Das Drama von Püttlingen

Patric Cordier

Von Patric Cordier

Mo, 15. Januar 2018

Ringen

Ringer-Bundesligist TuS Adelhausen verpasst das Meisterschaftsfinale durch 7:17-Niederlage im Rückkampf beim KSV Köllerbach.

RINGEN Bundesliga, Playoff-Halbfinale: KSV Köllerbach – TuS Adelhausen 17:7. Grenzenlose Trauer. Überbordende Freude. Abgrundtiefe Enttäuschung. Riesige Begeisterung. In wenigen Bereichen des menschlichen Lebens liegen die Emotionen so dicht beieinander wie im Sport. Das mussten am Samstag Ringer und Anhänger des TuS Adelhausen auf geradezu grausame Art erleben. Trotz des 20:11-Erfolgs im Hinkampf gegen den KSV Köllerbach hat der TuS den Einzug ins Finale um die deutsche Meisterschaft verpasst. Der Rückkampf ging mit 17:7 an die Saarländer.

"Niemand kann sich vorstellen, wie sehr das jetzt weh tut. Das ist einfach nur bitter", sagte Adelhausens Trainer Florian Philipp restlos bedient, "es wird lange dauern, bis die Freude über die erfolgreiche Runde die Enttäuschung über das Ausscheiden verdrängen kann."

Für die mitgereisten 150 TuS-Fans unter den über 1000 Zuschauern im Püttlinger Trimmtreff begann der Abend vielversprechend. Nick Scherer benötigte im Greco-Fliegengewicht gerade einmal 44 Sekunden, um den Köllerbacher A-Jugendlichen Sergio Schäfer auf die Schultern zu legen. Der Vorsprung der Gäste in der Gesamtabrechnung war auf 13 Punkte angewachsen, die Schulterniederlage von Alexander Semisorov gegen Vladimir Dubov aus dem Hinkampf ausgeglichen.

Adelhauser Sieggarant Angelov verliert überraschend

Vieles sprach für eine frühe Entscheidung. Die 0:9-Niederlage von Nick Matuhin gegen Oleksander Khotsianivski war ebenso einkalkuliert wie der 7:4-Erfolg von Zoheir El Quarrageüber Nico Zarcone. Der schwedische Greco-Spezialist Zakarias Berg tat sich indes schwer mit dem defensiven Köllerbacher Gennadij Cudinovic (3:2). "Über die Schiedsrichterleistung möchte ich nichts sagen", ärgerte sich Philipp, "in zwei oder drei Kämpfen kann ich die Einschätzung über Aktivität und Passivität nicht nachvollziehen."

Das gilt wohl auch für den Kampf zwischen Ivo Angelov und Etienne Kinsinger, den der Bulgare im Vorjahr noch technisch überhöht besiegt hatte. Diesmal hatte sich der junge Deutsche speziell vorbereitet. "Ich habe mir den Kampf von Ivo gegen Valentin Seimetz letzte Woche genau angeschaut", sagte Kinsinger, "ich wusste, was er macht und wie ich reagieren musste." Nach sechs Minuten war keine technische Wertung notiert, dafür aber zwei Punkte für den Köllerbacher, die Angelovs angeblicher Passivität geschuldet waren. Dennoch: Es war eine Begegnung auf Weltklasse-Niveau mit dem besseren Ende für den KSV.

Gleiches galt für den Kampf zwischen Mihail Sava und dem Adelhauser Akhmed Chakaev, der 3:0 führte, ehe es dramatisch wurde. Einen Angriff Savas konterte der Russe, eine Technik floss in die nächste über. Atemberaubend und in normaler Geschwindigkeit auch für die Schiedsrichter nicht mehr nachvollziehbar – sie zogen den Videobeweis heran. "Das war Betrug", schimpfte Chakaev in seiner Muttersprache und war kaum zu beruhigen, denn Sava gewann 11:9. Und weil Michael Kaufmehl zuvor gegen Istvan Vereb drei Punkte abgegeben hatte, lag der KSV erstmals vorne (8:7).

Und der TuS erlitt den nächsten Rückschlag. Sascha Keller verletzte sich bei einem Durchdreher von Laszlo Szabo und musste mit Verdacht auf Ellenbogenbruch ins Krankenhaus. "Eine so schwere Verletzung raubt einer Mannschaft dann auch die Moral", sagte Philipp, "gerade für Sascha ist es besonders schlimm. Es ist seine fünfte Verletzung in dieser Saison. Es war ganz schwer ihn überhaupt zum Weitermachen zu motivieren."

Trotz allem lag der TuS vor den beiden abschließenden Weltergewichts-Kämpfen in der Gesamtabrechnung noch fünf Zähler vorne, das Finale blieb erreichbar. Doch es kam anders. Routinier Konstantin Schneider unterlag mit 3:4 gegen Timo Badusch. Beide kennen sich gut, trainieren fast täglich am Saarbrücker Olympiastützpunkt miteinander. "Ich musste viel Gewicht abtrainieren. Da fehlt am Ende die Kraft", sagte Greco-Spezialist Schneider, der normalerweise in den Klassen bis 86 Kilogramm antritt, "es ist heute Abend sehr viel schief gegangen. Nahezu jeder Kampf lief gegen uns."

TuS-Ringer Marcel Ewald verkündet Karriereende

Der letzte Kampf war nach vier Minuten beendet. Stephan Brunner unterlag KSV-Kapitän Andrij Shykka mit 0:16. "Mein Problem ist, ich mache mir immer zu viel Druck und Shykka ist noch immer deutsche Spitze. Er hat Volldampf gerungen, da hatte ich nichts entgegenzusetzen", so Brunner, "es ist heute einfach alles gegen uns gelaufen. Mit dem Halbfinale haben wir uns einen kleinen Traum erfüllt. Den großen haben wir verpasst."

Ein ganz Großer nahm am Samstag Abschied, ohne Einsatz und mit Tränen in den Augen. Marcel Ewald sagt dem aktiven Sport Adieu und wird künftig als Nachwuchstrainer beim Deutschen Ringerbund arbeiten. "Wenn ich gewusst hätte, dass im Halbfinale Schluss ist, hätte ich versucht, die letzten Wochen mehr zu genießen. Ich habe die Schuhe ausgezogen. Ende Gelände", so Ewald, "ich habe es noch nicht ganz begriffen und natürlich mir eine bessere Bühne für den Abschied gewünscht. So tut es weh."

Am Ende einer starken Saison in Köllerbach auszuscheiden ist schmerzlich, aber kein Grund zur Trauer. Das Erreichen des Halbfinals bleibt als größter Erfolg der Adelhauser Vereinsgeschichte bestehen. Oder wie Philipp es formulierte: "Mund abputzen und wieder angreifen."

Fotos vom Halbfinal-Rückkampf unter http://mehr.bz/ksv-tus2018