlsen bisher versucht hat, Karjakin hatte immer eine Antwort parat. Dazu kommen für Carlsen völlig untypische Fehler, die dem Herausforderer in die Karten spielen. Karjakin hält nun mit seiner ersten gewonnenen Partie, ausgerechnet mit dem vermeintlichen Nachteil der schwarzen Figuren, alle Trümpfe in der Hand.

Mit 4,5:3,5 Punkten führt der 26-Jährige, der in der neunten Partie am Mittwoch zusätzlich den Vorteil der weißen Figuren innehat. "Offenbar hat Magnus seine Stellung überschätzt. Das hat ihn in Schwierigkeiten gebracht, er hätte sich besser verteidigen sollen", sagte Karjakin. Carlsen hatte mit hohem Risiko und mehreren Bauernopfern versucht, den Russen zu überrumpeln. Doch dieses Vorgehen erwies sich als Bumerang. Karjakin nutzte nach der Zeitkontrolle im 40. Zug seine Chance und gewann dank eines weit vorgerückten Freibauern auf der a-Linie. Carlsen kratzte sich derweil ungläubig an der Nase, verzog das Gesicht und rutschte auf seinem Stuhl hin und her, ehe er Karjakin widerwillig die Hand reichte und seine Niederlage einräumte.

Entschieden ist das Duell noch längst nicht. "Schließlich sind sind noch vier Partien zu spielen, in denen alles passieren kann", sagte Karjakin. Fakt ist aber: Carlsen benötigt eine enorme Leistungssteigung, falls er seinen Titel nicht verlieren will. Er muss gegen den Defensivkünstler mindestens eine Partie gewinnen, um den Tiebreak zu erzwingen. Dieser beinhaltet vier zusätzliche Partien mit einer verkürzten Bedenkzeit von 25 Minuten plus zehn Sekunden Zeitgutschrift pro Spieler/pro Partie.